slaughter of the innocents (james glickenhaus, usa 1993)

Veröffentlicht: Oktober 18, 2016 in Film
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mpw-59135Jonathan Demmes SILENCE OF THE LAMBS hat den Filmmarkt zu Beginn der Neunziger stark verändert: Plötzlich wimmelte es auf den Leinwänden vor perversen Serienmördern und toughen FBI-Ermittlern und es hielt eine Darstellung von grafischer Gewalt ins erwachsene Mainstream-Kino Einzug, die vorher undenkbar gewesen war. (Ich erinnere mich noch an einen Radiobericht zum Start von SILENCE OF THE LAMBS, in dem Kinogänger monierten, der Film sei unnötig brutal.) Glickenhaus, dessen vorletzter Film dies war, legte für seine Variante sogar noch eine Schippe drauf. In SLAUGHTER OF THE INNOCENTS, der in den USA gleich im Fernsehen ausgestahlt wurde, geht es um einen gestörten Kindermörder, der in seinem texaschainsawmasskeresken Unterschlupf Dutzende verstümmelter Leichen in fantasievollen Posen drapiert hat. Das ist aber nicht das einzige Verstörende hier.

SLAUGHTER OF THE INNOCENT hätte gewiss das Zeug  zu einem wenn auch nicht bahnbrechenden Thriller so doch zu einem angemessen düsteren Gegenpart zu den etlichen gestriegelten High-End-Thriller gehabt: Der Auftakt setzt gleich das richtige Signal, eine Szene, in der der ermittelnde FBI-Agent Stephen Broderick (Scott Glenn) einen Ermittlungsbericht voll grausamer Details mit nüchterner, ungerührter Stimme verliest, ist schon fast als kaltschnäuzig zu bezeichnen, die Hinrichtung eines Unschuldigen lädt auch nicht gerade zu Heiterkeit und Freude ein. Das spektakuläre Finale ist vor allem der Genrekonvention geschuldet, aber trotzdem ein Hingucker: Der Mörder hat in seiner Höhle eine Arche gebaut, die er auf Schienen mitsamt seiner letzten Opfer in eine Schlucht krachen lassen will. Der Showdown ist demzufolge ein bisschen INDIANA JONES in klein. An technischer Finesse oder der dem Sujet angemessenen Düsternis mangelt es dem Film nicht. Leider, leider torpediert er seinen Erfolg aber mit einer hanebüchenen Drehbuchidee und einem katastrophalen Besetzungscoup: Broderick bei den Ermittlungen zur Seite steht nämlich sein ca. 12-jähriger Sohn Jesse (Jesse Cameron-Glickenhaus), wie man an seinem Namen unschwer erkennen kann der Sohn des Regisseurs. Dieser Jesse ist ein etwas blässliches, mit großen Kulleraugen ausgestattetes Englein, das nicht nur superintelligent ist, sondern auch ein ausgewachsener Computerexperte. Er ermittelt auf eigene Faust und hilft seinem Papa immer wieder mit verblüffenden Rechercheerfolgen und Kombinationen. So sehr, dass der Papa den Sohnemann sogar freiwillig einbindet in seine Bemühungen, einen gefährlichen Kindermörder zu fassen! Und am Ende begibtt Jesse sich natürlich allein auf die Jagd und kommt sogar vor seinem Papa im Versteck des Killers an.

Ich habe ernsthafte Zweifel, aber vielleicht hätte es wirklich Mittel und Wege gegeben, diese Idee so in einen Film zu überführen, dass nicht jede Glaubwürdigkeit schreiend die Flucht ergriffen hätte. Es ist schon mehr als dispension of disbelief nötig, anzunehmen, dass ein Profiler seinen minderjährigen Sohn mit Informationen über aktive Serienmörder versorgen würde und dieser ihm dann sogar noch Teile der Arbeit abnehmen könnte, ja, dass ein Kind darauf überhaupt Lust hätte. Aber gut, irgendwoher müssen zukünftige Staatsbeamte ihre Passion ja haben. In SLAUGHTER OF THE INNOCENTS jedenfalls geht alles in die Binsen, sobald Jesse Cameron-Glickenhaus auftritt: Dieses Kind hat weder das nötige Schauspieltalent, um die unglaubwürdige Prämisse zu retten, noch das Charisma, dass man ihm das mangelnde Talent verzeihen würde. Wenn er da mit seinem Computer telefoniert, sogar Erwachsene bedroht, ihm Informationen zu geben, seinen Vater mit cleveren Schlussfolgerungen beeindruckt und generell einfach nur Superbrain ist, ist es als würde man mit einem Eiswasser aus einem wunderschönen Traum gerissen: Eben war man noch in einem misanthropischen Serienmörderfilm, plötzlich steckt man in einer drittklassigen Variation von TKKG. Man merkt jeder Szene mit ihm an, dass selbst der Drehbuchautor beim Verfassen plötzlich von jedem Mut verlassen wurde. Und Scott Glenn macht sichtbar gute Miene zum bösen Spiel. Es ist bizarr.

Tiefenpsychologisch aber natürlich auch wieder sehr interessant: Speziell die Sequenz, in der Jesse durch die Höhle des Killers stolpert, wie besinnungslos Fotos von den ausgestellten Leichen macht, fordert geradezu dazu auf, sie autobiografisch zu interpretieren. Rechnet der Regisseur hier mit seiner eigenen Exploitationvergangenheit ab, bedauert er, vielleicht auch seinen eigenen Sohn berufsbedingt zu viel (filmischer) Gewalt ausgesetzt, ihm Dinge gezeigt zu haben, die nicht für seine Augen bestimmt waren? Dass Glickenhaus danach nur noch den Kinderfilm TIMEMASTER drehte, ebenfalls mit seinem Sohn in der Hauptrolle, lässt diese Spekulationen jedenfalls sehr plausibel erscheinen. SLAUGHTER OF THE INNOCENTS würde ich aufgrund der genannten, kaum auszublendenden Mängel nur Glickenhaus-Enthusiasten oder Freunden von rätselhaft missglückten Filmen empfehlen. Wunderkinder sind eben keine wahre Freude.

Kommentare
  1. Josselin Beaumont sagt:

    Ich muss gestehen, dieses Glickenhaus-Werk noch immer nicht gesehen zu haben, obwohl ich den Regisseur sehr schätze und seine Werke aus den Achtzigerjahren sowie MCBAIN regelmäßig aufs Neue von mir geschaut werden.

    Da ich Komplettist bin, werde ich dies aber bald ändern.

    Hast du vielleicht das Buch „The Untold, In-Depth, Outrageously True Story of Shapiro Glickenhaus Entertainment“ in deinem Besitz und kannst mir, falls ja, sagen, ob es empfehlenswert ist? Es ist, wie auch das Himmelhunde-Buch – im Moustache-Verlag erschienen.

    • Oliver sagt:

      Es ist in jedem Fall empfehlenswert, da es angesichts der Involvierung zahlreicher Weggefährten der Maßstab sein wird, an dem andere Bücher – so es die denn überhaupt geben wird – sich werden messen lassen müssen. Was man aber eher nicht erwarten sollte, ist eine kritische Auseinandersetzung.

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