death wish 3 (michael winner, usa 1985)

Veröffentlicht: November 5, 2008 in Film
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death_wish_three1Was sich in DEATH WISH II schon andeutete, wird im dritten Teil nun zur letzten Konsequenz getrieben. Reale Zustände – die beängstigende Ausmaße annehmende Verbrechensstatistik, die in New York herrschende Furcht vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen – dienen Winner nur noch als Grundlage, für seine an das Werk eines Mad Scientists erinnernde Versuchsanordnung. DEATH WISH 3 ähnelt in seinem der Realität komplett enthobenen Szenario tatsächlich den klassischen Staatsutopien eines Platon, Thomas Morus oder Jonathan Swift, erscheint eher als spekulative Vision eines urbanen Super-GAUs, denn als Abbild einer tatsächlich denkbaren Realität. Winners New York wird mit all seinen Konflikten auf eine Straßenkreuzung geschrumpft, die nicht nur strukturell an das Setting klassischer Western erinnert, auf der die dort „wohnenden“ Bürger flanieren wie Ameisen oder wie die nur mit mäßiger Intelligenz ausgestatteten Passanten eines Computerspiels. Im zentralen Wohnhaus versammelt sich eine Gemeinschaft, die wie der demografische Querschnitt durch die amerikanische Bevölkerung anmutet – nur ein Afroamerikaner fehlt merkwürdigerweise, sonst sind von Juden über Osteuropäer bis hin zu den Latinos, vom Jung- bis zum Rentnerehepaar alle Gruppen vertreten. Auch für die terrorisierenden Gangs scheint Segregation ein Problem der Vergangenheit zu sein. Schwarz und Weiß schreiten vereint zum Verbrechen, die Polizei hat längst die Kontrolle verloren und versucht auch gar nicht mehr, sie wiederzuerlangen. Das faszinierende Paradoxon von Winners Film: Statt des zu erwartenden Chaos‘ herrscht in diesem Stadtviertel eine geradezu merkwürdige Form von Ordnung. Diese rührt daher, dass die friedlichen Bewohner nicht weg wollen aus ihrem Stadtteil und die Gangmitglieder wiederum auf die Opfer angewiesen sind, weil diese für den Geldeingang sorgen.

Dieses Abhängigkeitsverhältnis wird jedoch von Kersey aufgebrochen, der – hier setzt sich der Strom der Winner’schen Realitätsbeugungen fort – wieder einmal eine ihm nahestehende Person durch ein Gewaltverbrechen verliert und nach seiner Enttarnung durch den Polizeibeamten Shriker (Ed Lauter) erneut mit einer Sonderbehandlung bedacht wird: Kersey erhält die Lizenz zum Töten und beginnt in Folge seine privaten Aufräumarbeiten. Er wird somit für die bösen Buben nicht nur zur Lebensbedrohung, sondern auch zur ökonomischen, weil er ihnen den Geldhahn zudreht, indem er die Überfälle verhindert. Über die stufenweise eskalierende Situation weitet sich der Konflikt schließlich zum Aufstand der Unterdrückten aus, die unter Führung Kerseys und Mithilfe Shrikers eine wahre Hetzjagd auf die Rowdies starten. Die Wildwest-Allegorie, die Winner schon im ersten Teil etabliert hat, wird im dritten Teil so wieder aufgegriffen. Die Bürger verwandeln sich von den durch die Zivilisation Saturierten und Gezähmten wieder in die Pioniere, die um ihr Land kämpfen und die Indianer vertreiben.

DEATH WISH 3 wird gern als Lachnummer, als Besipiel für den erzreaktionären Actionfilm der Achtzigerjahre verschrieen. Tatsächlich verzichtet Winner auf jedwede Subtilität. DEATH WISH 3 ist kein Film der leisen Zwischentöne, hier kracht und knallt es an allen Ecken und Enden, die Bösen haben jegliche Menschlichkeit abgelegt, während die Guten Hausmannskost essen, freundlich lächeln und sich in ihr Schicksal fügen  aber auch sie haben einmal im Krieg gekämpft und getötet. Es ist in der Tat mehr als befremdlich, wenn Kersey zum Spaß Menschen mit seiner Elefantenpistole umlegt und ihm die Bürger bewundernd zujubeln. Aber ein politische Botschaft, ein Aufruf zur Gewalt lässt sich eigentlich nicht aus diesem Film herausfiltern. Er verweigert lediglich den wertenden Kommentar, lässt die Bilder – die er natürlich in manipulativer Absicht aneinanderreiht – für sich stehen. Und er nutzt die in den Achtzigerjahren vorherrschende Stimmung der Panik, der Angst, vom Verbrechen überrollt zu werden, weidlich aus. Ich glaube aber, dass Winner sich heimlich über seinen Film und die Entrüstung darüber kaputt gelacht hat. Er ist ja ein gebildeter Mann gewesen und man darf doch vermuten, dass er genau wusste, was er da tat. Er kann DEATH WISH 3 nicht ernst gemeint haben, dagegen spricht auch die ins Karikatureske gehende Darstellung der gesamten Situation. DEATH WISH 3 ist der ungewöhnlichste Film der Reihe, weil er sich beinahe als Reaktion auf die Rezeption der Vorgänger lesen lässt. Es scheint als habe Winner sich gedacht seinen Kritikern nun all das in doppelter Ausführung zu geben, was sie schon in den Vorgängern gesehen hatten. Ist der Ruf erst ruiniert … Aber auch innerhalb des Actionkanons kommt ihm eine Sonderrolle zu. So deutlich hat ein Film nie die antihumanistischen Fantasien seiner Zeit bloßgelegt. Ein Film wie eine tickende Zeitbombe.

Kommentare
  1. […] verzerrten Realismus stehen. Gerade etwa im Vergleich mit dem thematisch sehr ähnlich gelagerten DEATH WISH 3, den Michael Winner im selben Jahr inszenierte, wird dies deutlich. Auch dort muss sich die […]

  2. […] TOXIC AVENGER beackert ähnliches Terrain wie etwa Michael Winner ein Jahr später im fulminanten DEATH WISH 3 und selbst die Mittel beider Filme sind ähnlich: Beide überzeichnen die in den Achtzigern sehr […]

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