15. hofbauer-kongress: hörig bis zur letzten sünde (lothar gündisch/hans billian, deutschland 1970)

Veröffentlicht: Januar 10, 2016 in Film
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hc3b6rigbiszurletztensc3bcndeUnter anderem wegen solcher Entdeckungen pilgere ich jetzt seit etwas über zwei Jahren nach Nürnberg. HÖRIG BIS ZUR LETZTEN SÜNDE ist ein Film, den es nach filmhistorischem Ermessen eigentlich gar nicht geben dürfte: Die im schwarzweißen Gewand des Noirs gehaltene Verbindung von Sex and Crime war 1970 stilistisch eigentlich schon ein paar Jahre zu spät, begeistert aber mit seiner sperrigen Actioninszenierung, seinen unverhohlenen Sexismen und einem Protagonisten, der als eines der größten Arschlöcher der deutschen Filmgeschichte gelten dürfte. Über 81 Minuten entfaltet sich hier ein Inferno der Niedertracht, das dem Zuschauer aber mit den wohlfeil dargebotenen Reizen seiner hübschen Darstellerinnen schmackhaft gemacht wird. Ein kleines, schmückendes Detail, das großes Staunen im Publikum auslöste, war die Selbstverständlichkeit, mit der die Frauen ständig „unten ohne“ herumlaufen. War das mal Mode, dass man zwar Pullover, aber keine Hosen trug?

HÖRIG BIS ZUR LETZTEN SÜNDE beginnt ohne viel Federlesen mit einem „todsicheren“ Banküberfall, der aber katastrophal in die Binsen geht. Nur einer von drei Bankräubern kann schwer verwundet mit der Beute entkommen, um deren Wiederbeschaffung es im Folgenden geht. Interesse an dem Zaster haben sowohl die Polizei als auch ein fieser Anwalt (Horst Naumann), dem alle Mittel Recht sind, die Knete in die Finger zu bekommen, und der auf dem Weg dahin keinen Frauenkörper unangetastet lässt. Wie lange HÖRIG BIS ZUR LETZTEN SÜNDE eine neutrale Haltung zu diesem Arschloch beibehält, gehört zu seinen faszinierendsten Elementen und macht den Film zu einer Art deutschem BAD LIEUTENANT, bei dem halt ein Anwalt die Rolle des Cops übernimmt. Die Figur reitet sich immer tiefer in die Scheiße und die moralische Sackgasse, verprellt nach und nach alle Figuren, die ihm die Treue halten, und bekommt am Schluss natürlich die gerechte Strafe. Bis dahin hat man als Zuschauer allerdings einen ziemlich heißen Ritt vor sich.

Da quartiert der Anwalt einfach mal so ein Mädchen im Appartement seiner Freundin ein, als dieses ihm beichtet, wegen Fahrerflucht mit Todesfolge gesucht zu werden. Es entpuppt sich natürlich als Gangsterbraut, die Informationen über den Verbleib der Beute beschaffen soll und dafür später eine lesbische Beziehung mit der Anwaltsfreundin eingeht, während deren feiner Lebenspartner kurzerhand die Witwe des Bankangestellten ehelicht, der den Räubern als Inside Man diente und sich im Knast erhängte. Die verschüchterte Dame wird vom Anwalt gnadenlos bearbeitet und ausgenutzt, nicht ohne dass der dabei auf seine Kosten käme natürlich. HÖRIG BIS ZUR LETZTEN SÜNDE spielt noch in einer Zeit, in der es gewissermaßen ein Kavaliersdelikt war, seiner Partnerinnen nach Strich und Faden zu betrügen oder ihnen auch schon mal den Handrücken durchs Gesicht zu ziehen, ja, in der sowas zum „Mannsein“ eigentlich sogar dazugehörte. Man kommt da aus dem Staunen wirklich nicht mehr raus und die schmucklos-raubeinig-rumpelige Inszenierung tut ihr Übriges, fängt jede Schweinerei mitleidlos und mit sadistischem Genuss ein. Höhepunkt ist wahrscheinlich ein höchst ungeschickt geführter Bitchfight zwischen den beiden „Lesben“: Den Schauspielerinnen mag es einfach nicht gelingen, den Eindruck von Ernst zu erwecken oder auch nur einen halbwegs realistischen Schlag auszuteilen. Dafür stolpern sie aber höchst dekorativ über alle herumstehenden Möbelteile und die Kamera hält gnadenlos drauf, berauscht vom sich vor ihr entfaltenden Spektakel. Diese Lust an der Gewalt, dem Tabubruch, der Regelverletzung, der Niedertracht zeichnet HÖRIG BIS ZUR LETZTEN SÜNDE aus und macht ihn so rasant. Es wird nicht viel Zeit mit Nettigkeiten verbracht, kurze Atempausen müssen reichen, dann geht es wieder zielstrebig und umweglos in die Jauche. Das habe ich so noch nicht gesehen. Ein Meisterwerk.

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