showgirls (paul verhoeven, usa 1995)

Veröffentlicht: Juni 5, 2009 in Film
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showgirls[1]Mit all ihren Habseligkeiten in einem Koffer macht sich Nomi (Elizabeth Berkley) auf den Weg nach Las Vegas. Sie träumt von einer Karriere als Tänzerin in einer großen Revue, doch stattdessen wird sie gleich nach ihrer Ankunft bestohlen und landet wenig später als Tänzerin in einem schäbigen Striplokal. Dort erregt sie die Aufmerksamkeit von Cristal (Gina Gershon), Star der großen Show „Goddess“, die ihr schließlich doch die ersehnte Chance vermittelt. Allerdings mus Nomi schon bald feststellen, dass man in der Welt des Glitter und Glamour nichts geschenkt bekommt …

Filme wie SHOWGIRLS, die schon vollmundig verrissen und mit negativen Superlativen überhäuft werden, bevor sie überhaupt jemand zu Gesicht bekommen hat, haben bei mir von Natur aus einen Bonus. Und das gilt doppelt, wenn sie von einem Mann wie Verhoeven inszeniert werden, der selbst in schlechter Form noch hundertfach interessantere Filme macht als viele seiner Kollegen in ihrer ganzen Karriere. Beleg dafür ist eben SHOWGIRLS, der ganz bestimmt ausgesprochen schwierig, oft klischeehaft und manchmal gar blöd ist, aber dabei immer noch spannender, herausfordernder und ungewöhnlicher als so manches, was einhellig und undifferenziert als „Meisterwerk“ abgefeiert wird (wie z. B. THE WRESTLER). „Schwierig“ trifft SHOWGIRLS von allen oben genannten Attributierungen sicherlich am besten: Der Film – ähnlich künstlich, trügerisch schillernd und oszillierend wie die Welt, die er abbildet – ist alles andere als leicht zu fassen, weil er im Grunde vollkommen unvereinbare Elemente miteinander verbindet. Die Geschichte von Nomi ist vor allem ein (Zivilisations-)Märchen mit allen dazugehörigen Zutaten: Es gibt die schöne, manchmal trotzige Heldin (Nomi), die böse Hexe (Cristal), zahlreiche Verbündete und Feinde, die nicht immer gleich als solche zu erkennen sind, und eine geheimnisvolle, undurchsichtige Welt, die nach ihren eigenen, der Heldin noch unbekannten, Gesetzen funktioniert, in der sie sich erst nach und nach orientieren muss. Märchen sind vor allen Dingen eins: unrealistisch und überzeichnet. So wundert es nicht, dass das Figureninventar von Verhoevens sich nicht durch sensible Charakterisierungen auszeichnet, sondern durch grelle Farben und Übertreibungen: Nomi ist so naiv, dass es wehtut, Cristal ist eine intrigante, bisexuelle und immergeile Schlampe, Robert Davi als Striplokalbesitzer der Mann, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat und hinter dessen Fassade sich ein weicher Kern verbirgt, Kyle MacLachlan als Produzent der Erfolgsrevue der aalglatte Schmierlappen, der sein Gegenüber perfekt zu manipulieren versteht. Zu diesem fast schon karikaturesken Stil passt natürlich auch die auf Provokation gebürstete Oberfläche des Films: SHOWGIRLS suhlt sich geradezu in seiner Darstellung von Full Frontal Nudity, lässt keine Gelegenheit zu für Hollywood doch recht expliziten Sexdarstellungen und Anzüglichkeiten aus und scheut sich dabei nicht, den Bogen das ein oder andere Mal mächtig zu überspannen. Mit Verhoeven und Drehbuchautor Eszterhas – damals der bestbezahlte Drehbuchautor Hollywoods, der den Markt ein paar Jahre lang vor allem mit schlüpfrigen Erotikthrillern (BASIC INSTINCT, SLIVER, JADE) dominierte, bevor sich diese Masche abgenutzt hatte und er sich wieder anderen Themen zuwandte (ohne an seine früheren Erfolge anknüpfen zu können) – hattben sich wirklich zwei Männer gefunden, die ihre jeweiligen Obsessionen und Vorlieben regelrecht entfachten, anstatt sich gegenseitig zu reglementieren.  

Auf der anderen Seite – und eigentlich wird SHOWGIRLS erst hier so richtig tricky -, handelt es sich bei ihm natürlich auch um eine Zivilisationskritik, eine Abrechnung mit dem amerikanischen Traum und natürlich auch mit der Unterhaltungsindustrie im Allgemeinen und Hollywood im Besonderen. Allerdings bemüht sich Verhoeven auch hier keineswegs um Subtilität, sondern schlägt einem seine Message mit Wucht um die Ohren. Was sagt uns SHOWGIRLS? Er sagt:  Wer versucht, in dieser Welt etwas zu werden, muss sich prostituieren. Er sagt: Der Körper ist das einzige Kapital der Besitzlosen. Er sagt: Das System ist grausam und kennt keine Gnade. Er sagt: Wer daran teilnimmt, macht sich schuldig. Er sagt: Die einzige Möglichkeit ist der Ausstieg. Es gibt auch bei Verhoeven kein richtiges Leben im Falschen. Das hat natürlich seine Berechtigung, doch mutete diese Kritik auch kurz vor dem Millenniumswechsel schon ein bisschen altväterlich an und daran hat sich seitdem nichts geändert. Was die Sache relativiert, ist dass Verhoeven sich selbst darüber zu amüsieren scheint: Man sieht ihn förmlich vor sich, wie er hinter der Kamera grienend seine halbnackten Darstellerinnen dirigiert, ihnen vollkommen hohle Sätze in den Mund legt und sich in der nächsten Szene in einer konstruierten Systemkritik ergeht (der von Nomis Freundin angehimmelte Schnulzensänger etwa entpuppt sich als sexbesessener Schläger und Vergewaltiger). Aber das ist eben auch die Strategie Verhoevens: Das er fast immer die Innenperspektive einnimmt und selten allwissend von außen auf seine Protagonisten herabblickt. Am deutlichsten wird das in der Besetzung Nomis mit der damals noch (und heute wieder) relativ unbekannten Elizabeth Berkley: In SHOWGIRLS werden Darstellerin und Dargestellte eins, man kann beide Personen kaum noch voneinander trennen, geschweige denn ihre Geschichten. Wenn die Berkley in ihren Tanz- und Sexszenen absolut verkrampft und unangenehm übermotiviert agiert, meint man ihr verzweifeltes Bemühen zu erkennen, den Regisseur von ihrem Talent überzeugen zu wollen. Es ist manchmal regelrecht schmerzhaft, ihr zuzusehen: Wenn sie sexy sein soll, wirkt sie befremdlich und mechanisch, soll man ihre natürliche Begabung als Tänzerin erkennen, sieht man nur ihre Anstrengung, im Rhythmus zu bleiben. Und wenn sie am Ende, bei ihrem Abschied aus der Lügenmetropole Las Vegas, stolz verkündet, dass sie „sich selbst“ gefunden habe, fragt man sich, wer dieses „Selbst“ hinter dem Barbiepuppengesicht denn eigentlich sein soll. Verhoevens Strategie erinnert hier an seinen zwei Jahre später erschienen STARSHIP TROOPERS, der auch deshalb so fulminant war, weil man seinen jungen Hauptdarsteller anmerkte, dass sie gar nicht verstanden, worum es ihrem Regisseur überhaupt ging: Sie spiegelten ihre Charaktere, junge Leute, die sich von den Werbebotschaften des Militärs und dem Versprechen von Abenteuer und Ruhm hatten blenden lassen und voll blinder Begeisterung in ihren Untergang rannten, nahezu lebensgroß wider. Gerade ihr Mangel an Einsicht in ihre Rollen ließ sie auf der Leinwand erst zu voller Größe wachsen. Ähnliches gilt eben auch für Elizabeth Berkley, deren Filmkarriere – analog zu dem kurzen Ruhm Nomis – schon kurz nach SHOWGIRLS im Sande verlief. Kritik ist laut Adorno nicht von einem archimedischen Standpunkt aus möglich, gleichzeitig kann man das System auch nicht von innen heraus zersetzen: Man muss den Spagat schaffen. Verhoeven ist einer der wenigen Hollywood-Regisseure, die das verstanden und umsetzen konnten. Allerdings hat er sich dabei auch ziemlich aufgerieben. Kein Wunder, hält er ja nicht nur seinem Publikum den vielbeschworenen Spiegel vor, sondern auch sich selbst. Es ist nicht immer schön, was sich darin zeigt …

Neben der in seiner inneren Widersprüchlichkeit begründeten Komplexität und der ebenso ungewöhnlichen wie reizvollen Kombination von bedürfnisbefriedigender Trivialität, frontaler Provokation, großbudgetiertem Hochglanzkino und krassem Trash, ist SHOWGIRLS auch visuell nichts anderes als ein Fest, Jost Vacano sei Dank. Der große Auftritt Nomis, kurz vor Schluss, wenn sie es geschafft hat und die pompöse Kunstbeleuchtung des Bühnenaufbaus sie geradezu von innen heraus zu illuminieren scheint, relativiert den ätzenden Zynismus Verhoevens, lässt für ein paar Sekunden jede Kritik vergessen und die menschliche Seite durchschimmern. Ein absolut magischer Moment. Ich kann nicht anders: Ich finde diesen Film fantastisch, für mich ist er (fast) alles, was großes Kino sein kann, der Rest ist die Faszination des Scheiterns. Mehr als SHOWGIRLS geht nicht.

Kommentare
  1. Tommy The Cat sagt:

    Hi,

    ein toller Beitrag zu diesem von der breiten Masse völlig verkannten Werk. Es tut gut zu sehen, dass man nicht der Einzige ist, der diesen großartigen Film zu schätzen weiß!

    • funkhundd sagt:

      Hi Tommy,

      vielen Dank für deine Nachricht! Immer schön, nette Sachen zu lesen. 🙂

      Die Rezeptionshaltung gegenüber SHOWGIRLS – und ähnlich einhellig abgelehnten Filmen – finde ich vor allen Dingen traurig. Ich finde Verhoevens Film wie eigentlich sein ganzes Werk durchaus streitbar, das habe ich ja auch angedeutet. Aber ich empfinde das als großen Gewinn. Mir ist das hundertmal lieber als ein stromlinienförmig „guter“ Film, den man uneingeschränkt abnicken kann, der einen nur bestätigt.

  2. Tui19 sagt:

    Hi…..

    Ich fand den Film Show gils einfach nur Bombe…..^^

  3. sv sagt:

    ich auch!
    Und das mit den sieben Himbeeren ist meines Erachtens auch nur Filmpolitik!

    kopiert= „Showgirls“ bekam bei der Vergabe im vergangenen Jahr ebenfalls sieben Himbeeren und zudem das zweifelhafte Prädikat „schlimmster Film des vergangenen Jahrzehnts“.

    Das kann ich gar nicht finden da die Geschichte wie die Akteure gut waren!

    MfG SV;-)

  4. […] die Sehgewohnheiten und Wertvorstellungen eines Mainstreampublikums zu torpedieren (BASIC INSTINCT, SHOWGIRLS), so waren es die drastischen Gewaltdarstellungen – ROBOCOP galt seinerzeit als einer der […]

  5. […] KISS ist, so sehr er auch dem Groschenroman verpflichtet ist (der Film mutet ein wenig wie ein SHOWGIRLS mit umgekehrten Vorzeichen an), ein ungewöhnlich zärtlicher und einfühlsamer Film, der auf einen […]

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