streets of fire (walter hill, usa 1984)

Veröffentlicht: März 13, 2016 in Film
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936full-streets-of-fire-posterJesus, was für ein Arschtritt. Ich kannte STREETS OF FIRE natürlich schon, fand ihn auch vorher schon toll, aber so dermaßen gekickt wie gestern hat er mich bislang noch nicht. Es war eine dieser Sichtungen, bei denen alles auf wundersame Art und Weise zusammenkommt: Vor allem natürlich Riesenbock auf den Film, sein Dekor, seinen Sound, seinen Rhythmus, aber dann auch ein beinahe uneingeschränkt zu nennendes Verständnis der von Hill aufgebauten Kunstwelt, die Fähigkeit, mit den Figuren und ihren Bedürfnissen und Emotionen total eins zu werden, jedes Bild, jeden Ton, jeden Schnitt, jede Dialogzeile, jede Bewegung, jeden Gesichtszug und jede Geste begreifen und mitfühlen zu können.

STREETS OF FIRE ist ein Meisterwerk, einer jener Filme, die die Ästhetik ihres Jahrzehnts nicht nur in Reinkultur verkörpern, sondern sie transzendieren, totales Kino, ein Werk formgewordener Emotion, ein Traum in Bild und Ton. Eine Rock’n’Roll-Oper, ein Musical, ein Western, ein Actionfilm, ein modernes, dabei aber zeitloses Gewaltmärchen, eine Romanze, ein Neo-Noir, ein Videoclip. Walter Hill war seiner Zeit weit voraus, vereinte das anscheinend Unvereinbare, befreite seine archetypische Geschichte von jedem erzählerischen Ballast, griff auf eine damals revolutionäre Schnitttechnik und neuartiges Filmmaterial zurück, dass es ihm erlaubte, Nachtszenen ohne jede zusätzlich Beleuchtung zu fotografieren. Das Publikum war offensichtlich überfordert, STREETS OF FIRE floppte gewaltig, und heute kann man nur den Kopf schütteln, ob der von so vielen fahrlässig versäumten Gelegenheit, sich dieses Wahnsinnsteil auf großer Leinwand mit weit nach rechts gerissenem Lautstärkeregler zu geben. Es muss ein quaisreligiöses Erlebnis gewesen sein, um das man die, die dabei waren, heute nur noch beneiden kann.

STREETS OF FIRE spielt in einer kleinen, beengten Kunstwelt, die den US-amerikanischen Großstadtmoloch des Gangsterfilms der Dreißigerjahre, die Westernstadt, jene World in a nutshell, und die neonlichtbeleuchtete Verheißung des sehnsuchtsvollen Achtzigerjahre-Nachtfilms miteinander kurzschließt. Tom Cody (Michael Paré) ist der stoische drifter, der nach unbekannt bleibender Tätigkeit in einem mythisch überhöhten, außerweltlichen Draußen zurückkommt in seine Stadt, eine Frontier Town, in der es außer Bars, miesen Absteigen und Vergnügungstempeln, außer Cops, zwielichtigen Gestalten und verzweifelten Glücksrittern auf der Suche nach dem großen Wurf nichts zu geben scheint. Er kehrt zurück, weil seine große Flamme von einst, diese eine Geliebte, über die man nie hinwegkommt, die mittlerweile zur Pop-Heiligen aufgestiegene Ellen Aim (Diane Lane: göttlich) ebenfalls zurückgekehrt ist, für ein frenetisch gefeiertes Konzert, bei dem sie von der Rockergang um Raven (Willem Dafoe) in dessen Drachenhöhle, eine dampfende Industriebrachlandschaft, entführt wird. STREETS OF FIRE erzählt nun von Codys Befreiungsaktion, die der obercoole Loner vor sich und anderen zur bloß materiellen Interessen folgenden Auftragsarbeit rationalisiert, während es ihn innerlich fast zerreißt. Das Push and Pull zwischen ihm und Ellen, von opernhaften Popsongs untermalt und überspitzt, wird zum eigentlichen Motor eines Films, der auf allen Ebenen ständig in Bewegung ist.

Das Timing Hills ist unglaublich, STREETS OF FIRE weniger inszeniert als vielmehr komponiert und orchestriert, da sitzt jeder Schnitt, jeder One-Liner, jeder Blick, jede Kamerabewegung an der richtigen Stelle, wird Film tatsächlich zur Musik, die anschwillt und abebbt, den Zuschauer unrettbar seinen manipulierten Gefühlen ausliefert. Darum geht es: Emotionen. In der Welt von STREETS OF FIRE gibt es kein lauwarm, keine vernünftigen Entscheidungen, keine Kompromisse, keine Taktiererei oder Diplomatie: Alles ist genau das, was es ist. Wenn Cody Ellen liebt, dann will er sie ganz, nach seinen Vorstellungen, ohne Abstriche, und wenn das nicht geht, dann muss er sie ziehen lassen. Andersrum ist es egal, dass dieser Cody ein reichlich ungehobelter Klotz ist, der Ellen auch schon einmal mit der Faust KO schlägt, wenn es die Situation erfordert. Er liebt sie: Daran gibt es keinen Zweifel, das ist die Wahrheit, die von Hill oder den anderen Figuren niemals angezweifelt wird. Genauso verhält es sich mit der Freundschaft zwischen Cody und McCoy (Amy Madigan): Die beiden erkennen in einer Bar sofort ihre Seelenverwandtschaft und schließen sich zusammen. Sie brauchen nicht viele Worte, um sich ihrer gegenseitigen Sympathie zu versichern, müssen sich nicht viel erzählen, um sich zu erkennen. Sie sind aus einem Holz geschnitzt, gehorchen demselben Ehrenkodex, der sie miteinander verbindet. In STREETS OF FIRE liegt alles auf der Hand, aber man erkennt den anderen nicht so sehr an seinem Äußeren, als dass man durch diese Oberfläche direkt in sein Inneres blicken kann. Es gibt keine Lüge, keine Verstellung in Hills Film. Nur Reinheit, im Guten wie im Bösen. STREETS OF FIRE ist ein Märchen, weil er eine solche Welt als traumgleiche Utopie der Jugend an den Nachthimmel wirft.

„Tonight is what it means to be young“, heißt das in der Sprache dieses Films, in dem man sich für immer hoffnungslos verlieren kann, oder auch: „There’s nothin‘ wrong with goin‘ nowhere, baby, But we should be goin‘ nowhere fast, It’s so much better goin‘ nowhere fast“. Wenn es schon keinen Ausweg aus dem Leben in dieser heruntergekommenen Drecksstadt gibt, wenn die Liebe schon nicht lebbar ist, dann muss wenigstens aus jedem Moment das Maximum rausgeholt werden, bleibt keine Zeit für Spielchen und den braven Mittelweg. Dann gibt es nur Vollgas und Lautstärke 10. Einmal wie Cody sein, Ellen Aim anbeten, sie mit entschlossener Firepower aus den Fängen des Schurken befreien, sie im strömenden Regen küssen, Lebewohl sagen, sich umdrehen und in die Nacht hinausfahren, das wär’s.

Kommentare
  1. […] der hierzulande als “Goldene Himbeere” bezeichnet wird“. Da tut es doch gut, wenn Oliver „Straßen in Flammen“ mit den Worten bespricht: „STREETS OF FIRE ist ein Meisterwerk, einer jener Filme, die die […]

  2. Illegitim sagt:

    Ein traumhafter Trip von einem Film. Ästhetik als kondensierter Zeitgeist. Ganz groß, auch heute noch.

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