la ragazza di trieste (pasquale festa campanile, italien 1982)

Veröffentlicht: Oktober 7, 2015 in Film
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Der alternde, wohlhabende, distinguierte Mann, der den Reizen einer jugendlichen, geheimnisvollen und schönen Verführerin erliegt: Diese Konstellation ist ein Klischee des Erotik- und Künstlerdramas, das ob der zur Schau gestelten Altersgeilheit oft für Fremdscham sorgt. Und der „Krankheitsfilm“, bei dem ein pubikumswirksam dramatisiertes Leiden unter dem Vorwand der „Bewusstseinsschaffung“ ausgeschlachtet wird, ein Standard des Oscar- wie des mit öffentlichen Fördermitteln finanzierten, auf Fernsehverwertung zielenden deutschen Films. Mit LA RAGAZZA DIE TRIESTE verbindet Pasquale Festa Campanile die beiden Genres, stutzt alterweise und abgeklärt auf das Mysterium „Frau“ gaffende Typen auf Lebensgröße zurecht und erteilt schmierigen Sentimentalisierungen eine Absage.

Ben Gazzara ist DIno Romani, der bevorzugt an seinem großen Zeichentisch in seinem modern eingerichteten Haus an der Küste von Triest oder aber an der Strandbar sitzt und spärlich bekleidete junge Frauen zur Illustration von Büchern zeichnet. Eines Tages beobachtet er, wie ein Mädchen (Ornella Muti) vor dem Ertrinken gerettet wird. Sie stellt sich ihm als Nicole vor und ihre Schönheit schlägt ihn sofort in seinen Bann. Die beiden landen im Bett und die Marotten, die Nicole bald schon zeigt, die Spielchen, die sie mit ihm zu spielen scheint, die Lügengeschichten, die sie ihm über ihr Leben auftischt, betrachtet er als typische Wesenszüge einer unreifen, noch auf der Suche nach der eigenen Identität befindlichen Jugendlichen. Mit süffisantem, wissendem Grinsen ordnet er alles, was sie tut und sagt, sofort ein, genießt es sichtbar, dass er ihre vermeintlichen Manipulationen allesamt durchschaut und ihr auch gleich noch großzügig die treffende Diagnose für ihre blühenden Neurosen liefern kann.

Der Film schägt der Altherrenfantasie von der sprunghaften Jugend, die einem den Lebensabend mit dem sprühenden Saft biegsamer Lenden neuen ungeahnten Glanz beschert und im Gegenzug von der ihr zuteil werdenden Weisheit und Erfahrung erheblich profitiert, allerdings ein Schnippchen, als sich NIcole nämlich nicht bloß als freche, impulsive und im tiefsten Inneren unsichere Teenagerin entpuppt, sondern als psychisch Kranke, die beim Nervenarzt (Jean-Claude Brialy) unter Insulinschock-Behandlung steht und unter schizophrenen Schüben leidet. Als er das erfährt, entgleist dem guten DIno der überhebliche Gesichtsausdruck ziemlich schnell. Aber der männliche Egozentrismus bekommt noch eine Chance, nämlich als der Doktor suggeriert, dass ausgerechnet die für den alternden Zeichner entflammte Liebe einen Rückfall verursacht hätte. Zwar zieht der daraufhin erst einmal den Schwanz ein, ist plötzlich gar nicht mehr der halbgöttliche Alleswisser, sondern verschanzt sich vor der Schönen in seinem abgedunkelten Haus und betet, dass sie doch verschwinden möge, aber schließlich obsiegt dann doch der Glaube, entscheidend zur Genesung beitragen zu können. Und so werden dann Heiratspläne geschmiedet …

Pasquale Festa Campanile war eigentlich ein Komödienregisseur, auch wenn er in Deutschland wahrscheinlich für immer mit dem – zugegebenermaßen großartigen – AUTOSTOP ROSSO SANGUE in Verbindung gebracht werden wird. Wer sich von dessen knallharten Manipulationen aufs Glatteis hatte führen lassen, wird von der Gediegenheit von LA RAGAZZA DI TRIESTE zunächst überrascht sein. Zwar befriedigt Ornella Muti mit ihren offensiv eingesetzten Reizen nicht nur DInos Gelüste, sondern auch die eines nach Sex gierenden Publikums,erinnert eine während einer Filmvorführung gezeigte Enthauptung an die zu jener Zeit im italienischen Kino üblichen Härten und ist das Ende ein nicht unerheblicher Runterzieher, aber als „exploitativ“ möchte man Campaniles Film dann doch nicht bezeichnen. Der – wahrscheinlich männliche – Zuschauer, der auf seine Suggestionen hereinfällt, schaut am Ende dann aber dennoch ziemlich sicher ziemlich dumm aus der Wäsche. Das männliche Macker- und Machertum wird schön bloßgestellt und Nicoles Krankheit eben nicht, wie es in vergleichbaren Filmen gang und gäbe ist, plotdienlich trivialisiert, um den Mann am Ende wieder als Retter dastehen, die Liebe als Heilmittel für alle weltlichen Übel erscheinen zu lassen. Und dieses Bild der kahlgeschorenen Nicole, die ins Wasser geht … Schöner, kluger Film.

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