15. hofbauer-kongress: blue angel cafe (joe d’amato, italien 1989)

Veröffentlicht: Januar 11, 2016 in Film
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bacBLUE ANGEL CAFE war nicht der beste Film des Kongresses. Aber irgendwas hat er, was ihn mir total eingebrannt hat. Es gab viele denkwürdige Filme in den letzten vier Tagen, aber an keinen davon erinnere ich mich so gern zurück wie an Joe D’Amatos Interpretation von Heinrich Manns „Professor Unrat“, so etwas wie seine große Sirk-Huldigung.

Der Film erzählt von der Liebesaffäre zwischen dem ambitionierten – und darüber hinaus verheirateten – Politiker Raymond Derek (Richard Brown) und der Nactclubsängerin Angie (Tara Buckman). Er verlässt vor flammender Leidenschaft die etwas öde Gattin und ehelicht den „blauen Engel“, was ihn die Karriere kostet und in eine tiefe Krise stürzt, in der auch die Gefühle zu Angie schwinden. Am Ende kehrt er wie ein geprügelter Hund zu seiner Frau zurück und Angie singt wieder in ihrem Nachtclub: „I still dream of you/Don’t you ask me why I feel/dreams come true“. Manche Dinge sollen einfach nicht sein, aber das Leid schreibt eh die besseren Songs.

Es ist ziemlich leicht, sich über BLUE ANGEL CAFE lustig zu machen: Der bekannten Geschichte saugt D’Amatos Inszenierung jede handelsübliche Glaubwürdigkeit und die viel beschworene Authentizität ab, es regieren Eighties-Schwulst, rammdösige Dialoge, hölzerne Akteure und immer wieder Szenen wie jene, in der Angie mit kindlichem Überschwang Möwen am Hafen füttert, nur um das letzte Stück Brot ihrem neuen Lover in den Mund zu schieben. Liebe, du bist wahrlich ein albernes Stück Scheiße! Erwartet man von einem Film, dass er sich in der Zeichnung seiner Charaktere und ihrer Lebenssituation der Realität möglichst weit annähert, dann bleibt einem der Zutritt zum BLUE ANGEL CAFE verwehrt. Man muss dem Film bedingungslos glauben, sich ganz auf diese Welt einlassen, in der vieles, an dem wir uns regelmäßig die Zähne ausbeißen, wie von selbst zu gehen scheint, anderes dagegen so kompliziert ist, dass man fast verrückt werden könnte. Innerhalb weniger Szenen vollziehen die beiden Protagonisten die Entwicklung vom ersten Treffen bis hin zur festen Beziehung, der Vollzug der Scheidung Raymonds ist D’Amato eine lächerliche Szene wert und das „Fernsehstudio“, in dem der angehende Politstar interviewt zu Beginn wird, sieht aus wie eine abgehängte Studentenbude, der Moderator muss sich fast den Hals ausrenken, um in die Kamera schauen zu können. Das große, magische Liebesglück aus dem Märchen, das – wenn überhaupt nur in dieser Welt möglich scheint – währt dann aber doch nicht so lang: Raymonds politische Karriere ist logischerweise beendet, doch starten andere Politiker dann erst richtig durch, gehen in die Wirtschaft und lassen sich fürstlich für fragwürdige Beraterjobs entlohnen, reicht es beim ehemaligen Beinahe-Gouverneur nur noch zur Praktikantentätigkeit, die ihn dann auch von jetzt auf gleich in die Alkoholsucht stürzt und ihn die Geliebte mit zunehmend wüster werdenden Beschimpfungen überziehen lässt.

Bei D’Amato spielt sich das ganze Drama in den Bildern ab, die Haltung ist hier entscheidend, nicht das „Was“, sondern das „Wie“. Hinter der vermeintlichen Naivität der Erzählung kommt die totale Unfähigkeit der Protagonisten zum Vorschein, die richtigen Entscheidungen zu treffen, das Leben überhaupt irgendwie zu steuern. Sie leben es so, wie D’Amato inszeniert: Immer auf die größtmögliche Befriedigung aus, aber ohne die Geduld, dafür auch einen Umweg in Kauf zu nehmen. Das ist eine typische Achtzigerjahre-Haltung: Alles, alles für mich, alles jetzt, alles auf einmal und nichts weniger. Aber wer sich so ins Leben wirft, muss sich auch für die große Verletzung wappnen. Nicht nur daran hapert es aber. Douglas Sirks THERE’S ALWAYS TOMORROW erzählt von einer aufgefrischten Jugendliebe, für die im Leben seiner beiden bereits erwachsenen Protagonisten leider kein Platz mehr ist. Die Liebe scheitert überaus bitter nicht an einem Mangel an Zuneigung, sondern an den ökonomischen Zwängen, denen die beiden Liebenden unterliegen. Vordergründig sind es bei D’Amato Klassenunterschiede, die das Ende der heißen Affäre zwischen dem Politiker und der Sängerin besiegeln, aber eigentlich wird gar nichts wirklich erklärt oder begründet. Die Liebe scheitert einfach, an den äußeren Umständen, an Dummheit und Eitelkeit, an einer Kombination aus unterschiedlichsten Faktoren, die für sich genommen bedeutungslos sind. Vielleicht ist es auch einfach dieser alberne Streifenpullover, den Raymond so gern trägt, obwohl er darin aussieht wie ein 13-Jähriger, der von der Mama zum Kommunionsunterricht gebracht wird. Oder dieses unglaubliche Licht, das in der Abenddämmerung so fantastische Schatten wirft, die für einen Film über das große Glück einfach verschenkt wären. Vielleicht passiert das alles auch nur, weil Angie am Anfang dieses tolle Lied singt, dessen Text den Ausgang des Films vorwegnimmt und das man am Ende noch einmal hören will, mit dem neu aufgestauten Leid und der neuen Lebenserfahrung in der Darbietung ihres Lebens.

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