flesh (john ford, usa 1932)

Veröffentlicht: März 8, 2016 in Film
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220px-flesh_filmposterVorab: Dieser Text hätte eigentlich, da ich mich ja chronologisch durchs Ford’sche Werk arbeiten wollte, vor jenem zu PILGRIMAGE erscheinen müssen. Bei über 70 zu schauenden Filmen kann man sich aber durchaus mal vertun, denke ich.

FLESH nimmt zunächst einmal insofern eine besondere Position in Fords Filmografie ein, als der Regisseur seinen Namen vom fertigen Film zurückzog. Nach allem, was bekannt ist, war Ford nicht in das Drehbuch involviert, das von Moss Hart und einem nicht namentlich genannten William Faulkner stammt. Fachleute wie Tag Gallagher, Autor des Buches „John Ford: The Man and his movies“, halten es sogar für wahrscheinlich, dass Ford nicht den kompletten Film inszenierte. Dennoch ist FLESH in vielerlei Hinsicht charakteristisch für das Werk des Meisters und Gallagher lässt sich , die Prgar zu der Aussage hinreißen, Protagonistin Laura (Karen Morley) sei „Ford’s most profound charakter to date“. Es finden sich zudem klassische Ford-Themen wieder, wie etwa das gesellschaftliche Phänomen der Emi- bzw. Immigration oder die skeptische oder gar pessimistische Betrachtung des US-amerikanischen Kapitalismus und seiner Auswirkungen auf das Individuum, und darüber hinaus scheint auch die symmetrische Handlungs- und Figurenkonstellation typisch. FLESH beginnt in einem deutschen Gefängnis, aus dem die nach eigenen Angaben zu Unrecht inhaftierte Laura überraschend entlassen wird, und er endet in einem amerikanischen, in dem der deutsche Ringer Polakai (Wallace Beery) für den Mord an Lauras schurkischem Geliebten Nicky (Ricardo Cortez) gelandet ist. Dazwischen gibt es eine Geburt, eine Hochzeit sowie die Immigration in die USA.

Im Zentrum des Films steht besagte Laura, eine Amerikanerin, die unfähig ist, ihr Leben eigenständig mit Sinn zu füllen. Schon bei ihrer Entlassung erkundigt sie sich sofort, ob auch ihr Geliebter und Mittäter Nicky freigelassen werde. Der Gefängnisdirektor verneint, gibt ihr aber einen vielsagenden und doppeldeutigen Rat mit auf den Weg: „Be satisfied that you yourself are free.“ Genau dazu ist Laura nicht in der Lage: Sie braucht ein Gefängnis, um sich geborgen zu fühlen. Ihre ziellose Wanderung durch eine ungenannt bleibende deutsche Großstadt führt sie in einer Kneipe, in der der deutsche Ringer Polakai als Kellner arbeitet und die Gäste nebenbei mit Ringkämpfen erfreut. Er ist ein etwas einfacher, aber herzensguter Baum von einem Mann und er hilft Laura, als die ihre Rechnung nicht bezahlen kann. Wenig später begegnen sie sich auf der Straße vor seinem Haus wieder und sie wirft sich ihm in die Arme, weil sie sich vor dem Streife laufenden Schutzmann fürchtet. Das Angebot, bei Polakai zu übernachten, schlägt sie erst großspurig aus – die Straßen seien ihre Heimat -, nimmt dann aber an, als der Schutzmann wieder auftaucht. Es entwickelt sich eine einseitige Liebesbeziehung zwischen den beiden: Polakai kümmert sich rührend um Laura, ohne jemals eine Gegenleistung zu verlangen, hält selbst noch in dem Moment zu ihr, als er sie dabei erwischt, wie sie ihm seine gesamten Erspranisse stehlen will. Laura hingegen sehnt sich insgeheim nach der Wiedervereinungung mit Nicky, den sie Polakai gegenüber als ihren Bruder ausgibt und so erwirkt, dass der die Kaution für ihn hinterlegt. Nicky entpuppt sich aber als echtes Schwein, verdrückt sich, als Laura ihm gesteht, schwanger zu sein, und empfiehlt ihr stattdessen, bei Polakai zu bleiben und ihn weiter auszunehmen, bis er zurückkomme. Nachdem die Handlung in die USA verlegt wird, rückt Polakai ins Zentrum der Geschichte. Der deutsche Ringermeister dient sich dem zwielichtigen Promoter Willard (John Miljan) an und muss die bittere Erfahrung machen, dass der Sport in den USA durch und durch korrupt ist. Dass er Kämpfe auf Weisung hin verlieren soll, verletzt das Ehrgefühl Polakais, der aussteigen will, doch Nicky, der das große Geld sieht, überredet Laura dazu, ihrerseits Polakai zum Weitermachen zu bewegen. Die große Eskalation ist unausweichlich.

Herausragend an FLESH ist meines Erachtens die nahtlose Verbindung tragischer und komischer Elemente. Es gibt zahlreiche witzige Szenen, etwa jene, in der Polakai Laura in seine Wohnung einlädt: Zunächst räumt er auf ihre Aussage hin, es sei etwas schmutzig bei ihm, auf, indem er alle herumliegenden Kleidungsstücke einfach außer Sicht wirft, dann demonstriert er seine guten Absichten, indem er demonstrativ die Tür zu ihrem Schlafzimmer abschließt, sie dann aber nicht mehr öffnen kann. Erst nachdem er ein Loch in die Tür geschlagen hat, durch das er sich hinausdrückt, lässt sie sich wieder ganz einfach öffnen. Sehr hübsch ist der Moment, in dem er die Nachricht bekommt, Vater eines Jungen geworden zu sein: Er ist gerade mitten in einem Ringkampf und der Gegner sitzt auf seinem Gesicht, während er die frohe Botschaft von seinem Trainer entgegennimmt und die überwältigende Freude sogleich in Kraft umwandelt. Auf der anderen Seite ist FLESH aber auch unheimlich bitter: Als Nicky die mit ihrem Gewissen hadernde Laura schlägt, gewährt Ford keinen reaction shot auf ihr erschrockenes oder schmerzverzerrtes Gesicht, zeigt so, dass sie für Nicky nicht mehr als ein Ding ist, das man nach seinem Willen manipulieren kann. Es ist Polakais allumfassende Gutmütigkeit, die Laura schließlich dazu bringt, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Egal, wie gemein sie sich ihm gegenüber verhält, er reagiert immer mit Wärme und entwaffnender Güte. Aber um welchen Preis wird ihre Bewusstwerdung erkauft? Polakai sitzt als Mörder im Gefängnis, ihre Liebe wird durch ein Gitter getrennt. Diese Strategie erinnert durchaus an den folgenden PILGRIMAGE, in dem die missgünstige Mutter erst ihren Sohn verlieren muss, um ihre Fehler zu erkennen.

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