der film, den keiner sehen sollte (der unbekannte regisseur, deutschland 2000)

Veröffentlicht: März 9, 2016 in Film
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Am 28. Februar 2000 wurde in Deutschland TV-Geschichte geschrieben. Es ging die erste Ausgabe einer Unterhaltungsshow über den Äther, die einen Paradigmenwechsel in der Programmgestaltung und der Vorstellung davon, was „gutes“ Fernsehentertainment überhaupt ist, einläuten sollte. In dieser Show waren nicht mehr Prominente die Stars, sondern (angeblich) ganz normale Leute und diese agierten auch nicht in einem eng gesteckten Rahmen in sicherer Studiokulisse, sondern in einem Feld, in dem fast alles dem Zufall bzw. dem Gang des Lebens überlassen war. Über mehrere Monate wurden die Kandidaten in einem komplett kameraüberwachten und von der Außenwelt völlig isolierten Haus eingesperrt, mit dem Ziel, dieses als letzter zu verlassen. Dazu mussten sie sich nicht nur gegen ihre Mitbewohner behaupten, ohne diesen jedoch zu gefährlich zu werden, sondern auch Sympathiepunkte beim Publikum sammeln, um an den sogenannten Entscheidungstagen, nicht vorzeitig aus dem Haus gewählt zu werden. Der geneigte Zuschauer konnte den Kandidaten, die ein wenig an Versuchskaninchen erinnerten, über mehrere Monate beim Aufstehen, Zubettgehen und Schlafen zuschauen, beim Kochen und Essen, beim Smalltalk, Freundschaftknüpfen und Streiten, bei dämlichen Spielchen, beim Liebemachen, vor allem aber beim Sich-Langweilen.

An den Sieger dieser ersten Ausgabe der mittlerweile zum 12. Mal neu aufgelegten und zigfach adaptierten Show erinnert sich kaum noch jemand, wohl aber an die beiden „Gewinner der Herzen“: einen großen blonden Kölner Kumpeltyp mit sonnigem Gemüt, der zuletzt im Dschungelcamp wohnte, also in einem späten Ableger jener Show mitwirkte, die ihn bekannt gemacht hatte, der andere ein kleiner quadratisch-praktischer Kfz-Mechaniker mazedonischer Herkunft, der mit seiner unverstellten Art und seinen unbekümmert dummdreisten Sprüchen Sympathiepunkte einheimste. Als er die Show völlig überraschend vorzeitig verlassen musste, stellte er verblüfft fest, dass er während seiner Isolationshaft zum Star geworden war, dem die Massen begeistert zujubelten. Es folgten Nummer-1-Hitsingles, Fernsehauftritte, Merchandising, Bücher. Was fehlte, war ein Kinofilm und er fehlt bis heute. Und das, obwohl ein solcher doch in Rekordzeit gedreht worden und eigentlich schon für einen Kinostart im Dezember 2000 vorgesehen war. Die Geschichte geht so: Der fertige Film landete vorab ungewollt bei den freundlichen Herren der Bild-Zeitung, die – aus welchen Gründen auch immer – die ganz große Keule auspackten, das Werk in Bausch und Bogen verrissen und so dem potenziellen Publikum ganz erheblich die Lust auf einen Kinobesuch nahmen. Zur gleichen Zeit verspielte der „Star“ seinen Kredit mit ein paar jener unverstellten und unbekümmerten Sprüche, mit denen er berühmt geworden war, die man einer Celebrity aber nicht mehr so ohne Weiteres gestatten wollte. Sprich: Es gab plötzlich keinen Markt mehr für den Film. Die Produzenten zogen die Reißleine, den fertigen Film zurück und verstauten ihn im Giftschrank ganz unten, da, wo garantiert kein Licht hinfiel. Auch das Angebot von Aldi, ihn exklusiv als Kaufvideo herauszugeben, wurde abgelehnt. Der Film, der ein großer Hit hätte werden sollen, wurde tatsächlich nie öffentlich aufgeführt, weshalb ich hier weder seinen Titel noch den Namen seines Hauptdarstellers oder der Show, in der er mitwirkte, erwähne. Der einstige Superstar, der dank hinterhältiger Verträge und der eigenen Naivität keinen Heller mit seiner Berühmtheit verdiente, lebt heute, mittlerweile 40-jährig, bei seiner Mutter und will von damals nichts mehr wissen. Seine Regisseurin drehte danach nie wieder einen Film. Der Produzent ging wenig später pleite.

Man soll ja in der Beurteilung von Leistungen immer mit dem Positiven anfangen, deshalb räume ich als erstes ein, dass alles ganz gewiss noch viel, viel schlimmer hätte sein können. Andererseits ändert das auch nichts daran, dass dieses Werk einen Rohrkrepierer von selten gesehener, schmerzhafter Inkompetenz darstellt. Der besagte Fernsehstar spielt einen Detektiv, der von einer reichen Dame in ihre Villa gerufen wird, weil sie kurz vor einem wichtigen Gesellschaftsabend die Leiche ihres Liebhabers in der Küche entdeckt hat und nun jemanden braucht, der den Toten wegschafft, ohne Aufsehen zu erregen. Unser Held macht sich an die Arbeit, wird jedoch von der bald eintreffenden Gästeschar immer wieder an der effizienten Ausführung seines Plans gehindert. Am Ende stellt sich alles als ein Spiel der Gäste heraus, die lediglich ihre nervtötende Gastgeberin loswerden wollten. – Was in der Vorstellung der Verantwortlichen wohl eine turbulente, temporeiche Gesellschaftskomödie hätte werden sollen, scheitert bereits im Ansatz, nämlich daran, dem Star die passende Rolle auf den Leib zu schneidern, die seine „gewinnenden Eigenschaften“ zum Vorschein bringt, gleichzeitig aber seine Defizite – allen voran das nicht vorhandene Schauspieltalent – verdeckt. Schaut man sich vergleichbare Filme an – etwa die SUPERNASENReihe mit Thomas Gottschalk und Mike Krüger – so fällt auf, dass die Hauptdarsteller dort keine „Rollen“, sondern lediglich sich selbst spielten und vom Drehbuch in einen Rahmen versetzt wurden, der ihrer etablierten Persona angemessen war. Warum ein eher wenig intelligenter Kfz-Mechaniker einen Detektiv im Anzug verkörpert, noch dazu einen, der aufgrund eines Kindheitstraumas in unkontrolliertes Tanzen ausbricht, wann immer er Musik hört, verstehe, wer will. Und über dieses Manko kommt der Film dann auch nie hinweg, weil alles in sich zusammenfällt, sobald der Hauptdarsteller auftritt. Ich spekuliere, aber es scheint mir wahrscheinlich, dass man aufgrund der gebotenen Eile – die Halbwertzeit des Stars war von vornherein begrenzt, man musste den Film also möglichst schnell herausbringen, um von seiner Popularität noch profitieren zu können – kein eigens zu diesem Zweck konzipiertes Drehbuch als Vorlage hatte, sondern auf etwas zurückgriff, was bereits verfügbar war und lediglich hier und da etwas modifiziert werden musste. Das würde die seltsame Rollenwahl erklären, das wie ein sinnloses Fragment herumstehende Detail der Tanzneurose, das keinerlei erzählerische Funktion hat, aber auch den Eindruck, es hier eigentlich eher mit einem Theater- statt mit einem Filmstoff zu tun zu haben. Der angepeilte Humor erfordert Timing, Bewegung, Physis, Geschwindigkeit, Rhythmus, lebt im Wesentlichen von dem zunehmend frenetischen Hin-und-Her der einzelnen Figuren in den Räumen des Hauses, und ist daher auf professionelle Schauspieler angewiesen, die sich geschliffene Dialoge zu- und ihren Körper in die Schlacht werfen. Stattdessen steht da im Mittelpunkt ein langsamer, sich schmerzhaft unelegant bewegender Klotz, der seine auf RTL2-Niveau runtergedooften Zeilen ohne jedes Gespür für Betonung oder Tempo aufsagt, keinerlei Chemie mit seinen Mitstreitern entwickelt, egal, wie sehr die sich auch bemühen, ihn gut aussehen zu lassen, und in der ganzen Geschichte wie ein Fremdkörper wirkt.

Nur ein Beispiel: Als der Detektiv zum ersten Mal die vornehme Villa der Hilfesuchenden betritt, begegnet er auch dem (natürlich) effeminiert-französischen Koch, dem er auf die Frage, was er essen möchte, erst einmal entgegnet, dass ihm Froschschenkel, Austern und ähnlicher „Tuntenmatsch“ zuwider seien. Kurz darauf trifft er einen verzweifelten Geliebten der vermeintlichen Mörderin, der sich verzweifelt in seinen Arm wirft und daraufhin mit einer Bemerkung à la „Schwul mich nicht an!“ zurückgewiesen wird. Später kommt es dann aber zu einer Episode, in der der Detektiv gebeten wird, einem Gast zu helfen, der beim Sex mit der Geliebten einen Peniskrampf erlitten hat. Die zuvor offensiv vorgetragene Homophobie ist nun wie weggeblasen, ohne Scheu, allenfalls mit hämischer Schadenfreude, hilft der „Held“ dem Patienten bei seinem Leid. Nichts passt hier zusammen. Diese Diskrepanz sollte wohl durchaus Teil des Witzes sein: Man versuchte, den eitlen Bonzen, die das Personal des Films stellen, mit dem Star eine „ehrliche Haut“ entgegenzusetzen, einen der sagt, wie es ist und ihnen in ihrer verlogenen Dekadenz mit brutaler Offenheit begegnet. Aber stattdessen kommt er dabei wie ein unangenehmer Prolet rüber, der zudem bereitwillig oder eher aus bequemem Desinteresse den Mittäter einer vermeintlichen Mörderin gibt, ohne Fragen zu stellen, sich aber trotzdem ständig für etwas Besseres hält und seine Mitmenschen immer wieder mit unflätigen Beleidigungen überzieht, die den eh schon hakeligen Fluss des Films zerreißen wie Peitschenhiebe. Das größte Manko ist aber, dass es einfach keine guten Gags gibt. Ein, zwei Szenen bleiben einigermaßen positiv in Erinnerung, der Rest ist einfach schmerzhaft blöd und unwitzig. Da helfen auch die notdürftig ins Script geschriebenen Reminiszenzen an die Show, der der Hauptdarsteller seinen zweifelhaften Ruhm verdankte, nichts. Nach langen, langen 90 Minuten hat der Film endlich Gnade und legt sich zum Sterben darnieder. Selbst das von langer Hand angekündigte Feuerwerk, das zum Finale gezündet wird, sieht billig aus, ein hilfloser Versuch, dem Werk ein paar Schauwerte einzuimpfen. Das einzige, was bleibt, ist der aufopferungswürdige Professionalismus der anderen Darsteller, die gemerkt haben müssen, an was für einem Desaster sie da beteiligt sind, aber sich trotzdem nichts anmerken ließen. Sie müssen ihren Job in jenen Tagen als Qual empfunden haben, von der sie, anders als die Zuschauer, nicht verschont wurden.

Wurde dieses Werk also zu Recht aus dem Verkehr gezogen? Darüber kann man streiten. Es hat ganz bestimmt handwerklich schlechtere Filme gegeben, die trotzdem ihr Publikum gefunden haben. Aber all der oberflächliche Professionalismus macht nur umso augenfälliger, dass es hier an allen Ecken und Enden haperte. Man hätte um den Star bestimmt einen funktionierenden Film stricken können. Es wäre mit großer Wahrscheinlichkeit kein Meisterwerk geworden, aber ein brauchbarer Klamaukfilm wäre sicherlich drin gewesen. Doch selbst an diesem Minimalanspruch scheiterten die Macher, weil sie die besonderen Anforderungen, die ein mit einem Amateur besetzter Film mit sich bringt, schlicht unterschätzten. Ich habe große Zweifel daran, dass der Film in dieser Form irgendjemanden erreicht hätte. Und ich habe absolutes Verständnis dafür, dass man beschloss, Schadensbegrenzung zu betreiben – auch wenn diese fast genauso gründlich misslang wie der Film selbst. Aber ich habe ja auch gut reden: Ich hatte ja das zweifelhafte Glück, dieses Werk, das niemand zu Gesicht bekommen sollte, gesehen zu haben.

Kommentare
  1. Faniel Dranz sagt:

    Und als nächstes DANIEL DER ZAUBERER bitte…
    Der liegt zumindet hier in meinem Giftschrank.

  2. Mir erschließt sich deine Begründung nicht ganz, warum Du den Titel und die Protagonisten dieses „Meisterwerks“ verschweigst. Wenn man weiß oder errät, dass die besagte Show „Big Brother“ ist, kann man den Rest sowieso in 2 Minuten ergoogeln. Im Wikipedia-Artikel über den wackeren Mazedonen steht übrigens, dass ein Rechtsstreit zwischen Produzenten und Verleih für den Rückzug des Films verantwortlich war. In einem dort verlinkten Spiegel-Artikel kann man dann noch folgendes lesen: „Dabei verglich Produzent Frank Dragun Zlatko seinerzeit gar mit John Wayne und Robert Mitchum, die auch immer nur sich selbst gespielt hätten.“ Ah ja. Manche Leute verdienen es wohl nicht anders, als pleite zu gehen …

  3. Mike sagt:

    Jetzt bitte noch den Nick Knatterton Film aus 2001!

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