one hour with you (ernst lubitsch, usa 1932)

Veröffentlicht: Dezember 23, 2012 in Film
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„Weil Lubitsch festgefügte Verbindungen hasste, stellte er die Ehe gern als Zwangsjacke dar. Er war zweimal unglücklich verheiratet.“ (Hans Helmut Prinzler, in: Filmregisseure, Stuttgart 1999)

Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Beobachtung in ihrer Schärfe teilen kann. Richtig ist, dass gesellschaftliche Konventionen dem Glück von Lubitschs Protagonisten oft im Weg stehen: In DESIGN FOR LIVING erkennen Tom, George und Gilda, dass sie einander so sehr brauchen, dass sie lieber in einer sexlosen Dreierbeziehung leben, als auf einen verzichten zu müssen. In HEAVEN CAN WAIT verzeiht Martha ihrem Gatten Henry erst nach einer leidvollen Trennung dessen Seitensprünge, weil an ihrer Liebe kein Zweifel besteht. Und in TROUBLE IN PARADISE zieht Gaston den Kick, den Rausch des Ungewissen, den seine Partnerschaft Diebin Lily ihm verschafft, der konventionelleren Beziehung zur Unternehmerin Mariette vor. Aber das heißt nicht, dass die Ehe nicht genau das Richtige sein kann: Und mit dieser Feststellung bin ich dann auch schon bei ONE HOUR WITH YOU, einem heiteren Musical, dass das Ehepaar Dr. André Bertier (Maurice Chevalier) und Collette (Jeanette MacDonald) vor eine Zerreißprobe stellt, als sich Collettes verführerische Freundin Mitzi (Genevieve Tobin) für ihn zu interessieren beginnt.

André und Collette führen eine Traumehe: Nach drei Jahren sind sie immer noch so verliebt in einander wie ein junges Liebespärchen, die Lust auf den anderen treibt sie abends in öffentliche Parks, wo sie innig umschlungen im Mondschein sitzen, bis sie vom Schutzmann verjagt werden, der ihnen angesichts ihrer Leidenschaft kaum glauben mag, dass sie verheiratet sind. Zurück zu Hause verkriechen sie sich zum Liebesspiel im Bett. Ihr Miteinander ist ein ständiger Flirt, ihr Umgang von Respekt und ungebrochener Zuneigung geprägt. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese beiden füreinander geschaffen sind. Das ändert sich auch nicht, als Mitzi auftritt. Ihr verkniffener Gatte will die Scheidung und setzt einen Detektiv auf sie an, um ihr Untreue nachzuweisen. Durch Zufall landet sie im selben Taxi wie André, nicht wissend, dass der der Gatte ihrer besten Freundin ist. Und von seinem hinreißenden Charme ist sie gleich wie bezaubert, macht ihm an Ort und Stelle ein unmissverständliches Angebot, dem dieser sich nur entziehen kann, indem er alle Kraft zusammennimmt und den Wagen im Zustand höchster Erregung fluchtartig verlässt. Später begegnen sich beide in der Wohnung der Bertiers wieder, doch während André schockiert ist von der Enthüllung – und natürlich befürchtet, dass seine Collette von dem folgenlos gebliebenen Flirt erfahren könnte –, scheint Mitzi von der Tatsache, dass der attraktive Doktor der Ehemann ihrer Freundin ist, noch zusätzlich angestachelt zu werden. Die Situation eskaliert bei einer Party der Bertiers, auf der Mitzi den zwischen seiner Lust und der Liebe zu seiner Frau hin- und hergerissenen Andre schließlich in die Büsche des Gartens zerrt, während Collette von Andrés unebholfenem Freund Adolphe hofiert wird. Andrés harmloser Flirt fliegt auf, weil er vom oben erwähnten Detektiv beobachtet wird. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich seiner Frau zu offenbaren. Es kommt zum Streit, sie droht mit der Scheidung, doch letzten Endes obsiegt das Vertrauen in die Ehrlichkeit des anderen und ihre Liebe.

Lubitsch bringt das Dilemma von André in einem kleinen von diesem gesungenen Lied auf den Punkt, mit dem dieser sich – wie mehrmals während des Films – direkt an den Zuschauer wendet: Wenn sich eine attraktive Frau dir so an den Hals würfe, dich mit all ihrer Verführungskraft um körperliche Zuneigung anflehte, was würdest DU tun? Zwei Herzen schlagen in Andrés Brust: Das eine ist das des seine Ehefrau unendlich liebenden Gatten, das andere das des Mannes, der doch nicht zuletzt ein sexuelles Wesen ist, das eindeutigen Angebote nicht gleichgültig gegenübersteht. Der Kampf Andrés ist der eines Vernunftwesens, das die Autonomie gegenüber seinen Trieben behalten will. Dass er ein echter Gentleman ist, macht die Sache nicht leichter: Es ist nicht seine Art, eine attraktive Frau zu brüskieren. Ihm gebietet schon fast die Höflichkeit, ihre Avancen nicht einfach abzuweisen. Die herrschende Sexualmoral hat die Aggressivität, mit der Mitzi ihr Ziel verfolgt, nicht eingeplant, es gibt keinen Leitfaden für André, nachdem er sich richten könnte. Sein Geist ist willig – „but oooooooooh that Mitzi!“, wie er es in einem herrlich vorgetragenen Song ausdrückt.

ONE HOUR WITH YOU ist jetzt der fünfte Film, den ich von Lubitsch gesehen habe (neben den oben erwähnten noch TO BE OR NOT TO BE) und von diesen der am wenigsten berühmte, aber mein Gott, ist er ein Gedicht! Was ich in den Texten zuvor schon erwähnt habe, gilt auch hier: Die Interaktion zwischen den drei Protagonisten ist unglaublich erotisch, ohne dass der Film jemals wirklich körperlich explizit würde, und man kann André in seinem Ringen um Kontrolle angesichts der Heißblütigkeit Mitzis nur bemitleiden. Da raucht die Leinwand (und die Hose)! Maurice Chevaliers göttliches Spiel und sein herrlicher Akzent sind die für den Erfolg entscheidenden Zutaten, aber unbedingt erwähnt werden müssen die urkomischen, pointierten Dialoge. Wunderbar ist die Begegnung zwischen André, von der Krankheit vortäuschenden Mitzi zu Hilfe gerufen, und ihrem Noch-Ehemann: „Dr. André Bertier, Physician“ – „Prof. Olivier, Ancient History“. Oder Adolphe zu Collette: „You have a right to be wrong. You’re a woman. Women are born to be wrong. I like my women wrong!“ Juwelen dieser Art gibt es mehrfach zu entdecken. Und natürlich die weise Erkenntnis: Wenn die Ehe das richtige für dich ist, heirate und werde glücklich! Aber wisse, worauf du dich einlässt!

Kommentare
  1. Josef Tura sagt:

    „In DESIGN FOR LIVING erkennen Tom, George und Gilda, dass sie einander so sehr brauchen, dass sie lieber in einer sexlosen Dreierbeziehung leben, als auf einen verzichten zu müssen.“
    Niemand verzichtet da auf irgendwas – und schon garnicht auf Sex.
    Ich glaube, Sie haben den Schluß des Films mißverstanden: wenn die drei am End im Taxi sich schwören:
    „But – no sex“!, dann ist das natürlich Lubitsch pur und heißt im Klartext: wir werden in einer fröhlichen Dreierbeziehung (und zwar MIT Sex!) wie bisher auch zusammenleben. Man muß sich immer vor Augen halten, daß es damals eine rigorose Zensur in Hollywood gab – und daß Lubitsch, die eben ausgetrickst hat, wo er nur konnte.

    • Oliver sagt:

      Dass ich etwas missverstanden habe, mag durchaus sein. Wäre ja auch schade, wenn nicht, denn sonst müsste ich DESIGN FOR LIVING ja nicht mehr schauen. 🙂

      Mit der „rigorosen Zensur“ liegen Sie aber mindestens ebenso daneben. Zum so genannten Hays-Code schreibt Wikipedia: „Die Motion Picture Producers and Distributors of America, Inc. (MPPDA, heute MPAA), der Dachverband der US-amerikanischen Filmproduktionsfirmen, übernahm den Kodex 1930 zunächst auf freiwilliger Basis; angesichts drohender Zensurgesetze von Seiten der Regierung wurde er jedoch ab 1934 für Filmproduktionsunternehmen zur Pflicht.“

      Noch deutlicher in der amerikanischen Version: „Pre-Code Hollywood refers to the era in the American film industry between the introduction of sound in the late 1920s and the enforcement of the Motion Picture Production Code (usually labeled, albeit inaccurately after 1934, as the „Hays Code“) censorship guidelines. Although the Code was adopted in 1930, oversight was poor and it did not become rigorously enforced until July 1, 1934. Before that date, movie content was restricted more by local laws, negotiations between the Studio Relations Committee (SRC) and the major studios, and popular opinion than strict adherence to the Hays Code, which was often ignored by Hollywood filmmakers. As a result, films in the late 1920s and early 1930s included sexual innuendo, miscegenation, profanity, illegal drug use, promiscuity, prostitution, infidelity, abortion, intense violence and homosexuality.“

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