la polizia é al servizio del cittadino? (romolo guerrieri, italien 1973)

Veröffentlicht: Juli 5, 2015 in Film
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La_polizia_e_al_servizio_del_cittadino_1973Romolo Guerrieris LA POLIZIA È AL SERVIZIO DEL CITTADINO (etwa: „Dient die Polizei dem Bürger?“) gehört Enrico Maria Salerno, der wieder einmal jenen müden, verzweifelten Polizisten spielt, dem er schon in Steno LA POLIZIA RINGRAZIA Gesicht, Körper und Stimme verlieh. Als Nicola Sironi ermittelt er in der Hafenstadt Genua in einer Mordsache, die ihn – wie in diesem Genre meist üblich – in die oberen Etagen der Stadt führt. Der Gier der eh schon Reichen fallen wieder einmal die Ärmsten der Gesellschaft zum Opfer, in diesem Fall kleine Einzelhändler, die bei der Preispolitik ihrer Zulieferer nicht mehr länger mitmachen können – aber welche Alternative bleibt ihnen?

Sironi ist fest entschlossen den Täter zu fassen zu bekommen, aber er kämpft auf verlorenem Posten. Nicht zuletzt deshalb, weil die allgemeine wirtschaftliche Situation es auch dem bravesten Bürger noch schwer macht, seinen Prinzipien treu zu bleiben. Weil die Not groß ist, ist nahezu jeder käuflich, der Ehrliche, wie es so schön heißt, stets der Dumme. Als Sironi erfährt, dass sein eigener Partner, der junge Polizist Marino (Giuseppe Pamberti) ihn verraten hat, schlägt er nicht etwa zurück, wie es seine weniger zimperlichen Kollegen aus der Welt des Poliziesco getan hätten, vielmehr nutzt er dieses Wissen, um ihn wiederum selbst zu manipulieren. Ein Schritt, mit dem der die Tragödie am Ende nur vergrößert, sonst aber gar nichts erreicht.

In einem meist mit oben anschlagendem Adrenalinpegel operierenden Genre zeichnet sich Guerrieris Film durch Ruhe, eine gewisse Altersweisheit und die für das cinema di denuncia typische Resignation aus, die Salerno als in die Jahre gekommener Polizist kongenial verkörpert. Wer den reaktionären, ruppigen, actiongeladenen Poliziesco schätzt, für den etwa Umberto Lenzi oder Stelvi Massi stehen, wird sich angesichts der eher ruhigen Gangart von LA POLIZIA È AL SERVIZIO A CITTADINO? möglicherweise verprellt fühlen. Ich mag ihn sehr, weil es hier möglich ist, sowohl die gesellschaftliche als auch die menschliche Tragweite des Ganzen mitzufühlen, noch nicht alles auf die Metaebene des Parodistischen und der Karikatur gehoben ist. Wenn sich Sironi nach dem Tod seines abtrünnig gewordenen Partners in kurzen Rückblenden liebevoll an ihn erinnert, erkennt, was sein falscher Ehrgeiz angerichtet hat, verfehlt das seine Wirkung daher nicht, auch wenn dieses Stilmittel eigentlich längst zum Klischee geronnen ist.

Aber dass das alles so gut funktioniert, liegt eben nicht zuletzt und vor allem an Salerno, der für diese Rolle, die er in den Siebzigerjahren ganz für sich vereinnahmen sollte, wie geschaffen ist. Er ist in der Welt des Poliziesco der aus der Zeit Gefallene, der Veteran, dessen Zeit langsam abgelaufen ist, der mit seinen Methoden nichts mehr ausrichten kann, aber auch nicht bereit ist, seine Überzeugungen gänzlich zu verraten. Seine Interpretation des Polizeidienstes ist noch nicht von Kompromissen zersetzt, aber er maßt sich auch nicht an, die Regeln selbst zu machen. Seine Aufgabe ist es, das Gesetz zu vertreten und das tut er ganz oder gar nicht. Der Titel des Filmes rührt von einer Szene, in der auf Geheiß von oben ein Schild in seinem Büro angebracht werden soll, dass den Polizisten eben als „Diener des Bürgers“ beschreibt. Sironi verwehrt sich entschieden dagegen: Er ist kein Dienstleister, er vertritt keine Privatinteressen, sondern eben das Gesetz und das ist seiner Natur nach abstrakt und absolut. Er ist kein Diener, der einem Befehl von oben folgt. Dass der Polizist immer mehr die Interessen von Politik und Wirtschaft berücksichtigen soll, zu einer Art Leibwächter der Oberen geworden ist, der bei Bedarf zurückgepfiffen wird, will und kann er nicht einsehen. Aber die Kraft, sich dagegen aufzulehnen, die die jüngeren Kollegen aufbringen, die hat er nicht mehr. Man schaut in sein müdes Gesicht und wünscht ihm die Ruhe, die er sich selbst immer noch nicht gönnen will. Filme über den Zeitenwandel sind immer auch Filme über das Altern.

 

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