quando alice ruppe lo specchio (lucio fulci, italien 1988)

Veröffentlicht: Dezember 4, 2015 in Film
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512lyiwvlplMit QUANDO ALICE RUPPE LO SPECCHIO wird der Bruch, der sich in Fulcis Leben und Werk irgendwann in den Achtzigerjahren vollzog, zum ersten Mal offenkundig, und es verwundert nicht, dass auch dieser seltsame Film in Deutschland erst nachträglich erschien. Splatterfreunden, die sich den Zombie-Fulci sehnlich zurückwünschten, hätte er gewiss den ein oder anderen Freudensprung abgerungen, aber offensichtlich traute sich kein Verleih, sie mit dieser abseitigen Komödie zu konfrontieren. Und wenn man QUANDO ALICE RUPPE LO SPECCHIO gesehen hat, versteht man dieses Zaudern.

Zu Beginn ist alles geradezu erschreckend normal. Ein Mann hört im Radio die Berichterstattung von der Pferderennbahn, während er sich ein dickes Steak brät. Ohne Beilage gibt er es auf den Teller und nimmt mit vorfreudigem Lächeln auf der Couch platz, um es genüsslich zu verspeisen. Doch dann geht es los: Im laufenden Fernseher macht eine unattraktive Frau mit hässlicher Warze Aerobic-Übungen. Der Mann schaltet um, isst sein Steak, steht auf und zieht sich in ein anderes Zimmer seines Bungalows zurück. Dort liegt die Warzenfrau tot auf einem Tisch, am Bein eine steakgroße Fleischwunde. Er nimmt eine Kettensäge und schneidet sie ohne große Gefühlsregung in handliche Teile. Der Mann heißt Lester Parson (less than a person?) (Brett Halsey), ist spielsüchtig und verdient sich das für diese Sucht nötige Geld als Witwenmörder. Die Damen, die er auswählt, zeigen auffallend oft äußerliche Makel – Warze, Damenbart, Narbe – und verlangen dem nicht uncharmanten Lester große Selbstbeherrschung ab. Sein Leben könnte immer so weitergehen, wenn da nicht plötzlich Nachrichtenmeldungen öffentlich würden, die suggerieren, dass jemand anders seine Morde begeht und ihn dafür in den Knast schicken will.

QUANDO ALICE RUPPE LO SPECCHIO ist ein auffallend hässlicher Film, einer bei dem die Phrase vom Lachen, das im Hals stecken bleibt, tatsächlich einmal zutrifft. Greller Humor trifft auf grelle Gewalt, auf die die Kamera genüsslich draufhält. Und inmitten dieser Frontalattacke auf die Geschmacksnerven steht Brett Halsey wie ein Fels in der Brandung und gewährleistet, dass man als Zuschauer nicht die Bindung zum Film verliert: Man fiebert und leidet mit diesem Mann, obwohl er ein perverser, rücksichtsloser, noch dazu vollkommen wahnsinniger Mörder ist, der das Vertrauen seiner bemitleidenswerten Opfer gemein missbraucht, um sich an ihnen zu bereichern. Dabei bedeutet ihm das Geld, das er ihnen abnimmt, nicht einmal etwas: Kaum hält er es in den Händen, da schmeißt er es auch schon wieder zum Fenster raus. Angesichts der Sympathie, mit der der Film seiner Hauptfigur begegnet, mutet sein Ende geradezu schockierend kaltschnäuzig an, denn Lester bekommt das, was er verdient, und zwar auf denkbar prosaische Art und Weise. Er mag fast selbst nicht glauben, dass ein Protagonist so von der Bildfläche abtritt, noch dazu einer, der doch eben erst gemerkt hat, dass er allenfalls sich selbst zu fürchten hat.

Sven Safarow hat in  schönen Text viele kluge Sachen über QUANDO ALICE RUPPE LO SPECCHIO geschrieben, unter anderem über den Widerspruch, den er mit jeder Faser zu verkörpern scheint. Darin ist er ein bisschen wie sein Protagonist: Er will keine Liebe, aber sie fliegt ihm dennoch zu. Und Fulcis Film ist ein beherzter Schlag ins Gesicht, nach dem man auch noch die andere Wange hinhält.

 

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