vanessa (hubert frank, deutschland 1977)

Veröffentlicht: Oktober 6, 2015 in Film
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„Vanessa fängt da an, wo Emmanuelle aufhörte“ versprach die deutsche Tagline des Films. Hubert Franks Softerotik-Film, der Olivia Pascal zum Traum schlafloser Nächte zahlreicher junger bundesrepublikanischer Männer machte, orientiert sich ohne Frage stark an Just Jaeckins Klassiker, vor allem an dessen von Weichzeichner, Weitwinkel, luxuriöser Ausstattung und Exotik geprägter BIldwelt, lässt aber – das war durchaus zu erwarten – dessen intellektuell-philosophisch-emanzipatorischen Überbau vermissen. VANESSA ist ein seltsamer Film, in dem die erwartbar dünne Handlung und die in ihr verhandelten Konflikte nach und nach vor den Augen des Zuschauers zerfallen, bis nur noch diese hitzige Atmosphäre des sexuellen Verlangens, der Lust und der Entsagung bleibt.

Vanessa (Olivia Pascal), eine Klosterschülerin, deren Kontakt mit Sex sich im unschuldigen Blättern in einem Bildband namens „Eros in Pompeii“ und im hilflosen Kichern über die abgebildeten Steinphalli erschöpft, wird nach Hongkong gerufen, um dort die Erbschaft eines reichen Onkels, ihres letzten noch lebenden Verwandten, anzutreten. Vor Ort begegnen ihr Dekadenz, Gier und Niedertracht und grenzenlose Fleischeslust. Jede Szene endet in der ein oder anderen Weise mit Sex oder nackten Körpern, alle Dialoge kreisen fast zwanghaft um ein und dasselbe Thema und selbst Gewalt ist immer sexuell konnotiert. Erzählt EMMANUELLE eine Geschichte weiblicher Befreiung und Emanzipation, verharrt Vanessa den ganzen Film über einer Art Schockstarre, die sie am Ende nur durch Flucht auflösen kann. Olivia Pascal läuft als passive Zuschauerin durch die Szenerie, mit großen Augen die verschiedenen „Sehenswürdigkeiten“ aufnehmend. Die junge, freizügige Jackie (Uschi Zech) nimmt sich ihrer an, versucht sanft, das Eis zu brechen, scheitert aber wie alle anderen an den tief verankerten Hemmungen Vanessas. „Vanessa/You are the girl of my dreams/Vanessa/you’re haunting all my reveries“ singt Hannes Tesar im verträumt-sehnsüchtigen Titelsong, womit der „Witz“ des Films treffend in Worte gekleidet wird: Vanessa ist das Glück und sexuelle Erfüllung verheißende Mädchen, das die, die sie begehren, fast in den Wahnsinn treibt, das man aber niemals „haben“ kann. Nicht, weil sie, wie so oft im erotischen Kino, ein sadistischer cocktease wäre, der Spaß daran hat, die Männer zu quälen, sondern weil sie einfach kein sexueller Mensch ist, trotz der schönen, makellosen Verpackung.

VANESSA ist deshalb seltsam, weil der Inhalt bis zum Schluss gegen die Form ankämpft, die sich jedoch genauso wenig unterwerfen lässt wie die Protagonistin des Films. Da will Adrian (Günter Clemens), erboster unehelicher Sohn des Verstorbenen sein Recht auf das Erbe erkämpfen, doch alles löst sich zwischen zwei Szenen in Wohlgefallen auf, genauso wie der böse Zauber, mit dem Adrians eifersüchtige Geliebte Vanessa belegt. Und auch das bisschen Auspeitschen, das Vanessa in einem Foltergestell von Cooper (Anton Diffring) über sich ergehen lassen muss, wirkt wie ein Nachgedanke, ein bloß visuelles Gimmick, keiner regt sich wirklich darüber auf. Was bleibt, ist diese unbeschreiblich lurige Atmosphäre, eine Mischung aus klebriger Schwüle, verschlafener Tagträumerei und autistischer Entrücktheit. Die Fotografie von Franz X. Lederle ist unglaublich, wenn auch reichlich effekthascherisch, und zielt auf sinnliche Verführung ab, aber letzten Endes streift den Zuschauer nur ein sanfter Hauch der Erregung, bevor er wieder in dieser mild interessierten Lethargie versinkt. Faszinierend und, wie ich es gern bezeichne, „geil langweilig“. Ein echtes Unikat. Vanessa wird künftig auch meine Tagträume heimsuchen.

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