arrowsmith (john ford, usa 1931)

Veröffentlicht: Januar 15, 2016 in Film
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critique-arrowsmith-fordARROWSMITH ist Fords Verfilmung eines damals überaus populären – und wohl auch innovativen – Arzt- und Wissenschaftsromans von Sinclair Lewis aus dem Jahr 1925. Der Schriftsteller wurde für das Buch 1926 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, den er aber ablehnte, weil er mit der hinter dem Preis stehenden Philosophie nicht einverstanden war. Lewis galt als scharfer Kritiker der US-amerikanischen Gesellschaft, des Kapitalismus und Materialismus, und war 1930 außerdem der erste amerikanische Schriftsteller, der mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Sein Roman handelt von dem ambitionierten Wissenschaftler Martin Arrowsmith, der eine Forschungslaufbahn anstrebt, sich aber zunächst mit seiner Gattin als Landarzt in einer Kleinstadt im Mittleren Westen niederlässt. Als er ein Heilmittel für eine Viehkrankheit entwickelt, wird er an ein renommiertes Forschungsinstitut nach New York berufen, wo er an der Formel für ein Allzweckmedikament arbeitet. Der Impfstoff soll auf einer Karibikinsel getestet werden, wo gerade eine tödliche Epidemie wütet. Doch seine Gattin infiziert sich und verstirbt, Arrowsmith beendet seine Karriere und wagt mit einem Kollegen eine Neuanfang. Lewis‘ Roman galt damals als wichtiger Beitrag zur Debatte um den zunehmend beschleunigten Fortschritt der Medizin und die ethischen Probleme, die sich nicht zuletzt dadurch ergaben, dass plötzlich ein ganzer Industriezweig in die Entwicklung von Medikamenten involviert war. Sein Protagonist Arrowsmith ist ein absolut glühender Vertreter wissenschaftlicher Ideale, aber aufgrund seiner asketischen, streng rationalen sowie seiner welt- und lebensfremden Art nur eine mäßig sympathische Figur (ich referiere hier nur, was ich über das Buch gelesen habe und hoffe, dass es kein Unsinn ist).

Fords Aufgabe war es nicht zuletzt, den Charakter nahbarer, herzlicher zu machen. Betrachtet man den immensen Erfolg, der er der United Artists mit ARROWSMITH bescherte – sein Film erhielt immerhin vier Oscar-Nominierungen: Best Picture, Best Writing, Best Cinematography und Best Art Direction -, scheint seine Strategie aufgegangen zu sein. Hauptdarsteller Colman verleiht dem Akademiker einen gewissen aristokratischen Charme, zeigt in einer eigens für den Film geschriebenen Szene, in der er einem Jungen einen Zahn zieht, Improvisationstalent und einen bodenständigen handwerklichen Pragmatismus. Dass er mit seiner etwas steifen Art als fish out of water optisch reichlich deplatziert zwischen lauter Landeiern agiert, macht ihn dem Zuschauer nicht fremd, sorgt vielmehr dafür, dass man sich mit ihm verbündet. Trotzdem: Wenn Arrowsmith im Verlauf des Films gleich zweimal zu spät kommt, um seiner Frau Leora (Helen Hayes) zu helfen – einmal, als sie eine Fehlgeburt erleidet, beim zweiten Mal, als sie der Seuche erliegt -, „the film virtually becomes the story of their nonrelationship“ [Tag Gallagher: John Ford. The Man and his Movies, S. 97]Arrowsmith ist in erster Linie mit seiner Profession verheiratet und wenn man ihm auch glaubt, dass er seine Frau liebt, so spielt sie doch immer nur die zweite Geige, wird nie so sehr Teil seines Lebens wie die Tiegel und Chemikalien, die er da hochkonzentriert zusammenkippt. Sie mag der zeitgenössischen Unbedarftheit des Films geschuldet sein, aber besonders erhellend fand ich in dieser Hinsicht die Szene, in der Arrowsmith seine Frau die Reagenzgläser mit den gefährlichen Bakterien in der Gegend herumtragen lässt. Ihr Tod ist seiner Unachtsamkeit geschuldet.

Im Werk Fords wird ARROWSMITH heute insofern als Meilenstein betrachtet, als der Regisseur sich zum ersten Mal bemühte, einen ausgefeilten, facettenreichen Charakter zu zeichnen und nicht bloß mit Archetypen und Schablonen arbeitete. Dramaturgisch nimmt sein Film heutige Biopics vorweg, ordnet sich mit seiner Fortschrittsidee zudem in die Filmografie Fords ein: ARROWSMITH beginnt mit den Vorfahren des Protagonisten, die mit dem Planwagen gen Westen in eine bessere Zukunft fahren, findet über eine kurze Passage, die den jungen Mann erst als Schuljungen, dann als Student zeigt, in die Gegenwart. Arrowsmith wird mit seiner Zielstrebigkeit immer wieder auf Umwege gezwungen, etwa wenn sein späterer Mentor Professor Gottlieb (A. E. Anson) ihn auffordert, vor der akademischen Laufbahn das medizinische Handwerk zu erlernen, sich als Sanitäter den Ekel vor Blut und Leichen abzutrainieren, oder eben wenn er aufs Land gehen muss, um jenes Serum zu entwickeln, das die Aufmerksamkeit der Wissenschaft erregt. Im Mittelpunkt seiner Geschichte stehen die Konflikte und Dilemmata: Sein erster Patient als Landarzt, ein kleines Mädchen, verstirbt unter seinen Händen an den Folgen der Diphterie. Sein Arbeitgeber in New York ist zuerst an Publicity interessiert und dann an wissenschaftlicher Aufrichtigkeit. Und später, wenn es um die Bekämpfung der Seuche geht, steht Arrowsmith vor der harten Entscheidung, wem er den Impfstoff verabreicht. Hier stößt ARROWSMITH dann auch etwas an die Grenzen der Plausibilität: Die Regeln der Wissenschaft sehen es laut Film vor, dass der Impfstoff nur einer Gruppe verabreicht und einer anderen vorenthalten wird, um seine Wirkung exakt bestimmen zu können. Auch Arrowsmith weigert sich beharrlich, diese Konvention zu brechen und so eventuell mehr Leben zu retten. Man versteht nicht ganz, warum, und begreift den Protagonisten in seiner Orthodoxie nicht so sehr als prinzipientreu und vernünftig, sondern als unmenschlich und kalt.

Trotz solcher Schwächen hat mir ARROWSMITH aber sehr gut gefallen, vor allem der Schlussakt auf der Karibikinsel, in dessen von Murnau beeinflussten, düsteren, schattig-nebligen Bildern man schon Tourneurs I WALKED WITH A ZOMBIE um die Ecke lugen sieht. Fotografie und Bildkomposition sind sowieso exzellent und ich vermute, dass mir der Detailreichtum von Fords Inszenierung erst beim zweiten Mal sehen so richtig aufgehen wird.

 

Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Arrowsmith ist unmenschlich und kalt. Ford lässt das brillant zwischen den Zeilen mitlaufen. Im Suff und Wahn ist er in der Lage das Mittel freizugeben. Die Unmenschlichkeit Menschen in Kontroll- und Wirkgruppe einzuteilen des Wissenschaftsapparates (wird auch heute noch so gemacht, aber darf nicht an die große Glocke gehängt werden, die Pharmaindustrie lässt so im jahr Millionen Menschen in Entwicklungsländern zwecks Forschung sterben) wird von ihm nicht aufgrund einer menschlich-moralischen Einsicht getätigt. Er ist sogar so ein Schwein, dass er seine Frau hat sterben lassen (während er sich mit einer anderen vergnügt, wurde aber von der Zensur entfernt) und sich am Ende noch versucht als Vollblutwissenschaftler zu stilisieren. Dass Ford die letzte Einstellung mit einer kaum wahrnehmbaren Unschärfe enden lässt (ein beliebtes Stilmittel von ihm) zeigt, wie Arrowsmith im Selbstbetrug lebt.

  2. Marcos sagt:

    Und natürlich toller Text.🙂

  3. Marcos sagt:

    Ach ja, so unglaublich das klingt, aber bei Ford gibt es keine Unachtsamkeiten. Die Szene mit den Reagenzgläsern hat natürlich eine deutliche Aussage. Und dabei ist sie es, die ihm alles ermöglicht. Nach ihrer flammenden Rede setzt sie sich und Ford zeigt den Essenstisch als Repräsentanz von Macht und sie zündet sich eine Zigarette an (Tabu für Frauen der Zeit) um deutlich zu machen, dass sie ihren eigenen Kopf hat.

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