breaking bad (seasons 1–5, usa 2008–2013)

Veröffentlicht: März 4, 2015 in Film
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Free-Ship-font-b-Breaking-b-font-font-b-Bad-b-font-TV-1-2-3Viele Menschen schauen gar keine Filme mehr, sind der Meinung, dass das Medium gewissermaßen überkommen und an seine Stelle die Fernsehserie meist US-amerikanischer Prägung getreten sei. Warum sollte man sich beim Erzählen einer Geschichte an einen anscheinend willkürlich gewählten Zeitrahmen von 90 bis 180 Minuten halten? Warum sich beschränken, wenn die Fabulierfreude doch in die Breite drängt? Warum nicht seinen erzählerischen Impulsen nachgeben? Warum sich an bestehende Regeln halten, wenn man doch neue aufstellen kann? Der Siegeszug der modernen Fernsehserie geht auch einher mit dem kreativen Niedergang des Hollywood-Mainstream-KInos, das Konzepte, Gimmicks und Franchisebuilding echter Kreativität und Originalität vorzieht. Filme sind kompromittiert, weil es ihre Aufgabe ist, in immer kürzerer Zeit immer mehr Gewinn einzuspielen. Der Anteil „origineller“ Stoffe geht gegenüber Remakes, Sequels, Reboots und Fernseh-, Comic- oder Computerspieladaptionen immer weiter zurück, weil letztere bereits eine „eingebaute“ Zielgruppe mitbringen, die erstere erst finden müssen. Die Probleme gehen sehr wahrscheinlich tiefer und sind von außen in der Kürze der Zeit kaum ausreichend zu analysieren, aber als verkürzte Bestandsaufnahme und Zusammenfassung der Situation, wie sie sich dem interessierten Laien darstellt, mag sie an dieser Stelle genügen. Fernsehen – und das ist ja auch in Deutschland gar nicht so anders – ist für ambitionierte Autoren und Regisseure eine attraktive Alternative. Ein Bezahlsender wie HBO verfügt über ein „sicheres“ Budget, das er investieren kann, ohne sofort Verluste zu schreiben. Er ist bei der Konzeption nicht an Ratings und Zensurbeschränkungen gebunden: Allein die Gewissheit, neben Tits and Ass ausufernde Gewalt zu sehen zu bekommen, mag für viele Zuschauer Grund sein, die neueste Episode von GAME OF THRONES einzuschalten, statt den kastrierten PG-13-Actioner im Kino zu schauen. Geringere Produktionskosten und das Wissen, dass eine Serie mit einer durchschnittlichen Episodenlänge von 30 bis 60 Minuten mehrere Wochen Zeit hat, sein Publikum zu finden und zu überzeugen, begünstigen sicherlich die Risikobereitschaft der Produzenten.

Diese Gemengelage hat in den letzten ca. 15 Jahren etliche kreative Höhenflüge begünstigt: Serien wie THE SOPRANOS übertrafen noch Coppolas THE GODFATHER-Trilogie in ihrer epischen Breite, befreiten das festgefügte Subgenre des Mafiafilms von einigen seiner liebgewonnensten aber auch hartnäckigsten Klischees und faszinierten mit einem über mehrere Jahre kunstvoll konstruierten Spannungsbogen. Die Polizeiserie THE SHIELD setzte neue Maßstäbe in Sachen urbanem Realismus und vollbrachte das Kunststück, seine Eskalationsdramaturgie noch weiter zu spinnen, als man das zu Beginn für möglich gehalten hatte. LOST faszinierte oder verärgerte mit selbstreflexivem Dekonstruktivismus, präsentierte ein kunstvolles, immer neue Wendungen, Haken, Exkurse und Interpretationsmöglichkeiten offenbarendes Gebilde, bei dessen unaufhaltsam rhizomatischer Wucherung man quasi live beiwohnen konnte. Die fünf Staffeln von THE WIRE zeichneten schließlich sogar das detaillierte Bild einer ganzen Stadt. Wir sind uns einig, dass die Errungenschaften dieser Serien nicht auf das Medium „Film“ übertragbar sind: Ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor ist in allen genannten Fällen die Zeit: Zeit, Charaktere über Jahre und viele Stunden zu entwickeln und zu formen, sie mit einer vor den Augen des Zuschauers sich ausbreitenden Biografie, einer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, auszustatten, ihnen unerwartete Brüche zu verleihen, die umso schockierender sind, je mehr man glaubte, sie zuvor kennengelernt zu haben. Der modus operandi des Films besteht in der Verknappung und Verkürzung, darin, komplexe Sachverhalte im Extremfall auf ein einziges aussagekräftiges Bild einzudampfen. Die Serie kann jahrelange Entwicklungen akribisch protokollieren und so ganze soziale Systeme abbilden. Aber sie läuft damit auch Gefahr, das totzuschlagen, was Narration eigentlich ausmacht, nämlich unterschiedliche Assoziationen, Sichtweisen und Lesarten anzustoßen, statt diese von vornherein festzulegen. Wenn alles auserzählt wird, bleibt kein Freiraum mehr.

BREAKING BAD, eine der gefeiertsten Serien der letzten Jahre, deckt einen vergleichsweise kurzen Handlungszeitraum von ca. anderthalb bis zwei Jahren ab und beschränkt sich dabei auf einen überschaubaren Kreis zentraler Charaktere und Handlungsorte. Die Entwicklung, die die Figuren in dieser Zeit vollziehen, wirkt umso krasser, als man jedem einzelnen Schritt, den sie auf ihrem Weg vollziehen, beiwohnt. Die Serie erzählt die Geschichte von Walter White (Bryan Cranston), einem ca. fünfzigjährigen Chemielehrer, Ehemann und Vater aus Albuquerque, der eines Tages die schockierende Diagnose „Lungenkrebs“ erhält. Der Arzt gibt ihm noch wenige Monate und Walter sieht sich mit der Erkenntnis konfrontiert, dass er nichts hat, was er seiner geliebten Familie hinterlassen könnte, und diese Welt verlassen wird, ohne ihr seinen Stempel aufgedrückt zu haben. Als er seinen Schwager Hank (Dean Norris), einen Beamten des Drogendezernats, bei einer Razzia begleitet, kommt ihm eine Idee: Er nimmt Kontakt zu Jesse Pinkman (Aaron Paul) auf, einem ehemaligen Schüler und jetzigen Meth-Koch, der dem Zugriff Hanks unbemerkt entkommen konnte, und zwingt ihn dazu, mit ihm gemeinsam Meth zu produzieren. Walter entpuppt sich als Genie, sein Stoff als Sensation, der einen weitaus größeren Markt verdient, als die beiden eigenhändig beliefern können. So expandieren sie, machen erst gemeinsame Sache mit dem psychopathischen Tuco Salamanca (Raymond Cruz), werden dann schließlich vom Drogenzar Gustavo Fring (Giancarlo Esposito) akquiriert, der sein Imperium als seriöses Unternehmen führt. Irgendwann stellt sich tatsächlich heraus, dass die Entwicklung von Walters Tumor rückläufig ist, doch da hat er längst Gefallen an seinem neuen Job gefunden, den Schritt vom „harmlosen“ Drogenkoch zum gefährlichen Schwerverbrecher vollzogen. Und irgendwann kann er seine Tätigkeit auch vor seiner Gattin Skyler (Anna Gunn) nicht mehr verheimlichen …

Aus handwerklicher Perspektive ist BREAKING BAD sicher ein Triumph: Unaufhaltsam und immer konsequent schreitet die Serie auf ihr Finale zu, zeichnet die Entwicklung des eigentlich wohlmeinenden Familienvaters zum gewissenlosen Manipulator und Killer nach, der die Familie, die er doch eigentlich retten will, vollkommen zerstört und auch Dutzende andere in seinem Umfeld mit sich reißt. Bryan Cranston, ein typischer Fernsehdarsteller, der in Hollywood niemals die Chance bekommen hätte, eine tragende Rolle zu spielen, erweckt diesen Walter White zum Leben, lässt den Zuschauer erst mit ihm leiden, sich dann immer mehr von ihm abwenden. Dabei ist jeder Zug, den er auf seinem Weg macht, absolut nachvollziehbar: BREAKING BAD liefert neue Bestätigung für die bekannte Lebensweisheit, dass der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert sei. Menschen wie Walter White, Menschen, die sich von der Moral bestätigt sehen, die glauben, im Namen des Guten zu handeln, das macht BREAKING BAD unmissverständlich klar, sind gefährlicher als jeder Triebtäter oder gewöhnliche Kriminelle: Wer glaubt im Recht zu sein, der geht seinen Weg bis zum bitteren Ende, um zu erreichen, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Und je weiter er diesen Weg gegangen ist, desto geringer wird auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Umdenken stattfindet. Der erste Mord ist noch schwer, aber der zweite …

BREAKING BAD ist hervorragend gescriptet und über die volle Distanz von gleichbleibend hohem Niveau, dazu voller kleiner Tricks und Kniffe, die Fans förmlich dazu herausfordern, eine unheilbare Obsession zu entwickeln (und die für manche schon ausreichend sind, um mit „Meisterwerk“-Urteilen um sich zu schmeißen). Es ist ganz gewiss der geeignete Stoff zum Binge-Watching, in das sich Serienfreunde so gern stürzen. Aber die Serie macht meiner Meinung nach auch deutlich, dass das, was ich da weiter oben als den Hauptunterschied gegenüber dem Medium Film identifiziert habe, per se noch kein Vorteil ist bzw. sogar zum Problem werden kann. Das gnadenlose Auserzählen, das die Serie der filmischen Verkürzung, Reduzierung und Pointierung entgegensetzt, kann auch ganz schön unproduktiv und langweilig sein. Was im Film in einer kurzen, enorm verdichteten Szene oder sogar in einem einzelnen Bild thematisiert wird und somit eine überwältigende Kraft erhält, das dehnt eine Serie wie BREAKING BAD auf Episodenlänge und trivialisiert es im gleichen Zuge. Es mag „realistischer“ sein, wenn bestimmte Entwicklungen nicht innerhalb eines einzigen Szenenwechsels vollzogen werden, aber eigentlich haben wir das doch alle mal als Vorzug empfunden, dass Narration sich von der Realität dahingehend abhebt, dass sie das Blabla weglässt und zum Punkt kommt, to cut to the chase, wie es auf Englisch heißt. Ginge wirklich etwas Wesentliches verloren, wenn man Walter Whites Geschichte auf das Maß eines Zwei- bis Dreistünders reduzierte? Mehr als nur einige Schlenker der Handlung und Subplots, die man vielleicht genossen hat, die aber dem Gesamtentwurf doch nichts hinzufügen? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Ich glaube, Walter Whites Schicksal würde uns deutlich mehr berühren, wenn wir nicht minutiös über jede einzelne seiner Fehlentscheidungen aufgeklärt würden, wenn nicht jeder Schritt auf seinem Weg eine eigene Episode erhielte, sein Ehedrama nicht über zwei Staffeln gestreckt würde. Im Grunde genommen ist das, was hier über 5 Staffeln ausgebreitet wird, eine ziemlich banale Niedergangsgeschichte mit Crime-does-not-pay-Botschaft, wie sie – vielleicht weniger grafisch ausgereizt – schon dutzendfach erzählt worden ist (siehe etwa Oliver Stones eventuell von BREAKING BAD inspirierten SAVAGES), und ich möchte ernsthaft infrage stellen, ob sie es verdient, in diesem Maße gestreckt zu werden (das Publikum hat die Frage natürlich längst beantwortet). Ich verstehe nicht wirklich, was der Appeal von Walter White ist. Dass er zu einer Art Posterboy geworden ist, dem Meme oder T-Shirt-Motive mit lustigen Sprüchen gewidmet werden, kann einem schon zu denken geben, denn dieser Walter White ist ein Arschloch, der sich im Namen eines falschen Altruismus über alle anderen hinwegsetzt. Letztlich ja auch über die, denen er eigentlich „helfen“ will. Der „Realismus“, der mit dem Detailreichtum und der Länge der Erzählung einhergeht, wird auch in dieser Hinsicht zum Hindernis, weil er Nähe und Identifikation aufzwingt, wo Distanzierung eher angebracht wäre; weil wir Walter White qua Gewohnheit als „Helden“ betrachten, ihm insgeheim einen Triumph wünschen, den er nicht verdient hat. Jaja, schon klar, auch BREAKING BAD kommt man natürlich mit Erklärungen bei, dass hier „Gut und Böse verschwimmen“, die Welt nicht „schwarzweiß“, sondern vielmehr „grau“ ist. Aber irgendwie hat diese Erkenntnis so langsam auch ihren Wert verloren, vor allem, wenn man jemanden wie Walter White für seine Rücksichtslosigkeit und seinen Mut zu radikalen Entscheidungen doch auch irgendwie bewundern soll.

Versteht mich nicht falsch, BREAKING BAD hat schon Spaß gemacht. Aber irgendwie war das ein eher unproduktives, passives Vergnügen. Ich frage mich immer mehr, ob Serien wirklich so revolutionär sind oder nicht doch in Wahrheit viel eher einen Backlash zu konservativem Erzählen bedeuten.

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Kommentare
  1. Peter sagt:

    Ich habe mich beim Sehen von BB ziemlich schnell darauf eingestellt, dass hier das jeder Situation innewohnende dramatische Kapital irgendwann zu vollster Entfaltung kommen wird. Das machte BB -so schön die Serie ansonsten auch ist- in meinen Augen minimal uninteressant. Wenn ALLES auserzählt wird, wird es vorhersehbar. Da gibt es für mich einen Unterschied zu den Sopranos: Dort konnte man mehrfach bewundern, wie schön Erähllücken und lose Fäden sein können.

  2. Ich mochte insbesondere die letzten beiden Staffeln (also die aufgesplittete 5. Staffel), auch das 4. Jahr war ganz gut, die ersten drei Seasons dagegen eher nur in Ordnung. Was die Leute an The Sopranos und The Shield finden, habe ich dagegen nie verstanden.

    Ginge wirklich etwas Wesentliches verloren, wenn man Walter Whites Geschichte auf das Maß eines Zwei- bis Dreistünders reduzierte?

    Ich sage ja. Man könnte ja auch sagen: Braucht es drei „Godfather“-Filme? Hätte man das nicht alles in einem 140-Minüter erzählen können? Ob tatsächlich 6 Jahre nötig waren, ist wieder eine andere Frage, letztendlich hätten es 4 Staffeln vielleicht auch getan. Aber zwei Stunden halte ich für zu wenig – zumindest um denselben Effekt zu erzielen. Über einen zweistündigen „Breaking Bad“-Film mit unbekannten Leuten wie Bryan Cranston und Aaron Paul in den Hauptrollen würde heute – im Gegensatz zur Serie – kein Mensch mehr reden. Oder halt genauso viel wie über „Savages“…

    • Oliver sagt:

      Klar, die Frage kann man immer stellen und grundsätzlich kann man DInge immer anders machen. Die Frage ist, ob sie dann genauso gut sind. THE GODFATHER brauchte die Form, um dem epischen Drive der Geschichte gerecht zu werden, gleichermaßen eine Familiengeschichte zu erzählen wie die Historie des organisierten Verbrechens in den USA fiktiv zu rekonstruieren. Klar wäre BREAKING BAD – DER FILM etwas anderes als die Serie. Aber es ist nicht so, dass die Serie etwas machen würde, was zuvor noch kein Film erzählt hätte. Die Serie wendet nur mehr Zeit und Details auf, die aber für meinen Geschmack keinen wesentlichen Mehrwert bringen.

      Und was das „Drüber Reden“ angeht: Das kann ja wohl kaum der Maßstab sein. Derzeit ist 50 SHADES OF GREY Gesprächsthema Nr. 1 … Dass die Leute über BREAKING BAD reden, liegt m. E. daran, dass alle klassisches Geschichtenerzählen (ohne Lücken, Ellipsen und offene Enden) vermissen, nicht daran, dass die Serie etwas revolutionär Neues bietet. Das Verhältnis der letzten fünf Minuten THE SOPRANOS zum Rest der Serie zu diskutieren, ist spannender und herausfordernder als BRAKING BAD in fünf Staffeln.

  3. HomiSite sagt:

    Ich frage mich, inwiefern das „Binge Watching“ Auswirkungen auf die Rezeption einer Serie hat bzw. gar im Rückbezug die Dramaturgie beeinflusst (bspw. seit Netflix seine eigenen Serien am Stück veröffentlicht). Ich weiß nicht genau, in welchem Zeitraum du BB gesehen hast, aber ich hatte es inklusiver aller Ausstrahlungspausen gesehen und da mag – einfach durch das eigene Vergessen – das von dir kritisierte Auserzählen nicht so stark wirken. Ich würde eher die teils selbstverliebte Langsamkeit der Erzählung monieren, die zwar inszenatorisch stets hervorragend ist, aber doch offenbart, dass die Serie eben auch mit dem Erfolg verlängert wurde.

    PS: BB wird ja gerne als Meisterstück der Figurenzeichung bezeichnet (wo ich durchaus mitgehen würde). Fandest du manche Handlungen konstruiert o.ä.?

    PPS: Den eigentlich Bösen gutzufinden war ja auch ein Problem bei DEXTER, die u.a. daran zerbrochen ist. Für mich stand irgendwann fest, dass Walter White den Tod verdient. Was natürlich auch wieder eine diskutable Haltung sein kann…

    • Oliver sagt:

      Ich habe die ersten vier Staffeln innerhalb eines Monats gesehen (im sonst filmarmen Dezember), die fünfte in den letzten zwei, drei Wochen. Sicher wird das die Rezeptions beeinflussen, aber das ändert nichts daran, dass etwas THE SOPRANOS, wie Peter schon richtig erwähnte, ganz anders angelegt und erzählt ist; eine Serie, die ich (wie auch THE SHIELD, LOST und THE WIRE) alle „am Stück“ geschaut habe und die mir trotzdem offener schien.

      Wenn es nur um das reine „Funktionieren“ von BREAKING BAD als Entertainment geht, habe ich nichts an der Serie auszusetzen. Auch nicht grundsätzlich daran, dass der Protagonist sich zum Schurken entwickelt – das ist ja keine neue Erfindung. Nein, meine Probleme rühren eben daher, dass ich es einfach etwas wenig finde, 5 Staffeln darauf zu verwenden, einfach nur eine wohlgeformte Geschichte zu erzählen. Zumal deren Ausgang ja eigentlich von Anfang an klar ist.

  4. Marcos sagt:

    „Ich frage mich immer mehr, ob Serien wirklich so revolutionär sind oder nicht doch in Wahrheit viel eher einen konservativen Backlash zu konservativem Erzählen bedeuten.“

    Danke für diese Worte (und natürlich den anderen). Ich habe mich immer gefragt, ob ich der einzige bin, der das so sieht.

    • Oliver sagt:

      Die im Text genannten anderen Beispiele zeigen m. E. durchaus, wie sich Serien von filmischem Erzählen tatsächlich abheben können. Meistens scheint es aber tatsächlich darauf hinauszulaufen, einfach nur alles endlos breitzutreten. Was, wenn es gut gemacht ist, sicherlich seinen Reiz und seine Berechtigung hat, aber gegenüber filmischer Verdichtung eben eher einen Schritt zurück bedeutet.

      Übrigens: Schön, dich wiederzulesen. Wenn auch noch etwas ungewohnt. 🙂

      • Marcos sagt:

        Geht mir auch so. Aber nach Deinen mich zu Tränen rührenden Worten konnte ich nicht anders.

        Neben der Verdichtung auf erzählerischer Ebene sollte man auch berücksichtigen, dass sich ja eben dadurch die Sprache von Film (gut, welche das genuin sein soll weiß man bis heute nicht so wirklich) überhaupt ergibt. Ein Film wie DER PATE besitzt in einer einzigen Einstellung durch das bis auf den Hemdknopf Brandos abgestimmte Arrangement der Ausstattung, die Lichtsetzung, das Waschen des Filmmaterials, die verlängerte Blende, die Verkantung des Winkels und die Anordnung der Objekte mehr formalästhetische, stilistische und foto-künstlerische Qualität als eine BB-Folge, die eigentlich sehr einfachen, bildkomplexitätsreduzierenden Schuss-/Gegenschuss-Prinzipien folgt.

        Deshalb sehe ich es, genau wie Du, als einen Schritt zurück an. Man könnte auch fragen, inwieweit es überhaupt bei der großen Masse angekommen ist, dass Film nicht die Aufgabe hat, Drehbücher buchstabengetreu in bewegte Bilder umzusetzen. Genau die Leerstellen, die die heutigen Serien auffühlen, entstanden früher im Kopf des Zuschauers. Ich fühle mich von ihnen manchmal regelrecht bevormundet was ich zu denken habe.

  5. Hitmanski sagt:

    Habe ich alles in allem ähnlich empfunden. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr ist BB bloß ein ausufernder Comic-Strip, der sich in seinen grotesken Überzeichnungen gefällt und mit ihnen spielt. Umso befremdlicher allerdings, dass manche darin gar großes Charakterdrama oder menschliche Tragödien entdeckt haben mögen…

  6. Chrisch sagt:

    Die interessante Frage ist doch, wie man von Rückschritt sprechen kann. Warum ist denn eine filmische Verdichtung notwendigerweise als Fortschritt oder anders: als etwas (scheinbar) besseres zu werten?

    Warum dergestalt werten, wenn doch auch die Möglichkeit besteht, dass Serie und Film schlicht unterschiedliche Möglichkeiten in Sachen Narration bieten. Beide stehen nebeneinander und treten nicht zwangsläufig in Konkurrenz zueinander.

    Aus diesem Grund funktioniert auch der Vergleich mit DER PATE nicht so recht. Ich würde Marcos Analyse durchaus zustimmen, nur zu einer völlig konträren Konklusion kommen.

    Freilich, vieles ist auf Grund des unglaublichen Perfektionismus eines Francis Ford Coppola makellos arrangiert und dies bedurfte zweifelsfrei großer Hingabe. Aber warum sollte eine solche Herangehensweise genuin besser sein, als die unarrangierten und in Sachen Bildkomplexität weitaus weniger anspruchsvoll daherkommenden Szenen einer Serie wie beispielsweise Breaking Bad?

    Ist die blumige und mit vielen Adjektiven bestückte sowie vor genialen Relativsatzeinschüben nur so wimmelnde Sprache eines Thomas Mann tatsächlich auch – bloß weil sie komplexer und arrangierter daherkommt – „besser“ als die spartanische Prosa eines Hemingway?
    Ich habe da meine Zweifel.

    Auch die – einmal mehr – von einem Konkurrenzdenken bekundete Ansicht, dass Serien, die Lücken füllen, anstatt sie offen zu lassen, überzeugt mich nicht. Leerstellen werden sofort – dogmatisch – positiv gewertet, währenddessen das ausfüllen eben jener scheinbar ad hoc etwas negatives sein soll.

    Erneut bin ich dazu in der Lage mein Mann/Hemingway Beispiel zu bemühen. Dieses Mal allerdings umgekehrt.

    Hemingways Schreibstil war einer, welcher von Auslassungen lebte. Siehe das sog. Eisbergmodell. Ist nun sein schriftstellerisches Werk – auf Grund der von ihm genutzten Aussparungen – gelungener als das sich stets detaillierenden Beschreibungen hingebende Werk eines Thomas Mann?

    Freilich dient dieses Beispiel – welches beide Autoren nur unverschämt grob skizziert – nur als Denkanstoß. Das worum es mir geht, sollte aber ersichtlich werden.

    Ich selbst würde Breaking Bad da Prädikat „sehr gut“ verleihen wollen. Bei der Serie handelt es sich meines Erachtens aber um kein Meisterwerk wie beispielsweise DIE SOPRANOS oder SIX FEET UNDER.

    Die mokierte Gelassenheit des Erzählstils hat die Serie nicht entwertet, sondern bereichert. Obgleich ich es verstehe, wenn sich manche einer darüber echauffiert, wenn er – wie er es wohl ausdrücken würde – dazu genötigt wird, einem Charakter einmal dabei zuzuschauen, wie er langsam seinen Kaffee trinkt oder ein anderes Mal zehn Sekunden auf den Fahrstuhl wartet, so empfinde ich diese Kleinschrittigkeit in der Narrative als sehr angenehm.

    Dieses sich Zeit lassen und der Hektik keinen Raum zu geben ist mehr als angenehm im Zeitalter schneller Schnitte.

    Aber auch das vermeintliche Wiederholen bereits – ähnlich erlebter – Situationen wie einen Ehestreit empfand ich als Bereicherung, da die Charaktere in diesen Situationen nie gleich reagieren. Man entwickelt die Charaktere in Nuancen weiter und nimmt sich dafür Zeit.

    Ob man die Chose allerdings nicht auch in nur drei oder vier Staffeln hätte erzählen können lässt sich hingegen prima diskutieren. Ich meine ja, was dem Gesamteindruck aber nur in Grenzen schadet.

    Das wirklich gelungene an Breaking Bad war aber die präsentierte Ehrlichkeit. Einer der großen Momente ist zweifellos jener, in welcher White seiner Frau offenbart, dass er sein Dasein als Schuft genossen hat. Es für sich getan hat. Er hat sich lebendig gefühlt. Wurde nur von egoistischen Motiven geleitet.

    Es ist nun möglich zu erwidern, dass dies dem Zuschauer doch aber eigentlilch klar gewesen sein sollte. Das ist aber nicht der springende Punkt. Dieser ist, dass Breaking Bad den Mut hatte es auszusprechen.

    Ganz im Gegensatz zu einer Serie wie THE SHIELD, die Mackey bis zuletzt nicht die Einsicht gönnte, dass er sein Schurkendasein gar nicht – wie so oft von ihm propagiert – nur für die Familie ausgelebt hat, sondern nur für sich selbst. Für den Kick.

    greetz

    • Oliver sagt:

      „Rückschritt“ deshalb, weil das lückenlose Auserzählen auf eine Erzählhaltung zurückgeht, die wahrscheinlich im Mittelalter (wenn nicht früher) geprägt wurde, als Geschichten durch die mündliche Weitergabe immer weiter ausgesponnen wurden, bis sie sich zu gewaltigen Epen entwickelten. Das serielle Erzählen, wie es BREAKING BAD repräsentiert, ist „klassisch“: Es gibt einen chronologisch fortlaufenden Erzählstrang, der akribisch verfolgt wird, und psychologisch ausgefeilte Charaktere, die ihn bevölkern. Wenn ich BREAKING BAD als erzählerischen Rückschritt bezeichnen, ist das nur bedingt ein Werturteil: Wie ich schon sagte, macht die Serie das, was sie macht, sehr gut. Ich wehre mich nur dagegen, dass diese Form der Erzählung irgendwie moderner und fortschrittlicher sei als die filmische, wie viele mittlerweile behaupten. Marcus Stiglegger etwa erzählte mir, dass sich die Medienwissenschaftler in seinen Studiengängen überhaupt nicht mehr für Film interessieren, sondern nur noch Serien schauen, weil sie Film für minderwertig und Serien für zukunftsweisend halten, was ich bedenklich finde, weil es für mich Beleg für eine zunehmende Unfähigkeit zur Abstraktion und Empathie ist. Es ist leicht Mitleid mit jemandem zu haben, dessen Niedergang man über 30 Stunden verfolgt. Die Kunst besteht darin, diese Gefühle in einer einzigen Einstellung zu evozieren. Das macht für mich den Unterschied zwischen Film und Serie aus. Und darauf beziehe ich mich. (Goethe schrieb einem Freund mal: „Entschuldige, dass mein Brief so lang geworden ist, aber ich hatte nur wenig Zeit.“ Und eine leckere Sauce entsteht dadurch, dass man die verschiedenen Zutaten einreduziert, sodass sich die Aromen verdichten und intensivieren.)

      Der Vergleich zwischen Thomas Mann und Hemingway ist insofern unpassend, als beide – auch wenn sie einen gänzlich anderen Stil verfolgen – der Erzähltradition des 19./20. Jahrhunderts, also der Moderne, verpflichtet sind und zweifelsohne bedeutende Literaten. Um zu verstehen, wie ich BREAKING BAD gegen meinetwegen APOCALYPSE NOW in Stellung bringen wollte (THE GODFATHER erzählt ja auch eher „klassisch“), müsste man BREAKING BAD mit Johannes Mario Simmel vergleichen und APOCALYPSE NOW mit Kafka.

    • Marcos sagt:

      @ Chrisch

      Natürlich gehe ich davon aus, dass Film von uns allen hier als eine Kunstform / ein Medium des Bildes verstanden wird und sich daraus die genuine Sprache ergibt (deshalb auch mein Einwand, da sich konstruierende Semiotik und dekonstruierende Transzendenz bei der Benennung einer Filmsprache bis heute unvereinbar gegenüberstehen). Sollte dem nicht so sein, dann gehen wir von zu verschiedenen Ansätzen aus und ich könnte dazu nichts mehr beitragen.

      Das Beispiel mit DER PATE habe ich erwähnt, weniger weil es mir um die „Akribie“ Coppolas geht, sondern weil sich an dieser „Akribie“ exemplifizieren lässt, dass die Gestaltung eines Filmes die Künste des Theaters, der Architektur, der Fotografie, der Malerei, der Bildhauerei, der Musik und schlussendlich der Literatur miteinander verbindet, sich daraus Filmsprache gebiert und Coppola dies in einer einzigen Einstellung gelingt. Wenn Brando leicht aus der Untersicht gefilmt ist, dann um seine Machtposition zu verdeutlichen, wenn die Einstellung leicht diagonalisiert ist, dann um die Schiefe dieses Machtverhältnisses zu verdeutlichen, wenn die Lamellen der Jalousie in dieser Einstellung Licht durchlassen, dann um mit einem Hell-/Dunkel-Kontrast zu arbeiten, welcher dann auch auf die inhaltliche, also literarische Ebene des Films der „Hinterzimmer-Geschäftsbesprechung“ verweist. Eine tolle Kombination geht auch das Make-Up Brandos mit der späteren chemischen Bearbeitung des Filmmaterials ein, was bereits von der ersten Sekunde an das Monumentale der Figur verdeutlicht (Brando hatte sich dafür noch seine Wangenknochen verstärken lassen, eine Idee, die ihm wohl selber gekommen sein soll). All das – und tatsächlich noch mehr – erzählt Coppola in einer Einstellung und dann fängt das Bild auch noch an sich zu bewegen und erzählt dadurch noch mehr. Und dann kommt irgendwann auch eine (erklärende) Dialogebene und wir können uns stärker auf die literarische Ebene konzentrieren, die mit der vorher erwähnten eine Einheit eingeht (spätestens hier beginnt ein Synergismus). Relevant dafür ist aber nun, dass hier alles vom Bild abwärts dekliniert wird.

      Bei BB, so wie vielen der anderen heutigen Serien, ist die literarische Ebene des Drehbuchs weniger eine schriftlich fixierte Inspirationsquelle für die Umsetzung in die Kunstform des bewegten Bildes, sondern diese wird eher in den Dienst der literarischen Ebene gestellt wird. Das erinnert sehr an die Versuche Ende des 19. Jahrhunderts, als man noch nicht wusste wie man aus dem bewegten Bild eine eigene erzählerische Kunstform machen sollte und ihn so durch Texttafeln möglichst viel „erzählen“ ließ. Jede dramaturgische Verdichtung, jede Innenschau und selbstverständlich Dialoge, wurde mit so viel Texttafeln erklärt, dass es in vielen dieser Filme am Ende mehr Text als Bild gab. Das konnte kaum Sinn der Sache sein.

      Auch die Kritik am Ton-Film beinhaltete neben einigem Unsinn dennoch die Warnung, dass man durch den Ton jetzt die Möglichkeit hat, Filme wie ein Theaterstück zu inszenieren und die filmkünstlerisch gestaltende Ebene dadurch droht in den Hintergrund zu treten. Film wird abgefilmtes Theater. Natürlich gibt es Regisseure, die auch daraus neue Möglichkeiten für Film entwickelt haben (vor allem diejenigen, die in den 1950ern vom Fernsehen kamen, womit wir die gegenseitige Beeinflussung der Medien bereits zum ersten Mal haben und Kino damals mit 3-D, mehr visuellen Reizen und mehr Aufwand konterte, scheinbar sind wir da im Moment auch wieder), aber das ausformulierende Erzählen der literarischen Ebene ist nun wirklich keine neue Form der Narration, sondern stand dem Film um zu sich selbst zu finden erst mal lange Zeit im Weg.

      Wenn die künstlerische Maxime lautet, dass alles von der literarischen Ebene abwärts dekliniert wird, dann verarmt das Medium des bewegten Bildes, zumindest auf Dauer, eher. Aber ich sehe da für die Zukunft weniger schwarz, sondern denke eher, dass da noch sehr Fruchtbare Dinge auf uns zukommen werden und es noch zu wunderbaren Synergismen kommt. Am Ende des Jahrhunderts haben wir dann vielleicht eine Kombi aus der Visualität eines AVATAR und des Erzählreichtums einer Serie wie THE WIRE. Aber das gab’s eigentlich auch schon. Man muss sich nur mal die Filme der alten Meister ansehen.

      Mit dem Mann-/Hemingway-Vergleich kann ich da auch nicht so viel anfangen. Die sind sich ja „einig“ auf welcher Ebene sie sich befinden, der literarischen, und nutzen dafür das Wort. Sie stehen nicht vor dem Problem eine synergistische Kunstform wie das bewegte Bild in Hierarchien bringen zu müssen.

  7. Sano Cestnik sagt:

    Eine Serie wie jede andere. Neues oder gar „revoultionäres“ konnte ich nicht entdecken. Das Kucken der 5 Staffeln hat mir meist Spaß gemacht, bevorzuge persönlich aber beispielsweise Knight Rider.

  8. Sano Cestnik sagt:

    Und deinen letzten Satz würde ich im übrigen (auch) unterschreiben.

  9. Chrisch sagt:

    Sehr interessante Denkanstöße, welche ich noch ein wenig auf mich wirken lassen muss, ehe ich mich am WE noch einmal zurückmelde!

  10. Chrisch sagt:

    Mit kleiner Verspätung meine (fast) vergessene Antwort.

    @Oliver:

    Vielleicht tue ich mich auch mit dem Begriff „Rückschritt“ ein wenig schwer, da ich – wenn überhaupt – die Bezeichnung „Rückgriff“ um einiges treffender fände.

    Wenn du sagst, dass du dich dagegen wehrst, dass „diese Form der Erzählung irgendwie moderner und fortschrittlicher sei als die filmische“, dann gehen wir bzgl. dieses Punktes durchaus d’accord.

    @Marcos:

    Ich würde durchaus annehmen, dass wir tatsächlich – prinzipiell zumindest – von einem ähnlichen Ansatz ausgehen. Das Bild ist suprem und alles andere dekliniert sich – von ihm ausgehend – abwärts.

    Nur – so vermute ich – legst du diesen Ansatz sehr viel enger aus, als ich das tue.

    Idealiter scheint für dich die Schriftquelle nur eine Inspirationsquelle für den entscheidenden Transfer in das bewegte Bild zu sein. Soweit so gut.

    Weiterhin bist du der Ansicht, dass BREAKING BAD nicht dazu in der Lage war das bewegte Bild zu einer eigenen erzählerischen Kunstform werden zu lassen. Wie genau meinst du das? Freillich wird sehr viel über die Dialoge auserzählt, aber das heißt ja nicht notwenigerweise, dass das visuelle völlig zu vernachlässigen wäre. Je mehr ich darüber nachdenke, desto aufregender würde ich den rohen, nihilistischen visuellen Stil von BREAKING BAD bezeichnen wollen. Nur weil ziemlich viel auf der dialogischen Ebene passiert, heißt es ja nicht notwendigerweise, dass es zu gar keinen interessanten Synergismus käme.

    Je mehr ich mich allerdings gerade mit deinem Text auseinandersetze, desto deutlicher wird mir, dass ich deinen primären Kritikpunkt an BREAKING BAD und somit unsere Diskussionsgrundlage nicht wirklich greifen kann.

    Eingangs dachte ich, dass du BREAKING BAD auf Grund der Tatsache kritisiertest, dass sich die Serie von der literarischen Ebene abwärts dekliniert und nicht umgekehrt.

    Aber nun vermute ich, dass deine Kritik nur eine Erwiderung auf Kritiker ist, die der von BREAKING BAD genutzten Erzälhform attestieren möchten „fortschritttlich“ zu sein.
    Du führst hingegen ins Feld, dass das „ausformulierende Erzählen der literarischen Ebene“ keine wirklich neue Form der Narration sei.

    Ich stimme dir diesbezüglich zu.
    Aber inwiefern ist das ein Kritikpunkt an BREAKING BAD?

    Muss sich das Medium denn immer der (vermeintlich) fortschrittlichsten Mittel bedienen um sehr gut zu sein? Was ist schädlich an einem Rückgriff, ja einer Renaissance?

    Sowie ich deinen Post verstehe, kritisierst du in erster Linie das Auserzählen von BREAKING BAD. Aber rein visuell – je mehr ich darüber nachdenke – hatte doch auch BREAKING BAD einiges zu bieten.

    Als kleiner Exkurs hier noch eine Frage, die mir vielleicht dabei helfen könnte, deinen Standpunkt generell besser zu verstehen, ohne abermals auf die Problematik Serie/Film zurückzugreifen:

    Wenn man deinen – sofern von mir richtig verstandenen – Anforderungen an ein sehr gutes filmisches Kunstwerk in concreto folgt, was heißt das für Filme, die nicht von Meistern wie Coppola, Kurbrick, Scorsese, Bergman, De Palma, Argento, Bava, Leone oder Cronenberg inszeniert wurden? Jene verstehen ihr Handwerk, haben ein Händchen für „visual literacy“ und obendrein (meistens) eine Vision.

    Was mache ich dann hingegen mit Werken eines Olen Ray, Jack Hill oder Lamont Johnson? Sie bedienen sich auch der Kunstform „Film“ verstehen – meines Erachtens – aber nicht viel von bewusst gesetzten Auslassungen, effektiver Beleuchtung et cetera. Sie liefern nur den groben Rahmen, um dem geneigten Zuschauer eine Portion Unterhaltung mundgerecht darzulegen.

    Ist es solchen Filmen also grundsätzlich verwehrt sehr gut zu sein, weil sie die Möglichkeiten der Kunstform „Film“ nicht annähernd oder eben auf andere Weise ausschöpfen, als es idealiter möglich wäre?

    • Oliver sagt:

      Ich weiß nicht genau, ob du dich mit den gegen Ende gestellten Fragen an mich wendest, aber weil ich mich angesprochen fühle, antworte ich dir einfach mal:

      1) Ja, in erster Linie ist meine Kritik als Widerspruch zur immer lauter werdenden Meinung formuliert, dass Serien formal wie inhaltlich anspruchsvoller, experimentierfreudiger und innovativer als Filme seien. Dem würde ich im Falle von BREAKING BAD eben entgegenhalten, dass die Serie formal eigentlich überhaupt nichts Neues bietet und erzählerisch eher konservativ ist. Das heißt: Das, was die Serie dem Film voraus hat, ist vor allem Quantität. Und ob das immer ein Vorteil ist, möchte ich infrage stellen.

      2) Ich habe ferner mehrfach eingeräumt, das BREAKING BAD das, was es macht – „Erzählfernsehen“ wenn du so willst –, sehr gut macht. Und das schließt natürlich auch die audiovisuelle Gestaltung mit ein, die aber weitestgehend im Dienst der Narration steht bzw. deren Krücke ist, wie Marcos geschrieben hat.

      3) Wenn du mein Blog verfolgst, weißt du doch schon, welche Haltung ich zum von dir anhand von Olen Ray, Hill oder Johnson exemplifizierten Exploitationkino habe. Im Idealfall handelt es sich darum um aufregende Outsider-Kunst, die den mit der finanziellen Unabhängigkeit verbundenen Freiraum nutzt, um formale oder narrative Konventionen zu brechen (sei es intendiert oder unbeabsichtigt), im Regelfall um bessere oder schlechtere Unterhaltung, genauso wie das für Studioproduktionen oder Fernsehserien auch gilt. Ich finde übrigens auch nicht jeden Scorsese gut, bloß weil sich die Welt darauf geeinigt hat, dass er ein Meisterregisseur ist.

      Nochmal: Ich finde BREAKING BAD durchaus „gut“. Zwar überwog am Ende die Enttäuschung darüber, hier nicht die Sensation vorgefunden zu haben, die so viele darin gesehen haben wollen, aber „schlecht“ ist die Serie natürlich trotzdem nicht. Für Begeisterung brauche ich halt etwas mehr, aber das ist subjektiv. Dreh- und Angelpunkt meiner Kritik ist einzig und allein die Verwunderung darüber, dass viele Menschen eine Rückkehr zum epischen Erzählen, wie BREAKING BAD sie darstellt, für etwas Neues halten.

    • Marcos sagt:

      „Idealiter scheint für dich die Schriftquelle nur eine Inspirationsquelle für den entscheidenden Transfer in das bewegte Bild zu sein.“

      Nein, idealiter gehen die genannte Ebenen (Bild, Literatur, Musik, Ton etc.) eben jenen erwähnten Synergismus ein, der zur Schwierigkeit der (zumindest absoluten) Definierbarkeit der Filmsprache führt. Dass sich die erwähnten Künste um das Prinzip des Bildes herumgruppieren sollten bzw. das Bild die eigentlich genuine Ebene des Films ist, der seinen konkreten technischen Ursprung der Fotografie, also der Ab-Bild-ung, verdankt, sehe ich als der Sache inhärenten Charakter an.

      „Weiterhin bist du der Ansicht, dass BREAKING BAD nicht dazu in der Lage war das bewegte Bild zu einer eigenen erzählerischen Kunstform werden zu lassen.“

      Das habe ich nie behauptet und es wäre auch Unsinn, denn BB ist ja bewegtes Bild, bzw. Film und damit Teil einer erzählerischen Kunstform.

      „Freillich wird sehr viel über die Dialoge auserzählt, aber das heißt ja nicht notwenigerweise, dass das visuelle völlig zu vernachlässigen wäre. Je mehr ich darüber nachdenke, desto aufregender würde ich den rohen, nihilistischen visuellen Stil von BREAKING BAD bezeichnen wollen. Nur weil ziemlich viel auf der dialogischen Ebene passiert, heißt es ja nicht notwendigerweise, dass es zu gar keinen interessanten Synergismus käme.“

      Auch das habe ich nie gesagt. Es ist nur so, dass dieser Synergismus sich stärker an der literarischen Ebene orientiert bzw. sie im Zentrum steht und dabei das, was das Zentrum von Film ist, aus den Augen verloren wird. Es geht hier ja schließlich nicht um Kategorien wie „gut“ oder „schlecht“ – Werturteile, die von Dir in die Diskussion eingeführt wurden und die mich mehr auf einer persönlichen Ebene meines subjektiven Geschmacks- und Unterhaltungsgefühls beschäftigen – sondern um eine genauere Betrachtung, inwiefern eine Serie wie BB in der Lage ist, der Kunstform des bewegten Bildes tatsächliche Innovationen hinzuzufügen oder inwieweit dies nur so empfunden wird aufgrund eines temporären Phänomens, von Personen die filmgeschichtlich vergesslich arbeiten oder aus geistiger Bequemlichkeit heraus so argumentieren.

      „Je mehr ich mich allerdings gerade mit deinem Text auseinandersetze, desto deutlicher wird mir, dass ich deinen primären Kritikpunkt an BREAKING BAD und somit unsere Diskussionsgrundlage nicht wirklich greifen kann.
      Eingangs dachte ich, dass du BREAKING BAD auf Grund der Tatsache kritisiertest, dass sich die Serie von der literarischen Ebene abwärts dekliniert und nicht umgekehrt.
      Aber nun vermute ich, dass deine Kritik nur eine Erwiderung auf Kritiker ist, die der von BREAKING BAD genutzten Erzälhform attestieren möchten “fortschritttlich” zu sein.
      Du führst hingegen ins Feld, dass das “ausformulierende Erzählen der literarischen Ebene” keine wirklich neue Form der Narration sei.
      Ich stimme dir diesbezüglich zu.
      Aber inwiefern ist das ein Kritikpunkt an BREAKING BAD?“

      Unsere Diskussionsgrundlage ist der Text von Olli und der hat keine werkimmanente Kritik und / oder Analyse der Serie BB angestrebt, sondern hat für sich festgestellt, dass BB die von Kritik und Feuilleton kolportierten Aussagen, auf Basis seines nicht gerade geringen filmhistorischen Wissens, nicht in der Form erfüllen konnte, wie zu erwarten war. Darum ging es und nie um etwas anderes. Einer genaueren Analyse der Serie BB, die ihre vorhandenen Qualitäten ans Licht bringt, steht nicht das Geringste im Weg. Dafür hält die Serie genug bereit.

      „Muss sich das Medium denn immer der (vermeintlich) fortschrittlichsten Mittel bedienen um sehr gut zu sein? Was ist schädlich an einem Rückgriff, ja einer Renaissance?“

      Nichts. 🙂

      „Sowie ich deinen Post verstehe, kritisierst du in erster Linie das Auserzählen von BREAKING BAD. Aber rein visuell – je mehr ich darüber nachdenke – hatte doch auch BREAKING BAD einiges zu bieten.“

      Das Auserzählen kritisiere ich im Hinblick auf das Konzept eher das Bild sprechen zu lassen. Etwas, das BB eben nicht macht. Doch wenn ich mir klar mache, dass ich ein filmisches Werk zu sehen bekomme, welches mehr auf den Dialog setzt, kann ich mich darauf natürlich ebenso einlassen. Filmgeschichtlich gibt es aber auch da bessere Beispiele, wenn man an George Cukor oder Josef von Sternberg und ihre Werke aus den 1930ern, oder an die Entwicklung des Theater-Kinos denkt, wie es auf grandiose Weise von Richard Brooks, Sidney Lumet, John Frankenheimer, William Friedkin und natürlich John Cassavetes in den 1950er/60ern, zumindest im angelsächsischen Raum, zur Perfektion gebracht wurde. Aber auch das sind Kinospielfilme und BB ist eben eine Serie und hat damit per definitionem mehr Zeit zu erzählen. Und das ist rein beschreibend gemeint, ohne Wertung.

      „Wenn man deinen – sofern von mir richtig verstandenen – Anforderungen an ein sehr gutes filmisches Kunstwerk in concreto folgt, was heißt das für Filme, die nicht von Meistern wie Coppola, Kurbrick, Scorsese, Bergman, De Palma, Argento, Bava, Leone oder Cronenberg inszeniert wurden? Jene verstehen ihr Handwerk, haben ein Händchen für “visual literacy” und obendrein (meistens) eine Vision.“

      Du nennst hier ausnahmslos Propman-Regisseure, also Regisseure, die über Ausstattung verfügen, mit der sie ihre Bilder zusätzlich schmücken können. Würde man ihnen das wegnehmen, wären ihre Filme immer noch genauso gut, nur würde das „die Masse“ nicht bemerken, denn die achten nur auf die Ausstattung, da sich die wenigsten bewusst mit Filmsprache beschäftigen. Bestes Beispiel ist der von Dir genannte Argento. Auf dem wird rumgehackt, obwohl er immer noch die gleiche Vision transportiert, nur nicht mehr in so opulenten Bildern, da die italienische Filmindustrie nicht mehr über die gleichen Mittel wie vor 30 Jahren verfügt. Auch Bergmans frühe „Liebespaar-Reihe“ der 1940er wird auf einer künstlerisch noch nicht so ausgereiften Ebene wahrgenommen, obwohl sich seine Vision bereits dort erkennen lässt. Sie ist nur stärker in die Arbeit mit Kamera und Licht eingebettet, weniger mit Ausstattung.

      „Was mache ich dann hingegen mit Werken eines Olen Ray, Jack Hill oder Lamont Johnson? Sie bedienen sich auch der Kunstform “Film” verstehen – meines Erachtens – aber nicht viel von bewusst gesetzten Auslassungen, effektiver Beleuchtung et cetera. Sie liefern nur den groben Rahmen, um dem geneigten Zuschauer eine Portion Unterhaltung mundgerecht darzulegen.“Ist es solchen Filmen also grundsätzlich verwehrt sehr gut zu sein, weil sie die Möglichkeiten der Kunstform “Film” nicht annähernd oder eben auf andere Weise ausschöpfen, als es idealiter möglich wäre?““

      Diese Regisseure, außer Lamont Johnson, wie der in diese Analogie reinpassen soll verstehe ich nicht, sind keine Propman-Regisseure, doch haben sie das Prinzip „synergistischer Filmkunst“ natürlich nicht weniger verstanden als die vorher von Dir genannten. Sie können auf andere Elemente zurückgreifen als die volle Durchkonzeptionierung einer übervollen Einstellung, da sie auf nicht -kanonisierte Improvisation setzen (Story, Schauspieler, Kameraführung), die ihren Werken etwas Eigenes verleiht (in Rays WARLORD gibt es bspw. die Avantgarde-Künstlerin Dawn Wildsmith oder den Renegaten David Carradine, die eben, weil es nicht so viel Kohle für die Ausstattung gibt, mehr improvisieren dürfen). Darum würde ich Deinen Vergleich von Thomas Mann und Hemingway übertragen auf DER PATE und BB auch eher auf Coppola und Russ Myer begreifen. Russ Myer hat nie über die Möglichkeiten eines Coppola verfügt (im Gegensatz zu den Regisseuren von BB, die Propman-Regisseure erster Kajüte sind, da die Serie sehr kostspielig war) aber schafft es, genau wie auch Roger Corman oder Jack Hill, deutlich zu machen, dass er den Synergismus von Film genauso gut verstanden hat wie Coppola. Wie ein Regisseur mit seiner künstlerischen Vision ins schlingern gerät, wenn man ihm Geld gibt und damit zum Propman macht, kann man an John Carpenter erkennen.

      „Ist es solchen Filmen also grundsätzlich verwehrt sehr gut zu sein, weil sie die Möglichkeiten der Kunstform “Film” nicht annähernd oder eben auf andere Weise ausschöpfen, als es idealiter möglich wäre?“

      Schon wieder die „gut / schlecht“-Kategorie. Die hat nichts, oder sagen wir, sehr wenig mit dem zu tun, wovon ich rede.

  11. Chrisch sagt:

    Ich denke, dass unsere Ansichten dann durchaus kongruent sind.

    Vielleicht antwortet Marcos in den nächsten Wochen auch noch, aber bis hierhin empfand ich die dargelegten Ansichten als sehr fruchtbar! Es ist immer wieder sehr anregend sich der Kunstform „Film“ abseits der viel genutzten Allgemeinplätze anzunähern.

  12. Oliver sagt:

    Das geht mir genauso. Außerdem ist es immer hilfreich, Dinge, die man für sich halt so denkt in der Diskussion argumentativ zu unterfüttern. Manchmal stellt man dann ja sogar fest, dass man Unsinn geredet hat. 🙂

  13. Chrisch sagt:

    Friedkin hat sich auf – in Bezug auf diesen Thread – interessante Weise positioniert:

    „Now Friedkin says „the best work“ for directors is on television with cable and streaming networks that make shows such as True Detective and House of Cards. „You develop character at a greater length and the story is more complex and deeper than cinema,“ the director said, „this is the new zeitgeist. Many of the fine filmmakers of today are going to long-form TV. It is the most welcoming place to work for a director today.“

    http://www.telegraph.co.uk/film/batman-v-superman-dawn-of-justice/william-friedkin-slams-superhero-movies/

    • Oliver sagt:

      Ja, habe ich auch schon mitbekommen. So sehr ich Friedkin als Filmemacher und Erzähler schätze und liebe: Er redet manchmal ziemlichen Stuss und ich habe den Eindruck, er hängt seine Fahne nach dem Wind des medialen Interesses. Derzeit sind Serien der heißeste Scheiß, also propagiert auch er das.

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