the evil that men do (j. lee thompson, usa 1984)

Veröffentlicht: Oktober 29, 2008 in Film
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Ein grobkörniges, bräunlich monochromes Bild, Charles Bronson, der in Zeitlupe ein Messer wirft. Standbild, dann tippt eine unsichtbare Schreibmaschine den Titel in großen Lettern ins Bild. „The Evil that Men do.“ Die nüchterne Selbsterkenntnis, der resignative Unterton, die kaum überhörbar im Titel mitschwingen, sie finden auch in der folgenden, kaum zu ertragenden Sequenz Bestätigung, die den Zuschauer mit einem der furchteinflößendsten Schurken der Filmgeschichte konfrontiert. Dr. Molloch (Joseph Maher) hat sich als Folterarzt für fast alle totalitären Systeme der Welt verdingt und das rücksichtslose Quälen und Schinden von Menschen zur kühlen Wissenschaft erhoben. Wenn er vor interessiertem Publikum voller Stolz über seine Errungenschaften und in elaboriertem Code seinen Vortrag über die Belastbarkeit des Menschen hält, darüber, wie es ihm gelungen ist, auch den härtesten Widerstand zu brechen, dann krampfen sich die Eingeweide in einer Mischung aus Hass, Ekel und Angst zusammen. Man ahnt, was da noch kommen soll. Die anschließende Elektroschock-Folter an einem willkürlich ausgewählten Opfer übertrifft jedoch auch diese Befürchtungen noch und stellt auch den abgebrühtesten Zuschauer vor eine harte Probe.

Molloch soll in der Folge umgebracht werden. Zu viele Unschuldige hat er auf dem Gewissen, zu weit hat er es getrieben mit seinem grenzenlosen Sadismus, seiner perfiden Kreativität im Finden neuer Foltermethoden. Charles Bronson ist Holland, ein Ex-Killer, den der Job auf ein einsames Inselparadies getrieben hat, wo er nun hofft, mit der Menschheit nichts mehr zu tun haben zu müssen, aber noch ein letztes Mal seiner Tätigkeit nachgehen soll. Der in der Auftaktsequenz zu Tode Gefolterte war sein Freund, doch das reicht ihm noch nicht als Argument. Also lässt er sich Videobänder von Opfern vorführen, die Mollochs Spezialbehandlungen überlebt haben: eine weitere mehrminütige Sequenz, die einem das Blut in den Adern gerinnen lässt. Menschen berichten von unvorstellbaren erlittenen Qualen, perversen Foltermethoden, die nur ein kranker Geist ersinnen kann. Die Kamera bleibt auf Distanz, zeigt nur die Gesichter der Opfer. Holland willigt schließlich ein, den Auftrag auszuführen, weil er in ihm auch die Möglichkeit sieht, Abbitte für seine eigenen Schandtaten zu leisten. Das sagt er nicht, aber wir wissen es. Gemeinsam mit der Ehefrau seines toten Freundes, der Ärztin Rhiana, begibt er sich in den Dunstkreis des Massenmörders.

Thompsons Film ist in seiner Eiseskälte, seiner Darstellung menschlicher Grausamkeit, seiner nur wenig Hoffnung zulassenden Perspektive einer der radikalsten Actionfilme der Achtzigerjahre. Er ist vom Start weg auf die Überrumpelung des Zuschauers gebürstet und erreicht sein Ziel mit einer Leichtigkeit, die angesichts des finsteren Themas seines Films fast ebenso schockierend ist wie die Taten seines Monsters Molloch. Doch Regisseur Thompson ist kein Menschenquäler: Den schieren Terror der ersten Hälfte seines Films opfert er bald zugunsten einer gemäßigteren Gangart, die weniger auf einzelne Gräueltaten und grafische Gewaltakte als vielmehr auf eine Atmosphäre der Hoffnungs- und Ausweglosigkeit fokussiert, den Schrecken invertiert. Das Belagerungsszenario, das den sein Opfer umschleichenden Killer zeigt und in dessen Kalkül eine Verwandtschaft der beiden Figuren sichtbar macht, weicht in der zweiten Hälfte einer etwas herkömmlicheren Verfolgungsdramaturgie, in der Holland in der Beziehung zu seiner Partnerin Rhiana Menschlichkeit zeigen und beweisen darf, dass er sich verändert hat. Der Film endet tatsächlich auf einer versöhnlichen Note: Holland fängt mit Rhiana und deren Tochter ein neues Leben auf seiner kleinen Insel an. Aber diese Aussicht wird überschattet von der unmittelbar vorangegangenen Szene, in der die Unterprivilegierten Rache an Molloch nehmen konnten. Der Mensch ist des Menschen Wolf: Angesichts dieser Tatsache kann man ihm nur den Rücken zukehren und das Weite suchen.

Kommentare
  1. Toller Film, der am Ende fast sozialrevolutionär das Volk den Tyrannen falten lässt. Ay Caramba!

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