xanadu (robert greenwald, usa 1980)

Veröffentlicht: März 14, 2016 in Film
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MPW-29027Meine Reihe mit markerschütternden Megaflops (und Eighties-Musicals) geht in die nächste Runde. XANADU kommt die besonders zweifelhafte Ehre zu, angeblich als Inspiration für den berühmt-berüchtigten Razzie Award, den Anti-Oscar, der hierzulande als „Goldene Himbeere“ bezeichnet wird, fungiert zu haben. In immerhin sechs Kategorien („Schlechtester Film“,“Schlechtester Schauspieler“, „Schlechteste Schauspielerin“, „Schlechteste Regie“, „Schlechtestes Drehbuch“ und „Schlechtester Song“) war XANADU nominiert, durfte letztlich aber nur Robert Greenwald die Trophäe mit nach Hause nehmen. (Die Auszeichnung als „Schlechtester Film“ des Jahres 1980 ging indessen an das Village-People-Werk CAN’T STOP THE MUSIC, das ich mir demnächst zu Gemüte führen werde.) Nun muss ich ja sagen, dass ich diesen Razzie Award hochgradig schwachsinnig finde, seine Aussagekraft hinsichtlich des künstlerischen Stellenwert der Nominierten noch fragwürdiger als die seines seriösen Gegenparts und das schadenfrohe Herumreiten darauf meistens total albern; was man dem Preis aber nicht absprechen kann, ist seine Eignung als Stimmungsbarometer der jeweiligen Jahrgänge. Und da lässt die schon inflationär zu nennende Gegenwart von XANADU eindeutige Rückschlüsse darauf zu, wie massiv der Film mit seinen Ambitionen scheiterte, wie krass er am Geschmack des Publikums und der Kritik vorbeischlitterte. Es hagelte weltweit hämische Verrisse und das Budget von 20 Millionen Dollar wurde so eben mit Ach und Krach wieder eingespielt. Dieses Ergebnis ist umso bitterer, wenn man bedenkt, dass das wesentlich von den Prog-Poppern ELO komponierte Soundtrack-Album sich demgegenüber wie geschnitten Brot verkaufte, vordere Chartpositionen in den wichtigsten Musikmärkten belegte, etliche Gold- und Platin-Auszeichnungen einheimste und mit dem Titelsong einen veritablen Superhit produzierte, der heute wesentlich bekannter ist als der Film, den er einst begleitete. Was war schief gelaufen?

XANADU handelt vom Maler Sonny Malone (Michael Beck), der große Ambitionen als Künstler hat, aber aus wirtschaftlichen Gründen dazu gezwungen ist, für eine Plattenfirma Plattencover auf Plakatgröße zu reproduzieren. Als er eines Tages eine Frau (Olivia Newton-John) auf einem Cover entdeckt, die ihn eben erst auf offener Straße mit einem unerwarteten, wortlosen Kuss überrascht hat, begibt er sich auf die Suche nach ihr. Sie entpuppt sich als von Zeus auf die Erde geschickte Muse Kira, die Sonny nun dabei hilft, die Vision des alternden Jazzmusikers Danny McGuire (Gene Kelly) von einem eigenen Club zu verwirklichen.
„This is the eighties!“, entgegnet Sonny seinem Freund Danny einmal, als der sich seinen Club im Stile der Vierzigerjahre ausmalt, komplett mit Bandstand, Jazzorchester und Tänzern in Zoot Suits. Aber XANADU steht noch mit mehr als einem Fuß in den Siebzigern, ist deutlich von der ausklingenden Discowelle, Prog-Pop und glitzerndem Pomp beeinflusst, zeigt ideell noch die enge Verbindung zu den Idealen der Hippie-Ära, mehr als zum freidrehenden Materialismus der Achtziger. Der Rolle des Antagonisten in diesem auffallend harmonieduseligen Film am nächsten kommt dann auch Sonnys Chef Simpson (James Sloyan), der die Werte des Kapitals predigt und Leistung einfordert, bei der sensiblen Künstlerseele damit aber auf Granit beißt und stattdessen nur verhaltene Aufmüpfigkeit und zunehmende Unlust hervorruft. Michael Beck, kurz zuvor noch als stoischer Swan in Walter Hills Actionklassiker THE WARRIORS und wenig später als verschwiegener drifter im Endzeitfilm BATTLETRUCK zu sehen, schlendert somnambul an der Strandpromenade entlang, erinnert mit seinen blonden langen Haaren und dem offenen Lächeln eher an einen menschgewordenen Engel als an einen Actionhelden und bekommt vom Drehbuch entsprechend kaum mehr zu tun, als sich in die blonde Kira zu verlieben, von Popstar Olivia Newton-John als geringfügig glamourösere, aber ebenso asexuelle Nachfahrin Doris Days interpretiert.

XANADU ist einer dieser Filme, an deren Ende man sich darüber wundert, dass die 90 Minuten tatsächlich schon rum sind. Streng genommen passiert rein gar nichts – noch nicht einmal die Einrichtung und Eröffnung des Clubs bringt irgendwelche Konflikte mit sich -, aber dafür ist Greenwalds Film erstaunlich kurzweilig, viel kurzweiliger als er es sein dürfte. Viel Zeit wird natürlich mit den Musicalnummern totgeschlagen, die für ein Projekt dieser Größenordnung unerwartet klein und teilweise fast improvisiert anmuten, bei der zeitgenössischen Kritik dann auch entsprechend abgewatscht wurden. Wer groß angelegte Tanznummern und aufwändige Choreografien mit Dutzenden von Mitwirkenden erwartet, der sieht sich hier bitter enttäuscht. Die meisten Nummern werden von maximal zwei Personen bestritten, erst beim großen Finale stellt sich der eigentlich typische Spektakelcharakter ein, und immer, wenn Beck beteiligt ist, merkt man, dass da Rücksicht auf einen Laien genommen werden musste. Das macht XANADU für mich eigentlich eher sympathisch, aber es passt nicht so ganz zu dem, was den Machern wahrscheinlich vorschwebte. Der proggige, barockfuturistische Pop von ELO, die mit bunten visuellen Effekten zugeknallten Bilder, die Animationssequenz von Don Bluth, die Verquickung von aktuellem und vergangenem Zeitgeist (Rollerskates vs. Gene Kelly), die Bezugnahme auf einen fatastischen Sehnsuchtsort („Xanadu“ heißt Kublai Khans märchenhafte Sommerresidenz in einem Gedicht von Coleridge) lassen vermuten, dass man große Visionen mit dem Stoff verband, stattdessen erzählt XANADU eine bieder-brave Liebesgeschichte, die von all dem Schnickschnack erdrückt wird und wahrscheinlich schon damals hoffnungslos aus der Zeit gefallen wirkte. Wie der Ort, der da entworfen wird und von dem er sich inspiriert zeigt, ist XANADU in einem seltsamen, weder geografisch noch zeitlich festlegbaren Limbo angesiedelt, auf der Schwelle zwischen zwei Jahrzehnten, zu spät für das eine, zu früh für das andere, und erzeugt beim Betrachter demnach eine traumgleiche, mild desorientierende Wirkung. Mir hat das gefallen, auch wenn der Film für den totalen Rausch dann doch zu sehr der irdischen Banalität verhaftet bleibt – und eben vollständig unterleibslos ist.

Für Olivia Newton-John, die mit dem Erfolg von GREASE kurz zuvor zum potenziellen Superstar aufgestiegen war und für XANADU das alleinige Top-Billing erhielt, bedeutete der Flop den Anfang vom Ende. Drei Jahre später drehte sie mit Travolta noch die romantische Komödie TWO OF A KIND, ebenfalls ein mehrfach Razzie-nominierter finanzieller Reinfall, der ihr Schicksal als Hollywood-Schauspielerin endgültig besiegelte, danach war sie erst 1996, mittlerweile 48-jährig, wieder auf der Leinwand zu sehen. Michael Beck erging es nicht viel besser, in Großproduktionen spielte er danach kaum noch mit, agierte hauptsächlich in Fernsehfilmen und war Ende der Achtziger zusammen mit Michael Paré Hauptdarsteller in der kurzlebigen Copserie HOUSTON KNIGHTS. Gene Kelly, damals schon 68, erlebte ebenfalls kein spätes Comeback. Mit Ausnahme der Clipshow THAT’S ENTERTAINMENT war XANADU sein letzter Kinofilm. Regisseur Greenwald musste immerhin acht Jahre warten, bevor er seinen nächsten Kinofilm (SWEET HEARTS DANCE, mit MIAMI VICE-Star Don Johnson) drehen durfte. Trotz wohlwollender Kritiken fiel auch der an der Kasse durch. Mehr Erfolg hatte er dafür auf politischer Ebene: Sein Engagement als linker Aktivist flankierte die Produktion zahlreicher politischer Dokumentarfilme. Das war nach XANADU auch nicht unbedingt zu erwarten gewesen.

 

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