the duke of burgundy (peter strickland, großbritannien/ungarn 2014)

Veröffentlicht: November 17, 2015 in Film
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THE DUKE OF BURGUNDY ist nichts weniger als eines der sinnlichsten, zärtlichsten Filmereignisse der letzten Jahre. Ein Film von einer beinahe synästhetischen Wirkung, dessen Farben, Töne, Bilder man meint riechen, sehen, hören zu können. Selten habe ich eine solche Liebe zum Detail gesehen, ehrfürchtig bewundert, wie da eine so überaus reiche materielle wie ideelle Welt vor meinem Augen entsteht, deren Oberflächenstruktur ungeahnte taktile, ja geradezu erotische Qualität besitzt. Peter Strickland, dessen BERBERIAN SOUND STUDIO schon sehr gut, gemessen an diesem Zauberwerk aber kaum mehr als ein Trainingslauf war, erweist sich nicht nur als ausgewiesener Ästhet (im Unterschied zum kalt kalkulierenden Stylisten), sondern auch als geduldiger Beobachter und einfühlsamer Liebhaber: seiner Charaktere, der Leinwand, des Zuschauers, den er leise, sanft, aber doch zielstrebig verführt mit Bildfolgen, Schnitten, dem Klang von Stimmen und Geräuschen, Stimmungen, Ideen.

THE DUKE OF BURGUNDY ist ein Herbstfilm. Er handelt vom Altern, vom langsamen Sterben des Körpers, der Gefühle, der Liebe, aber auch von der Chance auf den Neubeginn, die Wiedergeburt, das Schöpfen neuer Kraft. Es ist ein Film der Metamorphosen, der langsamen Verwandlung, der Notwendigkeit zur Veränderung. Alles scheint belebt: der golden leuchtende Wald, der feuchtschwarze Erdboden, die alten, rissigen Mauern, der knirschende Holzfußboden, das Licht von Sonne, Lampen, Kerzen und nicht zuletzt Gedanken, Ängste, Begierden, die die beiden Protagonisten erleben und erleiden. Und es ist gewissermaßen ein holistischer Film: So wie die Erde im Herbst und Winter sterben muss, um im Frühjahr neu entstehen zu können, so wie Larven sich zurückziehen, um ihr altes Sein abzuwerfen und zu Schmetterlingen heranzureifen, so ist die Liebe nicht ohne Schmerz zu denken. Als Zuschauer gerät man mit zunehmender Spieldauer in einen einzigen Taumel: THE DUKE OF BURGUNDY ist so wunderschön und warm, dass es einen fast zerreißt, dann aber auch immer wieder beängstigend, tieftraurig, tragisch, kalt, dass man weinen möchte.

Es geht um die sadomasochistische Liebesbeziehung zweier Frauen, aber eigentlich um Beziehungen generell, um das Spannungsverhältnis zwischen Sex und Liebe, Geben und Nehmen, den Konflikt von sexueller Fantasie und Praxis bzw. Wirklichkeit. Da ist die junge, schüchtern wirkende Evelyn (Chiara D’Anna) auf der einen Seite, die dominant auftretende, reife Frau Cynthia (Sidse Babett Knudsen) auf der anderen, eine Schmetterlingskundlerin, die ihre Jahre jüngere Geliebte immer wieder mit Herablassung und Demütigung straft, sie unterwirft und – wie es scheint – ihre Launen an ihr auslässt. Es erweist sich jedoch bald, dass die Kräfteverhältnisse in Wahrheit genau umgekehrt sind: Evelyn ist die treibende Kraft in der Beziehung, mit einem schier unerschöpflichen Fundus submissiver Fantasien ausgestattet, sexuell unersättlich und von unermüdlicher Kreativität in der Erfindung neuer kreativer Formen der Erniedrigung. Cynthia, die sich ob der Liebe der jungen Frau geschmeichelt fühlt, ist mehr und mehr ermüdet von den einer Steigerungslogik unterworfenen Anforderungen Evelyns, dem damit verbundenen Aufwand, dem Mangel an eigener Entfaltungsmöglichkeit und dem Gefühl, als Individuum mit eigenen Wünschen kaum eine Rolle zu spielen. Als sie Evelyn mehrere Nächte hintereinander in einer Kiste einsperren muss, ihr also auch noch die körperliche Nähe entzogen wird, steht ihre Liebe vor dem Aus.

THE DUKE OF BURGUNDY scheint lange Zeit auf eine klimaktische Katastrophe hinauszulaufen, die dann aber ausbleibt. Nur einer der großen Würfe, die Strickland hier vollbringt. Nie unterwirft er seine Figuren einem übergeordneten erzählerischen Zweck, macht sie nicht zu Sklaven einer wie auch immer gearteten Botschaft. Und was für ein Wunder, dass eine solche, dem durchschnittlichen Zuschauer ja nun doch eher bizarr vorkommende Beziehung hier so ganz und gar natürlich wirkt, man nie den Eindruck hat, der Sadomasochismus diene als bloß exploitatives Gimmick, an dessen vermeintlicher „Perversion“ man sich delektieren soll. In dieser Selbstverständlichkeit erinnert THE DUKE OF BURGUNDY tatsächlich an den Sex- und Erotikfilm der Siebzigerjahre, der in vieler Hinsicht progressiver war, als das, was einem heute in unserer angeblich so durchsexualisierten, souveränen und toleranten Zeit geboten wird. Auch visuell gibt es Vergleichsmöglichkeiten: In den barocken Settings meint man Einflüsse etwa von Borowczyk erkennen zu können und den Weichzeichner von Hamilton oder Jaeckin ersetzt die sanfte Klangwelt, die Strickland aus Musik, Geräuschen und Sprache komponiert.

Das Faszinierendste an THE DUKE OF BURGUNDY ist gewiss wie klar und wahr er bei aller vordergründigen Fremdheit wirkt: Der Film spielt in einer ausschließlich von Frauen bevölkerten Welt und es bleibt ein Rätsel, in welcher Zeit er eigentlich angesiedelt ist. Moderne Technologie gibt es genausowenig wie Autos, Kleidung und Frisuren suggerieren eine Verortung in den Dreißiger- oder Vierzigerjahren, doch der Film stellt diese Historizität nicht explizit heraus. Er spielt in seiner eigenen Welt, einer Welt sinnlicher Überfülle, voller kleiner Wunder, ohne moralische Schranken und Urteile – und der Möglichkeit, den Dingen mithilfe des ehrlichen Wortes eine Richtungsänderung zu verleihen. Selbst die Credits, sonst eine bürokratische Bleiwüste, quellen hier über vor Leben und verdienen größte Aufmerksamkeit.

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