villain (michael tuchner, großbritannien 1971)

Veröffentlicht: Oktober 12, 2015 in Film
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DIE ALLES ZUR SAU MACHEN ist der fantastische deutsche Verleihtitel dieses britischen Gangsterfilms, der einem seine Besonderheiten nicht unter die Nase reibt und deshalb zunächst etwas unspektakulär wirken mag. Wer die sind, die alles zur Sau machen, wird indessen nicht ganz klar: Sind es die Gangster, die bei ihren Taten eine Blutspur hinter sich herziehen und sich einen Dreck um Gesetz, Ordnung und Moral scheren? Oder ist der Titel eher als O-Ton der Gangster zu verstehen, mit dem diese sich gegen das Treiben der Ordnungshüter aussprechen, die es echten Männern zunehmend schwer machen, ihrer „ehrenwerten“ Tätigkeit nachzugehen? Man weiß es nicht und es ist auch herzlich egal. Im Original heißt der Film eben VILLAIN und auch wenn dieser Titel in seiner Einsilbigkeit deutlich weniger aufregend ist, gibt er doch einigen Aufschluss über die Stoßrichtung des Films.

Vic Dakin (Richard Burton) ist ein Londoner Gangsterboss, der seine Kohle vor allem mit Schutzgelderpressung eintreibt. Vor Gewalt schrecken weder er noch seine Handlanger zurück: Da wird das Rasiermesser schon beim bloßen Verdacht, dass jemand geredet haben könnte, vom Chef höchstpersönlich gezückt und blutig zum Einsatz gebracht. Als ein Informant Dakin steckt, dass der Überfall auf einen Lohntransporter eine lohnende Unternehmung sein könnte, trommelt der Verstärkung zusammen und macht keine langen Faxen. Ohne große Vorbereitung wird der Coup gestartet und endet in einem totalen Clusterfuck, bei dem es zahlreiche demolierte Autos und zu Klump geschlagene Teilnehmer gibt. Der Kriminalbeamte Matthews (Nigel Davenport), der Dakin eh auf dem Kieker hat, braucht bei so viel Unfähigkeit gar keine großen Ermittlungen anstrengen …

VILLAIN konzentriert sich im Wesentlichen auf drei Figuren: auf Dakin, der in seiner Person skrupellosen Crimelord, homosexuellen Liebhaber und fürsorglichen Sohn einer greisenhaften Mutter vereint, ohne darüber in eine Identitätskrise zu stürzen, seinen unfreiwilligen Lover Wolfie (Ian McShane), der sein Geld damit verdient, seine Freundinnen auf Parties vermögenden Männern anzudienen, und auf die beiden Cops Matthews und Binney (Colin Weiland), die sichtliches Vergnügen daran haben, die Schurken in die Ecke zu drängen und darüber zu den eigentlichen Sympathieträgern des Films werden. Dakin ist eben nicht, wie es bei so vielen Gangsterfilmen der Fall ist, ein Antiheld, dessen Außenseitertum der Zuschauer insgeheim bewundern soll, sondern ein unentschuldbares Arschloch: Ein Schurke eben. Der Plot scheint zunächst sehr einfach gestrickt, integriert aber einige Details, die VILLAIN vom Durchschnitt abheben. Dakin wird von Burton als tief neurotischer Wutklumpen gezeichnet, hinter dessen zivilisierter Fassade es nur so brodelt. Sein Sadismus, der gleich zu Beginn in erwähnter Rasiermesser-Folterung zum Ausdruck kommt, wird vom Drehbuch eindeutig sexuell aufgeladen: Dakin explodiert fast, als Matthews ihm unterstellt, Menschen zu quälen, um dabei zum Orgasmus zu kommen. Besonders interessant ist natürlich seine Beziehung zu Wolfie, den es vor den Zärtlichkeiten Dakins eigentlich graust, der aber gleichzeitig weiß, dass es ihn teuer zu stehen käme, sich ihnen zu entziehen. Als der Gangsterboss herausfindet, dass Wolfie neben ihm eine Geliebte hat, vibriert er vor Eifersucht. Die eigene Schwäche treibt ihn auch dazu, andere, die er für schwach hält, mit Inbrunst zu verachten. Das bekommt Lowis (Joss Ackland), der Schwager von Dakins Partner Fletcher (T. P. McKenna) zu spüren. Der arme Kerl darf gar nichts sagen, ohne dass Dakin ihm herrisch über das Maul fährt.

Tuchner, der zuvor nur fürs Fernsehen gearbeitet hatte und für sein Kinodebüt gleich mit der Legende Burton zusammenarbeiten durfte, wandelt sicher auf dem schmalen Grat zwischen Psychogramm und Thriller. Es ist die Zeichnung der einzelnen Charaktere, die seinen Film wirklich interessant macht, dennoch verliert er dabei seine Geschichte nie aus den Augen. VILLAIN ist zielstrebig, kurzweilig und überaus ruppig. Die Taten von Dakin und seinen Handlangern haben nichts von dem Planungsgenie und Stilbewusstsein, das die Protagonisten des Mafiafilms so oft an den Tag legen. Seine proletarischen Wurzeln werden nie verleugnet und so muten seine nach ganz oben reichenden Verbindungen umso bitterer an. Der Film steht eindeutig in der Tradition des grimmigen britischen Crimefilms jener Zeit – siehe Get CARTER oder SITTING TARGET -, ohne jedoch ganz an deren stilistische sophistication heranzukommen und basiert auf einem ungewöhnlichen Drehbuch, an dem unter anderem der selbst über einschlägige Erfahrungen verfügende Schauspieler Al Lettieri (u. a. THE GETAWAY, MR. MAJESTYK) beteiligt war. Über die Breitenwirkung des Films gehen die Meinungen auseinander: Wikipedia zitiert zwei Quellen, die VILLAIN einmal als Riesenflop, einmal als Erfolg nennen. Der (vom Alkohol begünstigte) Niedergang von Burtons Karriere in den Siebzigerjahren sowie die Tatsache, dass VILLAIN kaum noch bekannt ist, legen aber nahe, dass der Film an der Kasse baden ging. Schon der wenige Jahre zuvor von Stanley Donen mit THE STAIRCASE gestartete Versuch, den walisischen Lebemann an der Seite von Rex Harrison als homosexuellen Liebhaber zu zeigen, resultierte in einem Misserfolg, und eine Szene, die Dakin und Wolfie bei einem innigen Kuss zeigt, wurde schon vorab entfernt, um das Publikum nicht auf eine allzu schwere Probe zu stellen. (Laut McShane sagte Burton ihm gegenüber, er erinnere ihn an Elizabeth und das mache ihm das Küssen einfacher.) In der veröffentlichten Version wird der Sex zwischen beiden nur angedeutet, aber das ist für die Verstärkung ihrer suggestiven Wirkung kein schlechter Schachzug. Die Beziehung zwischen Dakin und Wolfie bleibt das zentrale Mysterium des Films, sein tragendes menschliches Fundament.

VILLAIN ist in den USA im Rahmen der Warner Archive Collection erschienen und absolut empfehlenswert. Wer weiß, vielleicht gibt es ja auch irgendwann einmal eine deutsche VÖ, auf deren Cover dann der schöne Titel DIE ALLES ZUR SAU MACHEN prangt. Allein das wäre die erneute Anschaffung dann wert.

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Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Vic Dacins Rolle ist übrigens, ähnlich wie die der Gangsterbosse in GET CARTER und
    PERFORMANCE, dem realem Vorbild der Kray Zwillinge entlehnt.
    Über die kommt bald ein neuer Film von Brian Helgeland, mit Tom Hardy in Doppelrolle.

    • Wobei die Parallelen in PERFORMANCE etwas größer zu sein scheinen. Harry Flowers, der Boss in PERFORMANCE, ist ebenso schwul wie Vic und wie die echten Kray-Zwillinge, und er ist ebenso ein emporgestiegener Proleten-Gangster aus dem Londoner East End. Und statt sexuell aufgeladener Messer-Folter gibt es hier eine sexuell aufgeladene Auspeitschung. In anderer Hinsicht ist PERFORMANCE aber natürlich auch ein ganz anderer Film, nämlich ein sehr artifizieller, und sowas wie ein filmisches Altamont des Swingin‘ London.

    • Oliver sagt:

      Ja, habe ich auch gelesen, schien mir hier aber weniger interessant als die Invoolvierung von Lettieri. Über den Hardy-Kray habe ich eine sehr mittelprächtige Rezension gelesen, die die Neugier sehr gebremst hat. Vielleicht doch lieber noch mal den Medak-Film mit den Spandau-Ballet-Brüdern schauen.

  2. Ghijath Naddaf sagt:

    Bei Vic kommt natürlich noch die starke Mutterbindung dazu.

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