1. morbid movies: sick: the life and death of bob flanagan, supermasochist

Veröffentlicht: Juni 6, 2017 in Film
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In Europa steht die Wahrscheinlichkeit, das ein Kind mit der Diagnose „Mukoviszidose“ auf die Welt kommt, bei 1:2.000. Es handelt sich um eine bislang unheilbare Krankheit, bei der es zu einer Mutation mit folgender Fehlfunktion von bestimmten Körperzellen kommt. Die Zellen, sind nicht in der Lage, Wasser zu ziehen, mit dem Resultat, dass Sekrete in den Bronchien und verschiedenen Organen zu dickflüssig werden und so die Organfunktionen beeinträchtigen. Die Lebenserwartung von Mukoviszidose-Patienten liegt mittlerweile bei ca. 40 Jahren, als Bob Flanagan, Supermasochist, sie in den Fünfziger-, Sechzigerjahren erhielt, da gab man ihm maximal sieben oder acht.

SICK: THE LIFE AND DEATH OF BOB FLANAGAN, SUPERMASOCHIST zeigt wie Bob Flanagan mit dieser Diagnose umging. Um die ständigen starken Schmerzen auszuhalten, entdeckte er den Masochismus. Außerdem verarbeitete er den zunehmenden Verfall seines Körpers in Kunstwerken und Performance-Auftritten, mit denen er auch Aufmerksamkeit für die Krankheit und das Leiden der Betroffenen erreichte. Der Film endet mit Bob Flanagans erwartetem, vorhersehbarem Tod im Jahr 1996, im Alter von immerhin 44 Jahren: Es gibt kein Happy End, konnte, sollte keines geben. Dennoch ist SICK ein hoffnungsfroher, lebenbejahender und beeindruckener Film, der mich am vergangenen Samstag in Nürnberg emotional völlig zerstört hat.

Bob Flanagan liefert mit seinem Schaffen zum einen den eindrucksvollen Beweis, dass man auch mit einer solch schweren Krankheit ein produktives, reiches Leben führen kann. Dass es zudem möglich ist, mit Qualen und Schmerzen, die sein täglicher Begleiter sind, umgehen kann. Dass man dem Tod ins Gesicht lachen kann, nicht in Selbstmitleid, Depression und Tatenlosigkeit versinken muss. Und er zeigt natürlich nicht zuletzt, dass man es bis in die großen Kunstausstellungen bringen kann, wenn man sich Nägel durchs eigene Geschlecht hämmert. Bob Flanagan war ein außergewöhnlicher Mensch, aber das, was ihn wirklich auszeichnete, ist etwas, was uns alle betrifft.

Aber das ist längst nicht alles: Die Szenen, die Flanagans Eltern zeigen, ganz einfache Leute, die gewiss nicht den Plan hatten, gleich mehrere Kinder an Mukoviszidose zu verlieren, wie es ihr Schicksal sein sollte, und wahrscheinlich noch weniger, dass ihr Sohn ein weltbekannter Sadomasochist wird. Rührend ist die Aussage von Bobs homosexuellem Bruder, dass er sich neben diesem immer inadäquat und trotz seiner Homosexualität „spießig“ empfunden habe. Diese Szenen zeigen, dass es eben durchaus möglich ist, alternativen Lebensentwürfen mit Normalität zu begegnen. Dass Toleranz und Akzeptanz keine Wunder sind, sondern aus der echten, von Liebe geprägten Auseinandersetzung miteinander entspringt. Wenn Bobs Vater über den Kampf seines Sohnes gegen die Krankheit spricht, hört man Stolz aus seiner Stimme – obwohl Flanagans Kunst deutlich von seiner Lebenrealität entfernt sein dürfte.

Das Zentrum des Films ist die Beziehung Bobs zu seiner Geliebten, Partnerin und „mistress“ Sheree Rose. Auch hier rückt SICK viele Vorurteile oder Fehlschlüsse über das Wesen sadomasochistischer Beziehungen gerade. Die „Sitzungen“, in denen Sheree ihren Bob quält, sind von großer Zärtlichkeit und Romantik. Da haben sich zwei Menschen zu einer im positivsten Sinne symbiotischen Beziehung zusammengefunden und Bobs Fetisch hat in diesem Rahmen nichts Abstoßendes. Es ist einfach sein Weg, sich das Leben erträglich zu machen. Der inhärente Humor bleibt ihm selbst nicht verborgen: In zahlreichen Gedichten und Liedern, die seinen Alltag als Masochist beschreiben, macht er sich über seine Unzulänglichkeiten sowie über unvermeidbare Missgeschicke und Verletzungen lustig. Es gibt keine unangenehme Selbstverherrlichung in dem, wie Bob sich darstellt und seine Lust praktiziert.

SICK: THE LIFE AND DEATH OF BOB FLANAGAN, SUPERMASOCHIST zeigt sehr eindrucksvoll und nachdrücklich, dass der Mensch in der Lage ist, auch unter widrigsten Umständen zu triumphieren. Ein 17-jähriges Mädchen, selbst Mukoviszidose-Patientin, trifft ihr großes Idol Flanagan, um mit ihm über seine Krankheit, die Schmerzen und seinen Sadomasochismus zu sprechen. Sie weiß, was ihr bevorsteht, aber es gibt keine Angst, keine Bitterkeit, keine Verzweiflung in ihren Worten. Ihre Mutter kann nur mit unübersehbarer Bewunderung neben ihr sitzen.

Wenn der Tod dann kommt, ist es natürlich dennoch deprimierend. Bob Flanagan, halb bewusstlos im Bett eines abgedunkelten Krankenhauszimmers, Sheree, die nun, als der Moment da ist, von dem sie wusste, dass er irgendwann kommen würde, mit Verzweiflung versucht, ihm in den letzten Stunden beizustehen. Bobs ganzes Leben war Schmerz, aber gegen diesen helfen nun keine Nägel mehr.

Ein unvergesslicher Film.

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Kommentare
  1. Faniel Dranz sagt:

    Der ist wirklich ziemlich großartig und anrührend (im positiven Sinne). Trifft direkt ins Herz.
    Unter dem Etikett „Morbid Movies“ würde ich ihn zwar nicht unbedingt kategorisieren aber was solls, wenn dadurch mehr Menschen auf ihn aufmerksam gemacht werden ist es ja spitze.

  2. […] Merkwürdiges und Bizarres gesehen, wie die tolle und ebenso traurige, wie lebensbejahende Doku „Sick: The Life and Death of Bob Flanagan, Supermasochist“ oder den berüchtigten Einlauf-Porno „Water Power“. Mehr auf Remember It For […]

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