15. hofbauer-kongress: die spalte (gustav ehmck, deutschland 1971)

Veröffentlicht: Januar 12, 2016 in Film
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349679_fEin Säugling wird, eingewickelt in eine Decke, von der Mutter auf ein Bahngleis gelegt. Kurz bevor der Zug kommt, rettet eine alte Frau das junge Leben, lässt es aber beim beschwerlichen Abstieg über die Geröllböschung herunterfallen: Anfang eines Lebens voller Schmerzen. Später im Heim kommt eine Postkarte von der unbekannten Mama an: „Du kannst mit deinem Rotstift die Fehler markieren“, sagt die beaufsichtigende Nonne zu dem kleinen Mädchen, hat dabei sicher nur das Beste im Sinn. Kein Wunder, dass das Mädel im Teeniealter (Gerthild Berktold) die Flucht ergreift, aber sie führt nicht weit: Auf der Straße wird sie von einem jungen Mann im roten Polyesterrolli angelabert und mit einer Bratwurst geködert. Er hat Pläne für das Mädchen, Pläne, bei denen vor allem er profitiert. Und weil sie das einzige Pferd in seinem Stall ist, wird sie erbarmungslos geschunden. Der Rubel muss schließlich rollen.

Die Geschichte um die Zwangsprostitution eines Heimkinds wird von Regisseur Ehmck im distanzierten, mitleidlos beobachtenden Stil einer Dokumentation erzählt. Extradiegetische Musik, die die Emotionen des Zuschauers in vorgegrabene Kanäle lenken würde, gibt es nicht, man ist den Bildern schutzlos ausgesetzt. Es ist nicht so, dass DIE SPALTE sich in sadistischer Zeigefreude erginge -allzu grafische Details bleiben aus, die Würde der Protagonistin bleibt erhalten -, aber es gibt keinen Ausgleich zu den andauernden Tiefschlägen, kein Anzeichen, dass sich irgendetwas bessern könnte, keine Hoffnung, stattdessen eine niederschmetternde Sequenz im gammeligen Keller einer griechischen Pinte, in der das Mädchen in geradezu mechanischer Folge eine ganze Reihe von grienenden Typen bedient, sich nach jedem Freier nur kurz mit einem Lumpen die Scham abwischt und dann wieder zurück auf ihre Pritsche sinkt, um den nächsten zu empfangen. Man weiß nicht, was man frustrierender finden soll: Dass es Männer gibt, die einen Menschen so brutal ausbeuten, ohne auch nur den kleinsten Funken Mitgefühl, dass sich auch von den Außenstehenden niemand erhebt und dem Mädchen hilft oder dass dieses selbst nicht in der Lage ist, sich zu verteidigen, zur Wehr zu setzen gegen ihre Schänder, demütig jede neue Peinigung über sich ergehen lässt und dabei immer mehr in sich versinkt.

Ganz spät im Film eröffnet sich dann doch eine Möglichkeit für eine bessere Zukunft. Ein linker Aktivist stößt auf das Mädchen, nimmt sie bei sich auf, bietet ihr eine Arbeit in einem Kindergarten an. Im Kontakt mit den Kindern sieht man das Mädchen zum ersten Mal lächeln. Es ist ein befreites, entspanntes Lächeln. Den Kindern gegenüber kann sie sie selbst sein, ohne Angst. Doch ihr Zuhälter macht sie ausfindig, es kommt zu einer Keilerei zwischen den Menschenhändlern und den Studenten und einer finalen Konfrontation mit einem leitenden Polizeibeamten. Mit seinem Vampirlächeln sagt er unmissverständlich, dass die Studenten mehr Ärger machten als die Zuhälter, dass man nicht viel unternehmen könne, dass es für die Heimkinderproblematik keine echte Lösung gebe. DIE SPALTE endet in der Schwebe: Dann müsse man das wohl selbst in die Hand nehmen, sagt der Student kämpferisch, und die Kamera zeigt das Mädchen mit zwei Leidensgenossinnen, wie sie trüb ins Nichts starren.

In den Siebzigern ergossen sich ganze Ströme von Schmier- und Schmuddelfilmen in die deutschen Kinos, in denen Frauen zum Objekt degradiert, Rape Culture und männliche Gewalt gegen Frauen bagatellisiert oder zum Spaß deformiert wurden. Auch auf diesem Hofbauer-Kongress waren wieder einige dieser Filme vertreten, die zeigen, wie viel sich seit damals verändert hat, aber auch, wie viele dieser Probleme immer noch bestehen. DIE SPALTE ist ein kämpferischer Gegenentwurf zu solchen Sexfilmen und er legt die gesellschaftliche Misogynie gnadenlos offen, aber es ist natürlich auch ein krass in seiner Zeit verhafteter Film, der am Ende geradezu zur Revolution, zum Aufstand aufruft (wie ich Gesprächen nach dem Film entnommen habe, gab es tatsächlich Bestrebungen linker Aktivisten, Heimkinder auf die eigene Seite zu ziehen und mit ihnen den Kampf gegen das Establishment zu führen). Schon der Titel macht unmissverständlich klar, dass es hier nicht um Erotik, sondern um Agitation geht. Wo andere Filme das weibliche Geschlecht mit blumigen Umschreibungen zum Ort erotischer Verheißung machen, den Mann gewissermaßen zur Selbstbedienung, zum „Pflücken süßer Pfläumchen“ oder ähnlich neckischen Späßen einladen, da gibt es hier eben einfach nur eine Spalte, einen Schlitz, in den man sich entladen kann und der nirgendwo mehr hinführt, schon gar nicht ins Herz einer Frau. Die Protagonistin ist für ihre „Kunden“ nicht mehr als ein belebtes Werkzeug, das man benutzt und danach vergisst, und je weniger man über sie weiß, umso besser funktioniert die Triebabfuhr. Man erfährt demnach auch nichts über das Mädchen und sie sagt kaum einmal etwas. Sie hatte nie die Chance, eine Persönlichkeit auszubilden und weiß demnach auch nicht, wie sie sich selbst schützen soll. Sie weiß genau genommen noch nicht einmal, was sie überhaupt schützen soll. Und Ehmck lässt keinen Zweifel, dass sich auch der Staat kein Bein ausreißen wird bei dem Versuch, ihr beizustehen, eine echte Person zu werden. Er kann ja noch nicht einmal ein Mindestmaß an Sicherheit für sie gewährleisten.

DIE SPALTE ließ keinen der Kongressteilnehmer unberührt: An einem harten letzten Tag war Ehmcks Film ein aufrüttelnder Schlag in die Magengrube, gegen den man sich nicht schützen konnte. Nichts, rein gar nichts erlaubte die Flucht oder die bequeme Distanz zum Gezeigten. Ehmck gelang ein meisterlicher Film, dem eigentlich ein Platz im Olymp des Neuen Deutschen Films zustünde, der aber für solche Anerkennung wahrscheinlich schon damals zu unbequem und hart war und demzufolge in Vergessenheit geriet. Es wäre schön, wenn sich das mit der Aufführung beim Hofbauer-Kongress geändert hat, denn gegenwärtige Ereignisse belegen leider, dass der Kern von Ehmcks Film immer noch aktuell ist. Ich trage das Wort an dieser Stelle gern weiter: DIE SPALTE muss gezeigt und gesehen werden.

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