terza visione 2: escalation (roberto faenza, italien 1968)

Veröffentlicht: März 28, 2015 in Film
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Mit dieser speziellen Art von linksliberalen Spätzechziger-Hippiefilmen habe ich mehr und mehr Schwierigkeiten: Auch wenn ich ihre grundsätzliche Haltung mag, stört mich oft der aufklärerische Ton, den sie anschlagen, die „Botschaft“, der dann alles untergeordnet wird. Roberto Faenzas Debüt genießt oder genoss in Italien zu seiner Entstehungszeit angeblich einen exzellenten Ruf und ich würde ihm immer zu Gute halten, dass er alles andere als stromlinienförmig ist. Er hüpft aus der Schublade, in die man ihn eben geglaubt hat, einordnen zu können, immer wieder raus, verwandelt sich von einer leichtfüßigen Coming-of-Age-Geschichte im Stile der Commedia all’italiana in eine böse,  gesellschaftskritische Groteske, ohne dass es jedoch einen echten tonalen Bruch gäbe. Das ist alles höchst seltsam und auch interessant, aber so richtig gut fand ich ESCALATION dann doch nicht. Wenn die zauberhafte Claudine Auger, für mich eine der schönsten Frauen, die jemals die Leinwand zierten, hier nicht immer wieder höchst erotisch und verführerisch ins Bild gerückt würde, wäre mein Urteil vielleicht sogar negativer ausgefallen.

ESCALATION hält sich nicht lang mit Exposition auf: Augusto Lambertenghi (Gabriele Ferzetti) reist nach London, wo sein Sohn Luca (Lino Capolicchio) sich im Müßiggang ergeht, von einer Indienreise träumt und den Buddhismus studiert. Seinem Vater ist all das zuwider, und weil er jemanden braucht, der ihm in seinem florierenden Betrieb hilft, holt er Luca nach Hause. Schon nach wenigen Arbeitstagen ist klar, dass Luca für den Kapitalismus nicht gemacht ist. Versuche ihn umzuerziehen, führen ihn in eine Heilanstalt, wo er einer Schocktherapie unterzogen wird, aber aus der er fliehen kann. Schließlich engagiert Augusto die Psychotherapeutin Carla Maria (Claudine Auger), die Luca ohne sein Wissen umerziehen soll, indem sie ihm eine Liebebeziehung – und dann eine Ehe – vorgaukelt. Der Plan gelingt, Luca entdeckt den Geschäftsmann in sich, wird aber von der zunehmend abweisenden Carla förmlich in den libidinösen Wahnsinn getrieben. Dann kommt er hinter das Komplott des Vaters – und begeht einen raffiniert geplanten Mord …

Faenza bringt eigentlich Unvereinbares zusammen: den breiten Körperhumor und die ausgestellte Albernheit der Slapstick-Komödie, verkörpert vor allem von Capolicchio, der seinen Luca als unreifen, tölpelhaften Clown anlegt, und die Reduzierung, die man vielleicht am ehesten mit dem absurden Theater verbindet. Alles Psychologische, das einem die Figuren in ihren Beweggründen näher bringen könnte, wird konsequent aus dem Film genommen, was ihm dieses Lehrstück- und Parabelhafte verleiht, den Umschwung, den ESCALATION in der zweiten Hälfte vollzieht, aber nicht gerade begreiflicher macht. Die Entscheidung Lucas, seine Gattin zu ermorden, scheint eher der „Aussage“, die Faenza machen will, geschuldet, als dass sie wirklich transparent wird. Immerhin führt dieser Twist zu einer denkwürdigen Schlussszene, bei der die Braut in einem Sarg aus Eis und zur Musik einer schwarzen Jazzkapelle vor einem apokalyptischen Industrie- und Mülldeponiepanorama beerdigt wird, während die Lambertenghis in neuer Einigkeit einer güldenen Zukunft entgegenschreiten. Grandios neben der Musik von Morricone und dem kühlen Sex der Auger ist Gabriele Ferzetti, der den Tycoon mit der smarten raubeinigen Ökonomie eines Amerikaners der Marke Richard Conte oder Jack Palance verkörpert und mit seinem Mienenspiel die meisten Lacher hat. Auch das Setting voller bizarrer Pop-Art-Möbel und sinnloser elektrischer Gadgets bereitet große Freude. Am Spiel Caplicchios hingegen schieden sich gestern die Geister und er ist definitiv die Hürde, die man als Zuschauer nehmen muss. Leider war die Kopie dieses raren Films sehr rotstichig, sodass  seine visuellen Qualitäten nicht mehr richtig zum Tragen kamen. ESCALATION reiht sich ein in die Phalanx jener europäischer Filme, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, deren Verschwinden vorprogrammiert ist. Und auch wenn er keiner meiner Lieblingsfilme werden wird: Dieses Schicksal hat er nicht verdient.

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