perfect (james bridges, usa 1985)

Veröffentlicht: August 5, 2015 in Film
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Ich glaube, es war 1988, da schauten wir am letzten Schultag vor den Sommerferien den eben auf Video erschienenen DIRTY DANCING. Ich erinnere mich noch daran, wie meine Klassenlehrerin sich angesichts einer der Tanzszenen zu dem entrüsteten (von uns aber damals schon nur bekicherten) Ausruf hinreißen ließ: „Das ist ja Geschlechtsverkehr in Form eines Tanzes!“ Wie lustig wäre es gewesen, hätten wir mit ihr PERFECT geschaut! Da gibt es eine Szene, die man gar nicht anders als pornös bezeichnen kann, die so sexuell explizit, aggressiv und orgiastisch ist wie wohl nur wenige Szenen diesseits echten Hardcore-Porns. Und das Erstaunliche: Es handelt sich dabei noch nicht einmal um eine Sexszene, jedenfalls nicht im direkten Wortsinn. Die Szene zeigt die attraktive Aerobic-Lehrerin Jessie (Jamie Lee Curtis) in einem ihren delikaten Schritt betonenden Leotard, wie sie den an ihrem Unterricht teilnehmenden Reporter Adam (John Travolta) mit ihrem rotierenden Unterleib schlicht wahnsinnig macht, und der im Gegenzug seinen unter der knappen Turnhose gut erkennbaren Schlong enthusiasmiert in alle Richtungen schleudert. Die beiden sich mit den Blicken herausfordernden Protagonisten steigern sich in einen wahren Sexualrausch und ihre Nummer als „sublimierten Akt“ zu bezeichnen, wie das bei DIRTY DANCING ohne Zweifel nahelag, geht hier an der Sache völlig vorbei: Die beiden mögen sich nicht direkt penetrieren, aber sie ficken, ganz eindeutig. Der staunende Zuschauer fühlt sich bald wie ein unfreiwilliger Spanner, überrumpelt von Travoltas crotch bulge und Curts‘ camel toe, fassungslos ob der Zeigefreude von James Bridges, der gar kein Ende finden will, dessen Kamera immer wieder zwischen die Schenkel seiner Hauptdarsteller stürzt. Irgendwann vergisst man, dass man in einem Hollywood-Mainstreamfilm sitzt: Plötzlich scheint alles möglich und hätte Travolta seine pochende Erektion aus der Hose geholt, hätte mich das auch nicht mehr wirklich erstaunt.

Die Szene ist umso grotesker, als die Achtzigerjahre-Schmierigkeit von PERFECT sonst über weite Strecken von der Oberfläche des respektablen Dramas gebannt wird. Der Film ist wie seine männliche Hauptfigur, seine Arbeitgeber, die Leserschaft, für die er schreibt, und die Menschen, die er für seine Storys ausbeutet, von Sex geradezu besessen, aber er versteckt seine Erregung hinter einem Trenchcoat der Gesellschaftskritik, so wie Travoltas Adam sie hinter dem aufklärerischen Gestus des Gesellschaftsjournalisten versteckt. Um zu kaschieren, worum es eigentlich geht, nämlich um die Fantasie, Travolta und Curtis miteinander bumsen zu sehen, konstruiert Bridges, dieses Schlitzohr, mit der Ernsthaftigkeit und Geduld eines großen Moralisten beim Komponieren seines Schlüsselwerks eine Geschichte, die eigentlich nur Fassade ist. Was den Film so spannend und doppelbödig macht: Er spiegelt seine Strategie unablässig auf der Handlungsebene. Es geht um Ehrlichkeit und um das Gegenteil davon, um das Verschleiern wahrer Motive, um Täuschung und Opportunismus, um den Unterschied zwischen Schein und Sein. PERFECT ist ein Achtzigerjahre-Film, das erkennt man schon an seinem Titel und an der Art, wie der im Film eingesetzt wird. Gleich zu Beginn sieht man den Journalisten Adam am Anfang seiner Karriere am Todesanzeigen-Schalter eines Lokalblättchens verzweifeln. Sein Chef beschwichtigt ihn: Es sei vielleicht das letzte Mal, dass er in seinem Job dafür bezahlt werde, etwas Nettes über die Menschen zu schreiben. Adams Antwort ist eben dieses ironisch-genervte „perfect“. Der Film vollzieht dann einen Sprung, aber die Episode hallt später noch einmal nach, wenn klar wird, dass Adam tatsächlich enorm viel Energie dafür aufwendet, Menschen, die etwas anstreben, das er für minderwertig hält, niederzumachen. Zwischen seinem „Perfect“ und dem „Perfect“ des Mauerblümchens Linda (Laraine Newman), das im Health Club als das „most used piece of equipment“ gilt, weil sie für jeden potenziellen Partner die Beine breit macht, liegen Welten, die mit Empathie zu überbrücken er nicht in der Lage ist.

Er ist natürlich kein Stück besser als die Frau, die sich einer Gesichtsoperation unterziehen will, um endlich „perfekt“ zu sein, „perfekt“ jedenfalls in den Augen des Mannes, der sie dann ehelichen soll, sondern eher schlechter, verkommener, verlogener, heuchlerischer, zynischer: Er erschleicht sich das Vertrauen Jessies, um seine Story machen zu können, mehr aber noch, um zu ihrem Allerheiligsten vorzudringen, was er wiederum vor sich selbst nie zugeben würde. Seine ganze Storyidee wirkt wie aus pubertärem Samenüberdruck geboren, ein Vorwand, um sich schwitzende Frauen in Aerobic-Anzügen anschauen und ihnen ungehemmt anzügliche Fragen stellen zu dürfen. Er denkt sich sogar eine kulturhistorische Hypothese aus, nur um seine fadenscheinige Boulevardgeschichte nicht nur seinen „Opfern“ verkaufen, sondern auch vor sich selbst rechtfertigen zu können. Und er fällt voll und ganz selbst darauf herein. Wie könnte man auch falsch liegen, wenn man eben eine Sensationsreportage geschrieben hat, sich FBI-Beamte um einen reißen und einen die oberscharfe Aerobic-Lehrerin fragt, ob man sie ficken wolle? Wie schon in URBAN COWBOY gönnt Bridges seinem Protagonisten zwar erst die Läuterung und dann das Happy End in Form einer (wahrscheinlich) anhaltenden Beziehung mit der Schönen, aber es ist ein Ende ohne die ganz große Überzeugungskraft, eher eine leere, den Konventionen geschuldete Geste. Nach allem, was wir über Adam wissen, ist auch das alles nur Strategie, um noch einmal das rotierende Becken Jessies zwischen seinen Schenkeln zu spüren.

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