indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto (elio petri, italien 1970)

Veröffentlicht: Februar 20, 2012 in Film
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Ein gepflegter Mann (Gian Maria Volonté) macht sich mit entschlossenem Blick ausgehfertig: Die Haare sind streng frisiert und akkurat gekämmt, der cremefarbene Anzug setzt der Frisur eine gewisse mediterrane Lockherheit entgegen, die hellblaue Krawatte suggeriert eine Empfindsamkeit, die man in dem steinernen, fast brutalen Gesicht vergeblich sucht. Er besucht seine Geliebte (Florinda Bolkan), eine sinnlich aussehende Frau mit langen dunklen Haaren, ebensolchen Augen und einem freizügig geschnittenen Kleid, die Einrichtung ihrer Wohnung weist sie als Freigeist aus. „Wie wirst du mich heute umbringen?“, fragt sie den Mann im Scherz. „Ich schneide dir die Kehle durch.“, antwortet der todernst. Beide ziehen sich aus, gleiten dann unter die schwarze Seidendecke. Das Liebesspiel beginnt, bis die oben liegende Frau plötzlich erstarrt. Der Mann schiebt sie zur Seite, leblos rutscht sie von ihm herunter. Blut bedeckt seine Brust. Er steht auf, duscht sich, trinkt einen Schnaps. Er zieht sich an und beginnt dann eine Reihe von Spuren zu hinterlassen: einen Faden seiner  Krawatte unter einem Fingernagel der Toten, blutige Fußspuren, Fingerabdrücke. Er wickelt ein paar Schmuckstücke der Frau in ein Taschentuch, das er in seine Jacketttasche steckt, ruft bei der Polizei an, um einen Mord zu melden, öffnet den Kühlschrank, nimmt zwei Flaschen Champagner heraus, verlässt die Wohnung und fährt zur Arbeit. Dort wird er von seinen Kollegen bereits erwartet: Es ist sein letzter Tag als Chef des Morddezernats. Er hat die nächste Karrierestufe erklommen und wird ab sofort wird er für die innere Sicherheit verantwortlich sein. Doch zunächst muss er die Ermittlungen im Mord an einer jungen Frau anstoßen, der Frau, die er kurz zuvor eigenhändig umgebracht hat …

So beginnt Elio Petris Film und der Schock, den dieser Beginn beim Zuschauer auslöst, wird über die gesamte Spielzeit von 110 Minuten eine geradezu versteinernde, lähmende Wirkung entwickeln: Zeichnete Peri zuvor schon äußerst pessimistische Gesellschaftsbilder, so kann man INDAGINE SU UN CITTADINO AL DI SOPRA DI OGNI SOSPETTO nur noch als fatalistisch bezeichnen. Dieser Eindruck wird dadurch verschärft, dass der Zuschauer zum ersten Mal in Petris Filmen (bzw.: zum ersten Mal in den von mir gesehenen Filmen des Regisseurs) dazu gezwungen wird, sich mit dem Gegner zu identifizieren. Der „Dottore“, wie Volontés Protagonist von allen genannt wird (erst in der letzten Szene des Films bekommt er einen Namen), verkörpert den rücksichts- und skrupellosen Machtmenschen, dem einzig an Erhalt und Vergrößerung dieser Macht gelegen ist und der exemplarisch ist für jenen Typus, der im Kapitalismus die Geschicke der Staaten lenkt. Zuvor hatte Petri dem Zuschauer noch Menschen zur Seite gestellt, die bei aller Chancenlosigkeit doch noch Hoffnung machten, allein mit ihrer Existenz: Alfredo in L’ASSASSINO, einen zwar moralisch fragwürdigen Charakter, aber eben doch auch einen weitestgehend harmlosen Bürger mit dem Potenzial zur Besserung; Caroline und Marcello in LA DECIMA VITTIMA, die sich dem System entzogen und ironischerweise ausgerechnet in die Ehe flüchteten; den Akademiker Paolo in A CIASCUNO IL SUO, einen integren Idealisten, dem seine politische Naivität zum Verhängnis wurde; oder Leonardo, den Künstler aus UN TRANQUILLO POSTO DI CAMPAGNA, den seine Geliebte gnadenlos auf Linie brachte. Der Widerstand, den sie noch leisteten, wird hier bereits im Keim vom „Dottore“ und seinem unbarmherzigen autoritären Auftreten erstickt. Die Vehemenz, mit der der das Primat des Staates (und damit der Mächtigen) verabsolutiert und verteidigt, macht einem tatsächlich angst und bange: Ein kritischer, demokratischer Diskurs ist nicht gewünscht, vielmehr ist das reibungslose Funktionieren des Apparats mit allen Mitteln sicherzustellen. Menschenrechte sind dazu da, gebrochen zu werden, schon die falsche Adresse, der falsche Haarschnitt oder die falschen Freunde können Grund für die staatliche Überwachung sein. Und der „Dottore“ kann diese totalitären Ansichten sogar mit der Verteidigung der Werte der Demokratie zusammenbringen, ohne dass es ihm als Widerspruch erscheint.

INDAGINE SU UN CITTADINO endet mit einem Kafka-Zitat, macht damit explizit, was in L’ASSASSINO noch in den Bildern verborgen lag: Politik und Rechtsprechung sind ganz und gar hermetische Systeme geworden, die vor allem mit ihrer Selbsterhaltung beschäftigt sind. Keiner der bewusst begangenen Fehler des „Dottore“ kann ihn zur Strecke bringen, weil er kraft seines Amtes immun schon gegen den bloßen Verdacht geworden ist. Es ist der ultimative männliche Omnipotenzwahn, der ihn und seine Genossen antreibt, letztlich aber von einer sadomasochistischen Sehnsucht nach Unterwerfung bestimmt ist: Wer alles darf, alles kann, der sucht sich denjenigen, der noch mächtiger ist als er selbst. Dieses männliche Machtstreben hat in INDAGINE SU UN CITTADINO wie in den vorangegangenen Filmen Petris auch eine sexuelle Konnotation: Es ist die Unabhängigkeit der ihm insofern überlegenen Frau, die den „Dottore“ antreibt, ihn dazu bringt vom Baum der Machterkenntnis zu naschen, sich so ihres Respekts und ihrer Anerkennung zu versichern. Letztlich fehlt im die Kraft dazu, ein ganz und gar unabhängiges Individuum zu sein: Verängstigt und eingeschüchtert von den sich bietenden Möglichkeiten, der Abwesenheit von Regeln und einer ihn richtenden Instanz gesteht er sein Verbrechen, fleht um die Bestrafung, die das System, an das er glaubt, wiederherstellt. Doch er ist dieser Sphäre längst entwachsen: Er ist kein normaler Bürger mehr, sondern Mitglied der herrschenden Klasse, eines Kultes, der seine eigenen Riten der Bestrafung und Belohnung hat.

INDAGINE SU UN CITTADINO scheint nach dem Quasi-Horrorfilm UN TRANQUILLO POSTO DI CAMPAGNA zunächst eine Rückkehr zum Politthriller italienischer Prägung zu sein: Sachlich-analytisch schildert Petri das Vorgehen seines Protagonisten, suggeriert, wie ein Krimi mit umgedrehten Vorzeichen an der Auflösung des Mordfalles interessiert zu sein. Doch je länger der Film dauert, umso mehr verwandelt er sich vom Polit- und Polizeithriller zum Psychogramm und dann zur politischen Farce. Mit dem Finale verabschiedet sich Petri endgültig von der Realität, nähert sich den okkulten Verschwörungstheorien des Horrorfilms an, wenn sein „Dottore“ den Honorationen gegenübertritt um den Urteilsspruch oder aaber die Absolution zu empfangen. Getragen wird der Film, der wieder einmal elegant Fantasien, Träume und Erinnerungen seiner Hauptfigur in seine Erzählung einwebt und den „klaren“ Gang der Ereignisse so mehr und mehr verwischt, von Gian Maria Volonté: Was der hier leistet, ist eigentlich erst wirklich einzuschätzen, wenn man ihn in A CIASCUNO IL SUO in einer dem „Dottore“ diametral entgegengesetzten Rolle gesehen hat. War er dort sensibel, verzärtelt, unsicher und linkisch, so tritt er hier arrogant und selbstherrlich auf, bellt seine Dialogzeilen in einem durch Mark und Bein gehenden Befehlston und lässt keine einzige menschliche Regung durchscheinen. Ein Mann, der nur aus einer undurchdringlichen Fassade besteht. In einer Szene doziert er über die richtige Taktik beim Verhör, spricht darüber, wie wichtig es ist, den Verdächtigen zum Kind zu degradieren, das sich förmlich danach sehnt, sich dem „Vater“ zu offenbaren: Das ist genau die Rolle, in die sich auch der Zuschauer gedrängt fühlt. INDAGINE SU UN CITTADINO AL DI SOPRADI OGNI SOSPETTA ist weniger Film als körperliche Grenzerfahrung. Ein Ausnahmewerk, das 1971 mit dem Oscar als Bester ausländischer Film ausgezeichnet wurde. Wahrscheinlich, weil die Academy Angst hatte …

Kommentare
  1. Christoph sagt:

    Und jetzt noch unbedingt noch LA CLASSE OPERAIA VA IN PARADISO gucken – erst recht, da du ja offenbar eine möglichst vollständige Reihe im Blick hattest. Unverzichtbar und angemessen brachial.

    • Oliver sagt:

      Mir liegen noch LA CLASSE und TODO MODO vor und die werden auch schleunigst geguckt. Mal schauen, was ich von Petri danach noch auftreiben kann. Auf jeden Fall ein großartiger Filmemacher und leider sehr zu Unrecht vergessen.

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