das stunden-hotel von st. pauli (rolf olsen, deutschland 1970)

Veröffentlicht: August 9, 2015 in Film
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stunden_hotel_von_st_pauli_das_2Ein drogenabhängiger Einbrecher wird zum Polizistenmörder und versteckt sich im titelgebenden Stundenhotel, in dem sich zur selben Zeit diverse Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen einfinden. Darunter auch ein homosexuelles Liebespaar, von dem eine Hälfte nach einem Streit unter der Dusche von einem Unbekannten  brutal niedergestochen wird. Kommissar Canisius (Curd Jürgens) wird von seinem Chef, Polizeirat Dr. Marschall (Konrad Georg), zur Aufklärung des Falls abgestellt, obwohl er doch eigentlich ganz andere Sorgen hat: Sein Sohn ist bei einer Demonstration schwer verletzt worden und ringt auf dem Operationstisch um sein Leben.

Rolf Olsens St.-Pauli-Film, der letzte, der mir zur Komplettierung noch fehlte, fällt  schon optisch aus dem Rahmen des sonst doch sehr homogenen Subgenres heraus. Überwiegend in Studiokulissen entstanden, lässt er das die Filme sonst so stark prägende Lokalkolorit weitestgehend vermissen. Auch inhaltlich weicht er von der kolportageartigen Episodenhaftigkeit ab, die Jürgen Roland, Olsen selbst und einige andere Filmemacher, die dem Kiez einen Besuch abstatteten, als kongeniale Erzählform erkannt hatten. STUNDEN-HOTEL ist ein fast klassischer Whodunit mit deutlich kammerspielartigen Zügen. In jedem Zimmer des Etablissements halten sich meist zwei potenzielle Mörder auf und ihre Geschichten decken dann auch das Spektrum ab, das der St.-Pauli-Film sonst durchmisst: Da gibt es neben den bereits genannten eine ältere verheiratete Frau mit ihrem jungen Geliebten sowie dem später hinzustoßenden gehörnten Ehemann, ein Teenagerpärchen aus Diplomatenhause, eine lüsterne Singlefrau, die dem Gestöhne aus den anderen Zimmern zuhört, eine deplatzierte Touristenfamilie, eine Frau aus wohlhabendem Hause, die sich mit ihrem Gärtner vergnügt, einen Freier im Teufelskostüm und das französische Zimmermädchen, das seinen Freund zu Besuch hat.

Im Mittelpunkt steht aber natürlich Curd Jürgens, der sich in gewohnter Manier ins Zeug schmeißt, als ginge es um sein Leben. Am Anfang stößt er heftig mit seinem Sohn zusammen, als der ihm gesteht, auf eine Demo gehen zu wollen. „Berufsmäßiges Rabaukenteam“ und „Respektlosigkeit“ wirft der Kommissar ihm mit bebender Entrüstung vor, aber dabei stillschweigend anerkennend, dass seine Wertvorstellungen und seine Autorität nicht mehr länger von Bestand sind. Später taumelt er mit stahlblauen, wässrigen Augen durch die ranzige Kulisse des Stunden-Hotels, lässt sich von Putzfrau Brigitte Mira einen doppelten Cognac nach dem anderen bringen und ruft immer wieder mit zitternder Stimme im Krankenhaus an. Die Operation seines Sohnes bietet Olsen willkommenen Anlass damals sicher spektakuläres Material eine Herz-OP einzu-schmuggeln. DAS STUNDEN-HOTEL VON ST. PAULI weiß seine exploitativen Motive deutlich schlechter zu verbergen als mancher andere St.-Pauli-Film und gleitet mit jeder Minute tiefer in die Gosse. Am Ende hat Jürgens dann noch einmal eine große Szene, als er in einer Telefonzelle die Kunde erhält, dass die OP erfolgreich verlaufen, sein Sohn am Leben ist. So wie er diese Nachricht aufnimmt, mag man sich gar nicht vorstellen wie er wohl im weniger glücklichen Fall zerflossen wäre.

DAS STUNDEN-HOTEL VON ST. PAULI ist der mit einigem Abstand schmierigste Film aus Olsens St-Pauli-Oeuvre und leider wohl dem unaufhaltsamen Verfall anheimgegeben. Die letzte bekannte Kopie ist vor Scham errötet, was auf dem Rechner in Verbindung mit der Muffigkeit des Settings durchaus Charme entfaltet, für eine eventuelle DVD- oder gar blu-Ray-Veröffentlichung aber nur wenig reizvoll ist. Ich verbreite hiermit die frohe Botschaft für jene, die diesen Film noch nicht gesehen oder vielleicht sogar noch überhaupt nicht von ihm gehört haben: Man munkelt, man könne ihn im Wald unter Steinen finden. Gehet hin und schauet und huldigt dem deutschen Kinogott namens Curd Jürgens!

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