green room (jeremy saulnier, usa 2015)

Veröffentlicht: Dezember 4, 2016 in Film
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gr_webThematisch ist sich Saulnier nach BLUE RUIN treu geblieben. Stellte der viel beachtete Rachethriller die Konventionen des Subgenres auf den Kopf, in dem er einen hoffnungslos überforderten Zivilisten zum Racheengel machte, dessen Feldzug dementsprechen chaotisch und schmutzig verlief, lässt er in GREEN ROOM eine Gruppe naiv-idealistischer Nachwuchspunks gegen eine Bande organisierter, schwerkrimineller Skinheads antreten. Im Schlüsseldialog des Films berichtet Pat (Anton Yelchin) dann auch von einem Paintball-Match, in dem er und seine Freunde von Marines mit Kriegserfahrung auseinandergenommen worden sein – bis sich einer seiner Kumpel ein Herz gefasst und in Kamikaze-Manier über die Soldaten hergefallen sei und sie so auf dem falschen Fuß erwischt habe. Wenn Taktiererei nicht funktioniert, hilft manchmal der Frontalangriff.

Auch stilistisch greift Saulnier auf die bewährte Gegenüberstellung von atemloser Suspense, brutaler körperlicher Gewalt und atmosphärischen Bildern, mit denen er den Zuschauer immer wieder in eine Art Schwebezustand versetzt. Dass das diesmal nicht ganz so gut aufgeht wie im großartigen Vorgänger liegt an der arg gimmickartigen Prämisse und der Fokussierung auf blutigen, aber auch eindimensionalen Suvrvival-Horror, bei dem man die leisen Zwischentöne weitestgehend vermisst. GREEN ROOM ist ein Gewaltreißer und funktioniert als solcher ausgezeichnet,  hat darüber hinaus aber nur wenig Substanz zu bieten. Als Debüt wäre er ein durchaus beachtliches Werk, das Hoffnung auf mehr macht, nach BLUE RUIN ist er allerdings schon ein wenig enttäuschend. Zumal da so ein latenter autoritärer Zug mitschwingt: Saulniers Punk-Protagonisten sind im Grunde genommen weniger politisch motiviert wie sie von sich behaupten, sondern in erster Linie ein paar frustrierter Teenies, die mit ihrem prekär-improvisierten Lifestyle gern kokettieren, aber eigentlich noch nie echte Härten haben erfahren müssen. Überdies stellt sich im weiteren Verlauf des Films auch noch heraus, dass sie noch nicht einmal hinter ihrer Musik zu 100 % stehen: Über eine Interviewfrage nachdenkend, welche Band sie mit auf eine einsame Insel nehmen würden, verwerfen sie ihre zunächst getroffene Aussagen im Verlaufe des Films zugunsten mainstreamiger oder gar poppigern Musiker. Man hat so ein bisschen den Eindruck, Saulnier nehme die Rolle des Altvorderen ein, der naseweisen Posern eine Lektion erteilen wolle.

Dazu konfrontiert er sie mit Antagonisten, die nicht nur schwerkriminell, sondern auch noch Nazis sind. Die Chance, in einem Nazischuppen aufzutreten, nehmen die Kids nicht gerade begeistert wahr, aber es bleibt ihnen nichts anderes übrig, der Sprit fürs den Bandbus will bezahlt werden. Ihre Entscheidung, ihr Set mit einer Coverversion des Dead-Kennedys-Klassiers „Nazi punks fuck off“ zu beginnen, ist eher eine Geste juvenilen Omnipotenzwahns denn echter Zivilcourage oder gar politischer Überzeugung und der Gesichtsausdruck von Gitarrist Pat verrät, dass zumindest er eine opportunistischere Songwahl unbedingt bevorzugt hätte. Wenig später ist die Kacke am Dampfen: Als Pat eine frische Leiche im Backstageraum entdeckt und die Jungpunks daraufhin erst in eine Geiselsituation geraten, sich dann schließlich vor den draußen lauernden Verbrechern unter der Führung des grauen Wolfs Darcy (Patrick Stewart) verbarrikadieren müssen.

GREEN ROOM ist durchweg spannend, gerade im schweißtreibenden Aufbau der verfahrenen Situation ziemlich stressinduzierend und ausgesprochen schmerzhaft, wenn es ans Eingemachte geht. Funsplatter ist das definitiv nicht, trotzdem wirkt die Art, wie Saulnier das ganze Szenario zur größtmöglichen Eskalation treibt, schon ein wenig infantil, kein Vergleich zum klugen BLUE RUIN. Das Talent des Regisseurs blitzt immer wieder auf, etwa in der schönen Episode, mit der der Film beginnt, oder im Finale, das eher unspektakulär ist, anstatt noch einmal eine Schippe draufzulegen. GREEN ROOM macht das, was er macht, sehr ordentlich, aber er bleibt dann doch seinen engen Konventionen verpflichtet.

 

 

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