die katze (dominik graf, deutschland 1988)

Veröffentlicht: März 3, 2015 in Film
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DIE KATZE. Ich erinnere mich noch daran, damals den Trailer für Grafs Heist-Movie im Kino gesehen zu haben (ich glaube es war vor DIE REISE INS ICH). Der Film wurde wenig später ein großer Publikumserfolg und hätte eigentlich eine ganze Welle von harten, verschwitzten, aufgeheizten deutschen Crime-Filmen lostreten müssen, aber natürlich passierte – nichts. Dabei hatte Graf nicht nur gezeigt, wie das gehen kann, deutsches Thrillerkino, sondern auch, wie man es mit ausgesprochenem Stilbewusstsein und ureigener Identität auf die Leinwand bringt. Wie man die Vorbilder aus den USA und aus Frankreich honoriert, ohne sie nachzuäffen. Die Düsseldorfer Immermannstraße und vor allem die metallisch glänzende, dekonstruktivistisch verwinkelten Fassaden des auch heute noch existierenden Hotel Nikko und des Deutsch-Japanischen Centers, sind eine ideale Kulisse für den bis zum Bersten aufgeladenen Stoff, verkörpern den oberflächlichen Materialismus, dem die Protagonisten verzweifelt hinterherrennen, während die dunklen Innenräume des Hotels, in denen sich Mastermind Probek (Götz George) verschanzt hat, mit ihren erdigen Farben gleichermaßen das Bedürfnis nach Geborgenheit wie auch die Unfähigkeit, diese überhaupt noch zuzulassen, widerspiegeln.

Das ist ja – neben der arschtighten Inszenierung des Geiseldramas und der polizeilichen Intervenierungsversuche (die Entdeckung des Films: Joachim Kemmer als Einsatzleiter Voss) – die eigentliche Höchstleistung von Graf: Wie er eine Geschichte über hilflose Seelenkrüppel erzählt und diese in einen Heist-Movie faltet, das als äußere Entsprechung des inneren Tumults fungiert. DIE KATZE beginnt mit einer schwülen Sexszene zwischen Probek und Jutta Ehser (Gudrun Landgrebe), der Gattin des Filialleiters der Bank (Ulrich Gebauer), auf die Probek seinen Überfall geplant hat, und sie wird von Zwischenschnitten auf den gehörnten Ehemann unterbrochen, der längst weiß, was los ist. Wenig später wird Jutta zu ihm nach Hause kommen, hören, wie er am Telefon über sie, ihre Untreue und seine Trennungsgedanken redet, und ihn dabei lächelnd ignorieren. Wer nur ein bisschen Einblick in die Mechanismen des Crime- und des Polizeifilms hat, der weiß bereits jetzt, dass Probeks kühl kalkulierter Plan zum Scheitern verurteilt ist: Hitzige Leidenschaft war noch nie ein guter Ratgeber. Und so kommt es dann auch. Die feurige Jutta ist einfach zu heiß, als dass ein Mann sie kontrollieren könnte, noch dazu einer, der sich wie Probek, sonst ein nichts dem Zufall überlassender Kontrollfanatiker, blind auf sie verlassen hat. Und so sitzt sie am Ende wieder neben ihrem Ehemann, einen Koffer voller Geld im Kofferraum, aber doch als Verliererin, weil er sie nun ganz in seiner Hand hat. Menschen sind keine Schachfiguren.

DIE KATZE. Schon der Titel ist ja ein Trick. Auf dem Filmplakat legt er den Schluss nahe, eine Art nom de guerre Probeks zu sein. Einer Katze sagt man eine Verschlagenheit, Berechnung und natürlich Agilität nach, Eigenschaften, die auch das verbrecherische Mastermind verkörpert, der andere für sich die Drecksarbeit machen lässt – die beiden geistig eher minderbemittelten Kriminiellen Junghein (Heinz Hoenig) und Britz (Ralf Richter) –, während er aus der Distanz die Fäden zieht. Das falsche Genus lässt kurz aufmerken, aber schließlich ist „die Katze“ der Gattungsbegriff und könnte als solcher auch auf einen Mann angewendet werden („der Kater“ klänge indessen ziemlich seltsam). Je länger der Film aber läuft, umso mehr wird klar, dass der Titel sich gar nicht auf Probek, sondern auf Jutta bezieht, die heimliche Hauptfigur des Films. So wie der Verbrecher aus seinem Hotelzimmer heraus die Marionetten Junghein und Britz mithilfe von Funkgerät und Fernrohr steuert, so wird er von Jutta gesteuert. So sehr bringt sie auch den Zuschauer dazu zu glauben, sie sei nur das austauschbare Love Interest. Mit dem Unterschied, dass sie dazu keinerlei technische Hilfsmittel mehr benötigt. Sie lässt Probek in dem Glauben, alles unter Kontrolle zu haben, hat ihn in Wahrheit aber fest bei den Eiern. Und wem der Handlungsverlauf noch nicht reicht, um zu erkennen, dass Jutta die „Katze“ ist, den überzeugt spätestens der Blick in die Unergründlichkeit ihrer eisblauen Augen, die auch dann noch leuchten, wenn Probkes Blick längst erloschen ist.

(Anmerkung: Leider habe ich nur die gekürzte Vollbildfassung von EuroVideo gesehen.)

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Kommentare
  1. Chrisch sagt:

    Den müsste ich auch mal wieder schauen. Es ist ein Unding, wie Deutschland mit seinen Genrefilmen – die es zweifellos in rauhen Mengen gibt, aber dennoch größtenteils dem Vergessen anheim fielen – umgeht. Stiefmütterlich wäre als Prädikat ein Untertreibung sondergleichen.

    Doch an würdigen Veröffentlichungen scheint kaum jemand interessiert zu sein. Nicht einmal, wenn ein George die Hauptrolle inne hat.

    Aus diesem Grunde ist es wunderbar mitanzusehen, wenn sich Labels wie Subkultur – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – darum bemühen – zumindest ein paar – Genfreflicks würdig der Öffentlichkeit zu übereignen. Jüngst geschehen mit der fruchtbaren Kampagne für „Blutiger Freitag“. Aber auch ihre Edition Deutsche Vita ist empfehlenswert und vor allen Dingen in kultureller Hinsicht immens wichtig..

    Ach, was gäbe ich darum vergessene Perlen wie „Die Brut des Bösen“ mittels einer würdigen Veröffentlichung erneut sichten zu können…

    • Oliver sagt:

      Dem ist wenig hinzuzufügen. Es gibt aber eine angemessene VÖ von DIE KATZE: Sie erschien im Rahmen einer FAZ-Reihe, ist ungeschnitten und präsentiert den Film neu abgetastet und im richtigen Bildformat. Allerdings ist sie längst OOP. Ich habe mir ein rares gebrauchtes Exemplar zu entsprechendem Preis geordert. Der Film ist es mir wert.

  2. Marcos sagt:

    Auch wenn das Leben ein „complicated freeway“ ist, wenn Dein „heart“ „true“ bleibt, dann bleib dran!

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