der bunker (nikias chryssos, deutschland 2015)

Veröffentlicht: Januar 14, 2016 in Film
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der_bunker_-_posterEin junger Mann stapft im Parka und mit einem Koffer  durch einen verschneiten Wald. An einem Bunker ist er am Ziel angekommen, wird von einem schnurrbärtigen Herrn (David Scheller), gleichzeitig servil und zwielichtig, empfangen und in das karge, kellerartige Innere geführt. Offensichtlich will der junge Mann, ein Mathematikstudent (Pit Bukowski), den Raum anmieten, um dort in Ruhe und Abgeschiedenheit an seiner revolutionären Formel zu arbeiten. Doch trotz dieses Bedürfnisses scheint ihm das Verlies nicht ganz geheuer: „Hier kommt ja gar kein Licht rein“, beklagt er sich. „Ja, aber auch keins heraus!“, antwortet der Herr, als sei das ein unschlagbares Argument. Der Student willigt schließlich ein, lernt beim ersten gemeinsamen Abendessen die Gattin (Oona von Maydell) des Mannes kennen, dann schließlich den Sohn Klaus (Daniel Fripan), einen geistig zurückgebliebenen Erwachsenen, den die Eltern wie einen Achtjährigen behandeln und ihn zum Präsidenten der USA ausbilden wollen. Dabei scheuen sie auch vor körperlicher Züchtigung nicht zurück …

Nikias Chryssos etabliert in seinem vollkommen unabhängig finanzierten Spielfilmdebüt zunächst ein bizarres Setting, das von nicht minder bizarren Charakteren bevölkert wird. In der dunklen Wohnung residiert die Familie wie in einer im Stile der Fünfzigerjahre gehaltenen Zeitkapsel. Neben scheußlich gemusterten Tapeten und Teppichen, gruseligen Tischlampen, Bildern und Dekorationsgegenständen, huldigen klobige Büsten den großen Denkern der Weltgeschichte, in deren Tradition sich der hilflose Klaus nach dem Wunsch der Eltern einreihen soll. Spielen ist ihm unbekannt, stattdessen wird er mit dem Rohrstock unnachgiebig, aber erfolglos auf Leistung gedrillt, bekommt zur Beruhigung die Brust der Mutter, die von einer offenen Beinwunde namens „Heinrich“ Befehle entgegennimmt. DER BUNKER spielt in einer Welt und Zeit, die die unsere sein könnte, jedenfalls gibt es keine anderslautenden Hinweise, und das surreale Szenario wird vom von außen hinzutretenden Protagonisten nur mit mäßig ausgeprägter Verwunderung zur Kenntnis genommen. Nicht der Übertreibung verdankt der Film seine schräge, albtraumhafte Atmosphäre, sondern gerade der Tatsache, dass das Seltsame mit äußerster Selbstverständlichkeit inszeniert wird. Bestes Beispiel ist die Figur des Klaus, dessen Alter nie wirklich hinterfragt wird, obwohl er ganz offenkundig kein Kind mehr ist. (Überhaupt Klaus: Diese Rolle, die zu schlimmstem Overacting und Brachialhumor geradezu einlädt, wird von Daniel Fripan mit großer Zurückhaltung und beachtlichem Einfühlungsvermögen gespielt, die die Würde der Figur zu jeder Zeit bewahren.) Das großartige Dekor, das die unterschiedlichsten, eigentlich unvereinbaren Stile zu einem schlüssigen Gesamtkonzept zusammenführt, trägt zu dieser Atmosphäre ebenso bei wie der Ton des Films, der gleichermaßen komisch, tragisch und unheimlich ist, Horror- und Science-Fiction-Elemente integriert, so unterschiedliche Einflüsse wie David Lynch, David Cronenberg, Helge Schneider, Christoph Schlingensief, Wes Anderson und Nicolas Windig Refn erkennen lässt (die Figur des Klaus und ihre Beziehung zur Mutter erinnerte mich zudem nicht wenig an Andrea Bianchis Zombiegranate LE NOTTI DEL TERRORE).

Auch thematisch deckt Chryssos mit seinem Debüt ein weites Feld ab, verfällt aber glücklicherweise nicht in langweiligen Allegorismus. Viele Bilder lassen sich recht eindeutig interpretieren – wie Klaus von den Eltern erzogen wird, erinnert an überambitionierte Helikoptereltern, das Verbarrikadieren vor den „schädlichen“ Einflüssen der Außenwelt an jene Denke, die hasserfüllte Menschen am Montagabend auf die Straßen Dresdens führt -, aber der Film entzieht sich einer lückenlosen „Übersetzung“ in eine griffige Botschaft. Womit er sich vom Gros des zeitgenössischen deutschen Kinos wohltuend unterscheidet, dem der tagesaktuelle Bezug, die „Verwertbarkeit“ alles ist und der darüber die Poesie oft schmerzlich vermissen lässt. DER BUNKER hat hingegen reichlich davon, etwa in der großartigen, das Herz öffnenden Monatgesequenz, in der Klaus unter Anleitung des Studenten lernt, was Spielen ist, und die beiden sich anfreunden: Da weht dann fast ein Hauch von BONNIE & CLYDE durch den deutschen Wald. Und wenn der Student später einen Blick in Klaus‘ Poesiealbum wirft, eine Kinderzeichnung erblickt, die ihn unter der Überschrift „Mein bester Freund“ beim Schwingen des blutigen Rohrstocks zeigt, verbinden sich die ganzen einander widerstrebenden Gefühle gar zu einem dicken Kloß im Hals. Bei aller Interpretierbarkeit bewahrt Chryssos immer diesen sense of wonder, der das Wesen des Kinos ist und sich der ordnenden Ratio beharrlich widersetzt.

Fazit: DER BUNKER ist ein wunderbarer, trotz aller erkennbarer Einflüsse eigenständiger Film, der die Messlatte für Kommendes von Chryssos sehr hoch legt. Man darf gespannt sein – und hoffen.

Kommentare
  1. […] „Der Bunker“ (läuft übrigens am 11. März in Bremen innerhalb unserer Reihe „Weird Xperience“) hat es auch […]

  2. Faniel Dranz sagt:

    Habe gerade deinen „Aufsatz“ gelesen der dem auf der Bildstörungs-Edition beilag.
    Der Absatz THE RETURN OF THE GERMAN HORRORFILM und die Titel die du da nennst haben mich mal wieder daran erinnert das es doch damals diesen höchst dubiosen deutschen Gore-Arthouse-Was-Weiß-Ich-Film gab, in dem Esther Schweins ein wenig von ihrem RTL-Samstag-Nacht-Image abschütteln wollte: DER ROSENKAVALIER.
    Der Film ist allerdings komplett aus dem Allgemeingedächtnis der Leute verschwunden wohl auch weil er irgendwie nie offiziell erschienen ist. Sag mal: Hast du den gesehen bzw. weißt du mehr über dessen Legendenbildung? lg Daniel

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