heiße träume auf der schulbank (jürgen enz, deutschland 1979)

Veröffentlicht: Februar 16, 2014 in Film
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Frau Clemens (Helen Thomas) ist Mathematiklehrerin und konfrontiert ihre Schüler mit hartem Stoff, der wohl auch Universitätsstudenten den Kopf rauchen ließe:

„In diesem Paragrafen zeigen wir, wie sich in projektiven Ebenen das Axiom von Desargues aus dem Axiom von Pappus herleiten lässt. Wir beweisen, dass eine projektive Ebene, in der eine dem Axiom von Pappus entsprechende Aussage für nur ein Paar von Geraden vorausgesetzt wird. [Bei diesem Satz ist nicht einmal der Lehrerin aufgefallen, dass er unvollständig ist.] Zuerst beweisen wir einige Aussagen über Automorphismen projektiver Ebenen. Aus 6.7 ergibt sich, dass jede nichtidentische zentrale Kollineation K genau eine Gerade G besitzt, deren Punkte sämtliche Fixpunkte sind. G heißt die Achse von K und wird auch mit ZK bezeichnet. Aus 6.8 folgt umgekehrt, dass jeder nichtidentische Automorphismus K, der sämtliche Punkte einer Geraden festlässt, eine zentrale Kollineation ist.“ Usw., usf.

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Dressed to Kill.

Man weiß nicht genau, ob es eine Motivationsstrategie oder eine zusätzliche Herausforderung ihrerseits darstellen soll, dass sie ihren männlichen Schülern tiefe Einblicke zwischen ihre reifen Schenkel offenbart, während sie ihnen diesen trockenen Stoff einprügelt. Ihre didaktisch überaus streitbare Methode zeitigt jedenfalls umgehende Ergebnisse, die aber nur wenig mit Mathematik zu tun haben: Der brave Uwe (Rolf Kochenhofer), immer noch Jungfrau, schleicht des Abends um ihr Haus, um einen Blick auf sie zu erhaschen, und bringt die dralle Lehrerin damit in schwere innere Konflikte, die sie als Stream-of-Consicousness auf den Zuschauer herniedergehen lässt wie eine Zuchtgerte.

„Aber das ist ja Uwe! Mein Schüler Uwe! Dieser hübsche Bengel begibt sich in Gefahr, nur um mich nackt zu sehen. Aber was soll ich tun? Ich kann mich doch nicht einfach ausziehen. Ich bin seine Lehrerin. Auch wenn ich ihn nett finde. Oder bin ich schuld, dass er hier ist? Dass es so weit gekommen ist? Was mache ich denn während des Unterrichts? Die Jungs denken, es sei alles nur aus Versehen. Ich berühre ihre Körper mit meinem Busen. Ich lasse sie zwischen meine Beine sehen, obwohl ich es nicht will. Und trotzdem ist da etwas, das mich dazu treibt. Es macht mir sogar Spaß. Und wenn sie ihre Bleistifte fallen lassen, dann muss ich noch so sitzen bleiben, obwohl ich aufspringen möchte. Dabei weiß ich genau, was in ihren Köpfen vorgeht, wenn ich den Rest der Stunde noch vor ihnen stehe und unterrichte. Also muss ich mich nicht wundern, wenn Uwe hier ist.

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Uwe allein zu Haus.

Während der zögerliche Uwe den ganzen Film über mit verschiedenen Frauen um den Verlust der Jungfäulichkeit ringt – seine mitfühlende Schwester besorgt ihm sogar ein Mädchen, das ihm jeden Wunsch erfüllt – und also auch die keimenden Gelüste der Lehrerin nicht ganz befriedigen kann, ist der fiese Wolf (Günther Bayer) von ganz anderem Kaliber. Er fotografiert seine Lehrerin beim Petting mit Uwe und erpresst sie so zu diversen Schweinereien. Anfangs noch entsetzt, findet sie bald Gefallen daran, Hemmungen fallen zu lassen und Tabus zu brechen. Und in Wolf hat sie offensichtlich einen Gleichgesinnten gefunden.

Weil sie über ihre „Ja, aber“-Argumentation nicht hinauskommt, ist es Uwe, der für sie nach einigen sexuellen Abenteuern, die immer riskanter werden, eine Entscheidung trifft und die Nymphomanin zu einem Umdenken zwingt. Er spielt dem Direktor die Fotos zu, die er Wolf abgenommen hat. Frau Clemens wird während des Unterrichts in dessen Büro gerufen. Langsam schreitet sie den Flur entlang und betritt sein Zimmer. Die Tür fällt hinter ihr zu und zum ersten Mal ist der Zuschauer ausgeschlossen. Ende.

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„I love lamp.“

Wie alle Enz-Filme der späten Siebzigerjahre verfügt auch dieser über ein kammerspielartiges Flair. Es gibt nur eine handvoll von handelnden Personen, die dem Zuschauer weitestgehend fremd bleiben, auch wenn sie dann und wann erstaunliche Dinge von sich offenbaren. So berichtet Wolf, wie er als Jugendlicher von älteren Frauen als Lustknabe benutzt wurde und darüber zum sprichwörtlichen „Wolf“ wurde. Mit der Lehrerin teilt er nicht nur den unstillbaren Sexhunger, sondern auch die große Müdigkeit, die beide nach dem Orgasmus befällt. Sie sind Gefangene ihrer eigenen Bedürfnisse, aber unfähig, sich wirklich zu öffnen. Demgegnüber kann Uwe dem sportlichen Gerödel nur wenig abgewinnen. Richtige Lust empfindet er mit seiner Freundin (Regula Mertens), doch die beiden werden regelmäßig gestört, bevor es zum „Vollzug“ kommen kann.

Sex ist in HEISSE TRÄUME AUF DER SCHULBANK etwas, das großzügig, aber letztlich aus rein egoistischen Motiven verschenkt wird und mit keinerlei Emotion verbunden ist. Es findet keine Verbindung zwischen den Parteien statt, schon gar keine spirituelle. Auch die Darstellung der diversen Fummeleien und Akte entbehrt jeder Subtilität: Aggressiv wird dem Gegenüber die Zunge reingeschoben, die Titten durchgewalkt wie Sauerteig, die Nippel berarbeitet wie die Knöpfe am Flipperautomaten. Der Titel suggeriert auf den ersten Blick Erotik und Leidenschaft, nach dem Film ist klar: Das „Traumhafte“ an diesem Sex ist, dass man ihn ganz allein mit sich ausmacht, ohne einen Gedanken an den Anderen verschwenden zu müssen. Deprimierend.

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Harte Zeiten: „Findest du nicht, dass ein einfaches Eis auch gereicht hätte? So ein Eisbecher ist doch wahnsinnig teuer.“

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Wolf in the Throne Room.

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Gelsenkirchener Barock 1.

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„Wolf, das Radio steht da hinten!“

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Heiz- und Lehrkörper.

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Gelsenkirchener Barock 2.

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Gelsenkirchener Barock 3.

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Let’s talk about sex.

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Candlelight Dinner im Bahnhofsviertel.

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Die ganz feine Gesellschaft.

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Servicewüste Deutschland.

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Le grand finale.

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Alles hat ein Ende nur ein Enz hat zwei.

Kommentare
  1. Danke für die großartigen Bilderunterschriften! Es lebe die Servicewüste Deutschland!

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