terza visione 2: bora bora (ugo liberatore, italien/frankreich 1968)

Veröffentlicht: März 31, 2015 in Film
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01712801Roberto (Corrado Pani) reist nach Tahiti, um dort seine Gattin Marita (Haydée Politoff) wiederzutreffen. Im Hotel erfährt er, dass sie bereits abgereist sei, lernt aber dafür die verführerische Susanne (Doris Kunstmann) kennen, die sich auf der Südseeinsel niedergelassen hat und dort ein Leben voller sinnlicher Genüsse lebt. Es entwickelt sich eine seltsame Beziehung zwischen den beiden: Sie hat Europa, das sie – wie Marita – als beengend empfand, den Rücken gekehrt, eine Entscheidung, die vom versnobbten Roberto mit äußerster Herablassung quittiert wird, nicht zuletzt, weil er sich als europäischer Mann gekränkt fühlt. Für ihn ist der Traum von einem Leben im Paradies eine lächerliche Spinnerei und das will er auch Marita klar machen. Er findet sie auf Bora Bora, wo sie mit einem einheimischen Fischer lebt, und eröffnet ihr, sich ebenfalls dort niederlassen zu wollen …

BORA BORA war der wahrscheinlich polarisierendste Film des Festivals, jedenfalls vernahm ich danach einige Stimmen, die sich nur wenig angetan von dem Beziehungsdrama zeigten. Mir hingegen – von mittlerweile vier Hofbauer-Kongressen gestählt, was komplizierte Liebschaften und Ehen angeht – hat BORA BORA sehr gut gefallen; allerdings mit der Einschränkung, dass ich nicht ganz verstehe, welche Probleme Männer und Frauen im intellektuellen europäischen Kino der Sechzigerjahre miteinander zu lösen versuchten. Das Hin und Her zwischen Roberto, einem Arschloch vor dem Herrn, und Marita nimmt gegen Ende, als die beiden es gegen alle Wahrscheinlichkeit und Vernunft geschafft haben, wieder zusammen im Bett zu landen, bizarre Auswüchse an und eigentlich wünscht man sich, dass ein Blitzschlag oder eine andere Form der göttlichen Intervention ihnen und ihrer Unfähigkeit zum Glück ein Ende macht. Man muss sich von der Idee freimachen, dass es hier (und in vergleichbaren Filmen) um psychologisch ausgefeilte Charaktere geht. Roberto, Marita und Susanne sind in erster Linie Repräsentanten bestimmter Vorstellungen und Lebenskonzepte, und der Disput zwischen ihnen eher eine Art filmisch ausgetragener Diskussion. BORA BORA handelt vom Gegensatz zwischen „Zivilisation“ und „Natur“, Materialismus und Idealismus, zwischen sexueller Selbstbestimmung und moralischer Konvention, kurz: zwischen Freiheit und Zwang. Roberto ist durch und durch rationalisiert, vollkommen unfähig dazu, sich so fallen zu lassen wie Susanne und Marita das können, und daher auch ein nur mäßiger Liebhaber und Sexualpartner. Andererseits hat er mit seiner Kritik natürlich nicht Unrecht: Maritas Traum der Weltenflucht ist hochgradig naiv und kurzsichtig, ihre Weigerung, sich mit ihrem Gatten überhaupt auseinanderzusetzen, feige und unreif. Robertos Konfrontation ist unverschämt, aber er hat Grund zu der Annahme, dass Marita umkippt, wenn er nur lang genug interveniert. Und so kommt es dann ja auch.

BORA BORA sieht fantastisch aus, nutzt die farbenprächtige Südseekulisse, die satten Grün- und Blautöne, weidlich aus und strahlte den Besuchern in einer atemberaubenden Technicolor-Kopie von der Leinwand entgegen, die nicht die geringsten Anzeichen von Gebrauch erkennen ließ. Doris Kunstmann begeisterte mich als selbstbewusste, provokante und erotische Verführerin mit Katzenblick; kein Vergleich zu ihrer undankbaren Liebchen-Rolle in UND JIMMY GING ZUM REGENBOGEN. Eine Tiertötungsszene kurz vor Ende – wie in Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST wird eine Wasserschildkröte umgebracht und auseinandergenommen – bedeutete einen heftigen Schlag in die Magengrube, brachte aber auch noch einmal nachhaltig zum Vorschein, worum es Liberatore vermutlich ging: dass der Westeuropäer die Welt, in die er hineingeboren wurde, nicht einfach ablegt und durch eine neue ersetzt, schon gar nicht, wenn es sich dabei um eine handelt, die deutlich archaischer ist. Ich halte die immer wieder aufkeimende Tiersnuff-Debatte überdies für ziemlich scheinheilig: In den Kühlregalen unserer Supermärkte liegen Tonnen von industriell erzeugten Fleischprodukten, aber kaum führt ein Filmemacher einmal vor, was eigentlich dahintersteckt, entdecken alle ihre Tierliebe und die Moral. Versteht mich nicht falsch, ich bin nicht der Meinung, dass Tiere zur bloßen Unterhaltung getötet werden sollten, und ich will das eigentlich auch nicht sehen. Aber genau darum geht es ja auch: Das, was da abgebildet wird, passiert jeden Tag tausendfach, und dass da nun eine Kamera anwesend ist, macht die Sache keinesfalls schlimmer. Tiere werden von Menschen getötet, und es kann nicht schaden, sich das in aller blutigen Konsequenz vor Augen zu halten. (Ich bin übrigens kein Vegetarier.)

 

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