riso amaro (giuseppe de santis, italien 1949)

Veröffentlicht: August 15, 2015 in Film
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De Santis Klassiker des italienischen Neorealismus löste seinerzeit einen handfesten Skandal aus: Die Darstellung der Reisarbeiterinnen mit ihren gerafften Röcken, unter denen ihre strammen Oberschenkel zu sehen waren, und den verschwitzten Hemden, zeigte mehr, als man damals gewohnt war. Silvana Mangano erlangte den Ruf eines Sexsymbols und in Deutschland stand der Titel BITTERER REIS – glaubt man dem Reclam-Filmführer – lange für üppige Oberweiten. Dabei orientierte sich De Santis lediglich an der auf den norditalienischen Reisfeldern vorherrschenden Realität, auf denen die Ärmsten noch weiter ausgebeutet wurden. Nun ja, die erotisierende Wirkung seiner damals gerade 19-jährigen Hauptdarstellerin wird auch ihm nicht verborgen geblieben sein – und er setzte sie wahrscheinlich auch gezielt ein, um seine Botschaft von der Unterdrückung der Arbeiter publikumswirksam unters Volk zu bringen. Der Erfolg des Films zog dann auch eine ganze Welle von Nachahmern nach sich, die sich des Leids leichtbeschürzter Erntearbeiterinnen und Landfrauen annahmen: Sophia Loren agierte in Mario Soldatis LA DONNA DEL FIUME, Elsa Martinelli in Raffaello Matarazzos LA RISAIA. Hans Heinz König inszenierte mit HEISSE ERNTE ein deutsches, Louis Soulanes noch 1961 mit LES FILLES SÉMENT LE VENT ein französisches Äquivalent. Die gesellschaftspolitische Dimension war da nur noch konventionalisierte Beigabe und Vorwand, schöne, schwitzende Frauen in luftiger Bekleidung, beim ausgelassenen Tanz nach Feierabend oder im Infight mit lästigen Konkurrentinnen im Kampf um den kernigen Helden zu zeigen.

Giuseppe De Santis zeigt das auch, aber es ist bei ihm nur die logische Folge des permanent von oben auf den Arbeiterinnen abgeladenen Drucks, der sich irgendwann in der Gewalt gegen die entlädt, denen es genauso schelcht geht wie einem selbst. Das eigentlich Unmenschliche ist nicht so sehr die Ausbeutung für einen Hungerlohn, die die Frauen erfahren, sondern wie das System sich ihre Not zunutze macht, die Frauen gegeneinander aufzuhetzen – oder sie in die Kriminalität zu treiben. Silvana (Silvana Mangano), die von Reichtum und Wohlstand träumt, wendet sich gegen Francesca (Doris Dowling), die Geliebte des Diebes Walter (Vittorio Gassman), um mit dem gemeinsame Sache zu machen. Am Schluss flutet sie in Aussicht eines Lebens in Saus und Braus die Reisfelder, die Arbeit vieler Wochen zunichte machend, nur um festzustellen, dass Walter sie lediglich für seine Zwecke benutzt hat. Der einzige Ausweg aus der Armut führt über die Leichen der Leidgenossen und endet in unauslöschlicher Schuld. Silvana bleibt nur der Freitod.

RISO AMARO ist bei allem Leid ein wunderschöner, vor innerer Spannung förmlich knisternder Film und voller atemberaubender Bilder. Der Auftakt, eine komplexe Szene auf dem Bahnsteig, auf dem sich die Arbeiterinnen zur Abreise zu den Reisfeldern versammeln, und Walter und Francesca vor der Polizei fliehen, ist mit nur wenigen Schnitten, dafür aber mit langen Kameraschwenks und -fahrten realisiert und bildet das dramaturgische Fundament des Films. Die Sequenzen, die die Arbeit auf den Reisfeldern zeigen, sind historisch bedeutsam, weil sie reale Bräuche der Arbeiterinnen in die Narration einbauen: So etwa in der Szene, als sich zwei rivalisierende Gruppen mittels Gesang streiten – es war den Frauen untersagt, sich während der Arbeit zu unterhalten. In der vielleicht schönsten Szene des Films erzählt Francesca der neugierig lauschenden Silvana, wie sie die Juwelenkette entwendete, um die der Film als materieller Verkörperung des unerreichbaren Glücks kreist. Immer wieder begeben sich die beiden Frauen auf ihrem Bett sitzend in neue Positionen, sodass ihre Unterhaltung fast wie ein Tanz anmutet. Aber das Geschmeide, das ihre Fantasie so beflügelt, in das sie all ihre Hoffnungen gesetzt haben, das sie zu Feinden macht stellt sich als Fälschung heraus. Was die Fahrkarte ins Glück sein sollte führt sie nur immer tiefer ins Elend. Aber es gibt eine Hoffnung, wenn diese auch eher spiritueller Natur ist: SIe liegt in der Solidarität der Arbeiterinnen, darin zueinanderzuhalten, füreinander zu kämpfen, wenn schon von außen keine Hilfe zu erwarten ist. Auf engstem Raum in kargen Schlafräumen zusammengepfercht, begegnen sich die unterschiedlichsten Frauen aus den verschiedensten Regionen Italiens: Junge, Alte, Kranke, Mütter teilen für einige Wochen ihre Erfahrungen, die intimsten Geheimnisse und ihre Schmerzen und machen das Leid ein wenig lebbarer. Ein Meisterwerk.

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