tony arzenta (duccio tessari, italien/frankreich 1973)

Veröffentlicht: Dezember 9, 2008 in Film
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Tony Arzenta (Alain Delon), ein Killer im Dienst der Mafia, will aussteigen. Das Geschäft hat ihn ausgehöhlt und das Leben als liebender Ehemann und Vater muss zwangsläufig hinter seiner Profession zurückstehen. Doch sein Vorhaben ist bei seinen Auftraggebern nicht gern gesehen: Als Tonys Familie einem Attentat zum Opfer fällt, weiß er, dass auch sein Leben nun nichts mehr wert ist. Und weil es nun endgültig nichts mehr gibt, wofür sich sein Leben lohnt, geht er mit großer Unbarmherzigkeit in die Offensive …

talv71Der Gangsterfilm europäischer Prägung war noch nie geprägt von besondere Freundlichkeit und Lebensbejahung, doch Duccio Tessaris italienisch-französische KoproduktionTONY ARZENTA darf mit Fug und Recht als absoluter Gefrierpunkt angesehen werden. Von der ersten Sekunde an, in der man Arzenta mit trister Miene im Kreise seiner Liebsten sieht, die er für den Mord verlassen muss, der sein letzter werden soll, weiß man, wohin ihn sein Weg führen wird. Für Männer wie Tony Arzenta gibt es keinen Vorruhestand, ihr Ende ist vorprogrammiert, lediglich dessen Zeitpunkt eine unbekannte Variable. Auch Tessari lässt daran keinen Zweifel und zeichnet den Weg Arzentas deshalb mit eisiger Präzision. Wie mein Freund Marcos sagte, der mir diesen Film am vergangenen Wochenende vorführte: „Der Film läuft ab wie ein Uhrwerk.“ Das stimmt, und dem Begriff „ablaufen“ kommt hier durchaus eine zweite Bedeutung zu. Die Spielzeit von Tessaris Film wird zum Countdown, die Behauptung, dass man einem Mann über 90 Minuten beim Sterben zusieht, stimmt nur deshalb nicht, weil Arzenta schon zu Beginn tot ist – aber da gibt es zumindest für ihn noch eine leise Hoffnung. Nach dem Tod seiner Familie ist es mit dieser jedoch vorbei. Ob er lebt oder stirbt, ist ihm eigentlich vollkommen egal, dass er nicht den Freitod sucht oder sich seinen Jägern ergibt, ist eigentlich nur einem tierischen Überlebenstrieb und alter Gewohnheit zuzurechnen. Das Sterben ist in Tessaris Film von jeglicher Tragik befreit: Es ereignet sich nur noch mit großer Beiläufigkeit. Selbst für die Hinterbliebenen gibt es keine Trauer mehr, nur  den Schock der Erkenntis, die Einsicht in die Gnadenlosigkeit kosmischer Vorgänge. Das Dasein als Gangster und Killer ist lediglich die radikalste Ausprägung eines solchen vom Sterben geprägten Lebens: Er glaubt, dessen Zwängen entkommen zu können, weil er sich selbst an den Anfang der Kausalitätskette setzt. Doch das ist natürlich ein Trugschluss, weil das System den Einzelnen immer schluckt, sobald er zum Störfaktor wird. Was Tessaris Film vom Spätwerk eines Melville unterscheidet, ist, dass er sich nicht die Boshaftigkeit verkneifen kann, sowohl dem Zuschauer als auch Arzenta die Möglichkeit eines unerwarteten Happy Ends zu suggerieren. Die Hoffnung währt nur Sekunden, bevor sich das Prinzip eines Lebens, das keine Moral und keine Barmherzigkeit kennt, umso härter zurückmeldet. Ein Kniff, der die Leere und Kälte des Films aufbricht und – auch formal durch den Einsatz öffnender Totalen – aus der Geschlossenheit hinausweist, bevor sich alles in der letzten Einstellung des Films wieder – ganz bildlich gesprochen – zusammenzieht.

TONY ARZENTA ist nahezu unerträglich: Es gibt niemandem, zu dem man als Zuschauer halten, keine Hoffnung an die man sich klammern könnte; noch nicht einmal Überraschungen, die einen auch nur für Sekunden von der Last der Gewissheit befreien würden. Das Leben ist ein langes Sterben, die wenigen Höhepunkte sind schnell wieder vorbei, auf den Tod können wir uns nicht vorbereiten. Formal von einiger inszenatorischer Brillanz, gelingt es Tessari, diesen einen Sekundenbruchteil, in dem unser Herz stehenbleibt, weil wir uns daran erinnern, dass wir sterben müssen, auf Spielfilmlänge auszudehnen. Zu kalt für Gänsehaut.

Kommentare
  1. Martin Otremba sagt:

    Ganz genau, dieser Film ist der absolut „kälteste“, den ich kenne.
    Und deswegen liebe ich Alain Delon. Es gibt wohl keinen anderen Top-Schauspieler auf der Welt, der in seinen Filmen (als Hauptdarsteller!) so oft stirbt wie er.(verbessere mich, wenn ich mich irren sollte…)
    A.D. ist auch der Grund, warum ich Filmfan wurde. Als ich 1980 oder 81 im Kino „Trois hommes a abattre“ (Killer stellen sich nicht vor) gesehen habe, war es um mich geschehen. Auch wenn viele den Film heute eher als durchschnittlichen Thriller beurteilen, ist es für mich persönlich so eine Art Kultfilm, …dessen Besprechung ich aber auf dieser Seite vermisse !!! (-;

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