terza visione 3: malizia (salvatore samperi, italien 1973)

Veröffentlicht: April 5, 2016 in Film
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maliziaEin Meisterwerk!

Salvatore Samperi drehte mit MALIZIA eine Commedia sexy all’Italiana, die nicht nur nichts mit den überbordenden Albernheiten der FLOTTEN TEENS-Filme zu tun hat, sondern auch weitaus mehr bietet, als man von einer „Sexkomödie“ gemeinhin erwarten würde. Das Lachen bleibt einem mitunter am dicken Kloß im Halse stecken, den zuvor die mitunter äußerst bittere Zeichnung eines von rigiden Moral- und Rollenvorstellungen bestimmten gesellschaftlichen Alltags und der auf diese unweigerlich folgenden Bigotterie  hinterlassen hat. Was beschwingt und heiter beginnt, mit einem kritischen, aber eher melancholisch-humorvollen, irgendwie auch etwas nachsichtigen Blick auf das Leben in einem erzkatholischen Land, entwickelt sich mit unaufhaltsamer Logik zum schmerzhaften, den Thriller und das Drama heftig streifenden Runterzieher, der am Ende keinen einzigen der Protagonisten unversehrt lässt und ein Happy End aufbietet, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Samperi – zum Zeitpunkt der Entstehung des Films gerade 29 Jahre alt und eine der Hoffnungen des italienischen Kinos – erzählte mit MALIZIA eine Geschichte, die ein für Italien sehr typisches Problem behandelte, wie Udo von L’amore in città in seiner Einführung zum Film berichtete: Die Fantasie, von einer älteren Frau in die Sexualität eingeführt zu werden, teilen wahrscheinlich Jungs auf der ganzen Welt, aber in Italien, wo Mädchen „unberührt“ in die Ehe gegeben werden sollten und junge Männer in der Regel beim Bordellbesuch mit dem Vater ihre Jungfräulichkeit verloren, war eine ganz andere Sehnsucht mit ihr verknüpft. Das sieht man eben auch in MALIZIA, in dem sich der etwa 13-jährige Nino (Alessandro Momo), Sohn des sizilianischen Geschäftsinhabers Ignazio (Turi Ferro) und einer von drei Söhnen, die den Tod ihrer Mutter betrauern, unsterblich in die junge, hübsche Haushaltshilfe Angela (Laura Antonelli) verliebt. Er ist nicht der einzige: Auch sein älterer Bruder, vor allem aber der eigene Vater machen der aparten Person Avancen, die Nino mit zunehmender Frustration beobachtet und denen er nichts entgegenzusetzen weiß, schließlich betrachten ihn alle noch als Kind. Die Qual, die die durch die ständige Anwesenheit Angelas entfachte Lust bei ihm verursacht, wächst ins Unermessliche, als der Papa seine Absicht verkündet, Angela zu heiraten. Und nun beginnt Nino ein grausames Spiel mit der wehr- und mittellosen Hausangestellten zu spielen, das ihm seinen Willen erfüllen und die Hochzeit hinauszögern soll.

Mithilfe der phänomenalen Kamerarbeit von Vittorio Storaro taucht Samperi die zunächst sehr komischen Vorgänge (der Film eröffnet mit der von zahlreichen Pannen begleiteten Totenwache) in ein warmes, goldenes Licht, das alles in einer nostalgisch aufgeladenen Vorvergangenheit zu verorten scheint und damit die geistige Nähe zum bitter-melancholischen Coming-of-Age-Film schafft. Auch Fred Bongustos geschäftig vorpreschendes Titelthema (das ich seitdem nicht mehr aus dem Kopf bekomme) trägt seinen Teil dazu bei, dass man die Blüten, die der Katholizismus im Leben der Charaktere treibt, eher mit einem gewissen Amüsement betrachtet, denn mit der Ablehnung, die sie eigentlich verdienen. Das Leben von Ignazio und seinen Söhnen könnte gewiss schlimmer sein: Der Tod der Mutter wurde von allen erstaunlich gut, fast ein wenig zu gut verarbeitet, das Geschäft des Vaters läuft ebenfalls, die Söhne entwickeln sich nach Plan und Angela erweist sich als unersetzliche Hilfe, die Ignazio in wahre Verzückung – etwa über seine volle Unterwäscheschublade – versetzt. Und den hinter der Fassade der Gottesfurcht und Keuschheit verborgenen Sexismus, dem die wie ein Besitzstück behandelte Angela ausgesetzt ist, nimmt man auch deshalb so hin, weil die von ihm betroffene ihn selbst kaum wirklich zu registrieren scheint.

Die Stimmung kippt mit der anwachsenden Frustration Ninos, der einen für sein Alter überaus perfiden Einfallsreichtum an den Tag legt, wie er die Begehrte in die Ecke drängen kann. Hier erst kommt sowohl die Machtlosigkeit Angelas wie auch die vollkommene Blindheit Ignazios zum Vorschein, der nichts von dem, was in seinem Haus vorgeht, überhaupt registriert. Seine Zukünftige interessiert ihn als Mensch überhaupt nicht, er hat keinerlei Antennen für ihre Gefühle, noch fragt er nach der Ursache für ihr ausweichendes Verhalten ihm gegenüber, viel zu beschäftigt ist er mit den  Verpflichtungen, die mit der anstehenden Hochzeit einhergehen, etwa den Gesprächen mit dem Pfarrer, von dem er seinen Segen erwartet. Indessen wird aus jugendlichem Übermut ein perverses Machtspielchen, das die vermeintliche Unschuld des unreifen Knaben in arge Zweifel stellt. Die Stimmung spitzt sich im letzten Akt von Samperis Film massiv zu: Was vorher unter dem Deckel erst langsam vor sich hin simmerte, dann zu brodeln begann, kocht nun endgültig über: Eine schöne dramaturgische Entsprechung zu den Gefühlen Ninos, die erst durch die repressiv-verlogene Stimmung in seiner Heimat überhaupt solche Kraft entfalten können. Angela indessen geht ihrerseits in die Offensive und löst das Dilemma auf überraschende, aber konsequente Art und Weise. Doch dass der wiederhergestellte Frieden von Dauer ist, darf angesichts der bösen Schlusspointe stark bezweifelt werden.

MALIZIA schickte mich am Samstag durch ein Wechselbad der Gefühle: Ich lachte, vor allem über den Witwer Ignazio, der nie so wirklich die Autorität besitzt, die er sich selbst zuschreibt (seine strenge Mutter verbietet ihm in einer hübschen Episode ständig das Wort, sobald er nur den Mund öffnet), oder die zahlreichen liebevoll gezeichneten Nebenfiguren, litt mit dem verzweifelten Nino, der nach sexueller Druckentladung sucht, genauso wie mit Angela, die unverschuldet in eine für sie absolut verheerende Situation gerät. Samperi hat ganz offensichtlich nicht allzu viel übrig für die Kirche, die eine Atmosphäre der Bigotterie etabliert hat, aber den Menschen begegnet er mit viel Verständnis und Sympathie, egal wie schwach sie sein mögen, wie idiotisch sie sich verhalten, wie gemein sie bisweilen mit ihresgleichen umgehen. MALIZIA wird niemals ätzend oder zynisch, auch wenn der Schluss, wie erwähnt, nur wenig Hoffnung auf eine Besserung macht. Das passt auch zum tragischen Schicksal Laura Antonellis, die im vergangenen Jahr in völliger Armut mit 73 Jahren verstarb, nachdem eine Drogensucht und eine missglückte Schönheitsoperation ihre Karriere vor rund 25 Jahren schlagartig beendet hatten. Hier darf man sie in einer Performance bewundern, die gleichermaßen fragil wie kraftvoll ist und das warme Zentrum dieses großartigen Films bildet.

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