engel, die ihre flügel verbrennen (zbynêk brynych, deutschland 1970)

Veröffentlicht: Februar 21, 2015 in Film
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omicidio-al-17-piano-img-124233Zu Beginn: Eine unfassbar laszive Nadja Tiller in einer nicht anders als „geil“ zu nennenden Sexszene. Schon auf dem Weg in das als Liebesnest beim Studenten Kirr (Jochen Busse) gemietete Appartement ist ihre Hilde Kusmeit kaum zu bändigen, lüstern lachend wie eine leuchtende Gottesanbeterin, die weiß, dass ihr mal wieder ein kapitaler Fang gelungen ist. Der Blick, mit dem sie sich, von ihrem bebenden Liebhaber bäuchlings aufs Bett geworfen, in die Matratze verbeißt, ist voll flammender Lust, gefährlicher, selbstzerstörerischer Triebhaftigkeit und kultischer Entrückung. Später, als sie genannten Kirr ranlässt – einen versnobten Blässling, der abgebrüht tut, aber doch nur ein verkappter Onanist ist –, um ihn gefügig zu machen, weicht das von archaischen Gelüsten gleißend aufgehellte Strahlen ihrer Augen (siehe Postermotiv) dem Schleier souverän-gelangweilter Überlegenheit.

Jaja, die Geilheit. Sie ergreift auch Besitz von der nicht mehr ganz taufrischen Frau Dingeldey (Ellen Umlauf). Sie sollte sich wahrscheinlich lieber um ihre Tochter Moni (Susanne Uhlen) kümmern, aber die hauseigene Bar mit angeschlossener Diskothek sowie die dort wartenden, willigen Männer sind zu große Verlockungen für die dem „Sommer der Liebe“ eigentlich längst entwachsene Frau. So tanzt sie dann ekstatisch im Ozzy-Osbourne-Gedächtnis-Fransenkaftan, wirft ihre Löwenmähne als sei sie von einem afrikanischen Dämon besessen und schart die leichte Beute witternden „Verehrer“ um sich, während die Tochter sich in der Wohnung ein paar Stockwerke höher die Zeit mit Robert (Jan Koester) vertreibt, der wiederum der Sohn der Kusmeit ist – und ein Mörder.

ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN. Der Titel ist zweideutig. Sehr konkret bezieht er sich auf das Schicksal von Moni und Robert, noch unschuldigen „Engeln“ eben, die aufgrund ihres familiären Umfelds, oder vielmehr der Nichtvorhandenheit eines solchen, in den Tod getrieben werden. Der einprägsame Titelsong von Peter Thomas ist ihr Thema und erklingt fast in jeder Szene mit ihnen; was durchaus auch komisch ist: Ein bisschen sind sie auch Gefangene ihrer vermeintlichen Tugendhaftigkeit, mit der es ja auch nicht so weit her ist. Auf allgemeinerer Ebene bezieht er sich auf den Menschen überhaupt, der in einem halsbrecherischen Wettrennen ums flüchtige Glück gefangen ist, dass ihm jedoch umso mehr entgleitet, je fester er es zu greifen versucht. Die Menschen sind ja alle fürchterlich unentspannt in diesem Appartementhaus, das für jeden Geschmack Zerstreuung bietet: Die lüsternen, geilen, anzüglichen, herausfordernden Blicke sind kaum zu zählen, und jeder Bewohner ist voll in seinem Hamsterrad gefangen, selbst die greise alte Dame, die ihre große Chance wittert, bei der Aufklärung des Mordfalls mitzuhelfen. Die einzige Ausnahme sind die beiden Kinder, deren Blicke suchend und fragend statt taxierend und herabsetzend sind, und der lustige Hippie an der Bar, über dessen Gesicht ein zufriedenes Lächeln huscht, als alle anderen in brausende Aufruhr geraten. Der Vergleich mit David Cronenbergs SHIVERS, auf den ich hier gestoßen bin, fördert wirklich verblüffende Gemeinsamkeiten zutage, die bis in Details reichen: Beide Filme spielen in modernen Appartementhäusern, in beiden sind deren Bewohner in einem libidinösen Taumel gefangen, in beiden werden die letzten „Unschuldigen“ am Ende von einem rasenden Mob verfolgt, in beiden gibt es einen Showdown in einem Schwimmbad. Was die beiden unterscheidet, ist die Einschätzung des Rauschs: Könnte man ihn bei Cronenberg noch als Befreiung von gesellschaftlichen und biologischen Zwängen, gewissermaßen als Utopie verstehen, verhält es sich bei Brynych eher umgekehrt. Dieser Sex, der selbstvergessene, sucht- und triebhafte, unreflektierte, ist bei ihm Symptom eines Mangels.

Der zu befürchtende Sodbrennen verursachende Moralinsäuregehalt wird von Brynych durch großzügige Beigabe lakonischen Humors und tschechischer Zärtlichkeit gedrosselt. Auch wenn ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN tragisch endet, wird hier nicht mit erhobenem Zeigefinger von der Kanzel gepredigt. Mehr als eine realistische Bestandsaufnahme ist er eine überzogene Farce, eine Karikatur der hedonistischen Upperclass, die den Blick für das Wesentliche vollkommen aus den Augen verloren hat. Und der Film ist wirklich urkomisch. Am besten hat mir die Szene gefallen, in der Moni den Zimmerservice kommen lässt und die beiden überfreundlichen Kellner mit eben jener zickig-arroganten Herablassung behandelt, die sie sich wahrscheinlich von der Mutter abgeschaut hat. Ganz groß, wenn sie aus einem dicken Geldbündel einen Zehn-Mark-Schein fallen lässt, und dem Kellner, der ihn servil aufhebt, ein gönnerhaft-desinteressiertes „Der ist für sie.“ hinwirft. Aber ein Großteil des Witzes lässt sich nicht in der Nacherzählung einzelner Szenen wiedergeben, weil er vor allem darin besteht, wie die Charaktere miteinander umgehen, wie sie sprechen, wie sie sich zu ihrer Umwelt verhalten, welche Blicke sie sich zuwerfen. Ganz toll ist auch Karl-Otto Alberty als Polizeikollege von Siegfried Rauch. Wie er da stets gut sichtbar und lustvoll auf seinem Pfefferminzdrops lutscht, ihn mit der Zunge heraustreckt und wieder einrollt, das ist schon besonders dreist und offensiv. Und das freche Früchtchen Susanne Uhlen zeigt, dass sie das lolitahafte Schürzen der Lippen bereits im Schlaf beherrscht. Über allem thront natürlich Nadja Tiller, die in ihrer Erotik eine Autorität und Würde ausstrahlt, dass einem als Mann nur angst und bange werden kann. Ein Wahnsinnsfilm, einer, wie er nur alle paar Jahrzehnte mal aus dem günstigen Zusammentreffen künstlerischer Inspiration und glücklicher Fügung heraus geboren wird. Dafür muss man dankbar sein.

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Kommentare
  1. Das Schürzen habe ich in meinem Text auch erwähnt. Scheint also nicht gar so beiläufig zu sein, obschon die Hauptrolle die Uhlen-Augen spielen, die sie ja schon in DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL kullern ließ. Ich muß endlich mal DAS NETZ schauen. Da ist sie ja schon einen Tick älter. Aus den 70ern gibt es außerdem noch Filme mit so spekulativen Titeln wie KINDEREHEN und den mysteriöser klingenden EIN MÄDCHEN AUS ZWEITER HAND. Da dürfte gern mal nachgebessert werden, was die Verfügbarkeit angeht. Du kennst diese Werke nicht zufällig?

    • Oliver sagt:

      Ich schätze, das Schürzen ist ein Detail, das einem erst so richtig auffällt, wenn man weiß, wie wichtig Blicke in diesen „Sittendramen“ sind. Natürlich ist es nicht unsichtbar, sonst machte es ja keinen Sinn. Die Frage ist wohl eher, ob man das als unwillkürliches Zucken interpretiert oder als (vom Regisseur) bewusst eingesetzt. Nein, die genannten Filme kenne ich leider nicht. Aber DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL natürlich. An den musste ich auch denken, aber da agiert die Uhlen ja – ihrem Alter entsprechend – noch deutlich passiver.

  2. Oliver sagt:

    Susanne Uhlen statt Claudia Cardinale in SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD? Oder als Alternative zu Katriona MacColl? 😉

    • Na, so genau habe ich das nicht ausgearbeitet. Vielleicht einfach ganz etwas anderes, was die Herren aus den Möglichkeiten hätten schöpfen können? 🙂

      • Oliver sagt:

        Größere Möglichkeiten als die Karriere mit doofen Fernsehserien hätten sich bestimmt geboten. Also zumindest potenziell, leider hat da nur die deutsche Filmlandschaft nicht so richtig mitgespielt.

      • Im Grunde war die große Zeit des Kinos für die erwachsene Uhlen ja auch schon vorbei, so daß es für eine Schauspielerin legitim war, sich ins wärmere Fernsehnestchen zu setzen. In einer der vielen Co-Produktionen der 60er/70er hätte sie bestimmt Platz gefunden, wenn sie vielleicht Jahre älter gewesen wäre.

      • Oliver sagt:

        Darauf wollte ich hinaus. Siegfried Rauch würde man ja auch ein besseres Karriereende als DAS TRAUMSCHIFF wünschen – aber das scheint in Deutschland nicht möglich. Auch wenn er den Dauerurlaub bestimmt genießt. 🙂

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