il grande racket (enzo g. castellari, italien 1976)

Veröffentlicht: März 10, 2016 in Film
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il-grande-racket-1976Geschäfts- und Restaurantbesitzer Roms werden von einer Bande, die unter dem Befehl des mafiösen Rudy (GIanluigi Loffredo) steht, mit Schutzgelderpressung und Gewaltandrohung in Angst und Schrecken versetzt. Der Kriminalbeamte Nico (Fabio Testi) ermittelt gemeinsam mit seinem Partner Velasci (Salvatore Borghese), muss jedoch immer wieder die Freilassung der Schurken beklagen, erreicht mit seinen zunehmend aggressiven Methoden nicht mehr als eine Eskalation der eh schon fragilen Situation. Als er schließlich aus dem Dienst entlassen wird, schließt er sich mit einigen Opfern der Gangster zusammen, um mit ihnen kurzen Prozess zu machen …

IL GRANDE RACKET ist ein guter, aber keiner der großen Filme Castellaris, ich denke dabei vor allem an LA POLIZIA INCRIMINA LA LEGGE ASSOLVE, für mich immer noch der vielleicht ultimative Poliziottesco, den poetischen Spät-Italowestern KEOMA oder, mit leichten Abstrichen, den todtraurigen IL CITTADINO SI RIBELLA und das Endzeit-Popmusical 1990: I GUERRIERI DEL BRONX. Castellaris Cop-Actioner erreicht weder die emotionale Durchschlagskraft seiner Filme mit Franco Nero noch den visuellen Einfallsreichtum seiner WARRIORS-meets-ESCAPE FROM NEW YORK-Pop-Pastiche. Dabei scheitert es nicht an seinen Ambitionen: IL GRANDE RACKET besteht aus etlichen miteinander verbundenen Episoden und führt ebenso viele Charaktere ein, ist also bis zum Bersten mit Handlung vollgestopft und gönnt sich auf dem Weg ins von Kurosawas SHICHININ NO SAMURAI oder Sturges‘ THE MAGNIFICENT SEVEN inspirierte Finale kaum eine Atempause. Eine Actionszene reiht sich an die nächste und der Bodycount ist am Ende des 106-Minüters kaum noch zu zählen. Das Problem: Es berührt einen kaum.

IL GRANDE RACKET ist immens unterhaltsam und temporeich, gut besetzt und gespielt und, wie man es von Castellari zu seiner Hochzeit erwarten kann, kompetent und schwungvoll inszeniert. Das Problem scheint mir vor allem das Script zu sein, das viel zu unfokussiert ist und einem kaum eine Gelegenheit gönnt, sich zum Gezeigten in Beziehung zu setzen. Während es also ständig etwas zu gucken gibt, Protagonist Nico sich nie über Beschäftigungslosigkeit beklagen kann, bleibt der Plot in der gesamten ersten Stunde des Films ohne klar definiertes Ziel. Die Nebenfiguren verschwinden fast ebenso schnell wie sie eingeführt wurden und erst wenn Nico nach rund einer Stunde seine „Posse“ mit ihnen formiert, wird ihre Funktion überhaupt klar. Ein gutes Beispiel ist Rossetti (Orso Maria Guerrini), ein Zivilbürger und Sportschütze, der durch Zufall in einen Shootout zwischen Nico und den Schurken verwickelt wird und ihm mit seiner Waffe zu Hilfe kommt. Die beiden Männer freunden sich an, einig in ihrem Wunsch, die Straßen vom Gesindel zu säubern, doch schon in der nächsten Szene wird Rossetti wieder aus dem Film genommen und es dauert eine gute halbe Stunde, bis zu seinem nächsten Auftritt im Showdown des Films. IL GRANDE RACKET ist maßlos in seiner Anhäufung von Leid und Opfern: In POLIZIA INCRIMINA LA LEGGE ASSOLVE reichte ein Schicksalsschlag, ein Zusammenbruch des Protagonisten, um einen als Zuschauer unrettbar auf seine Seite zu ziehen und für das Großreinemachen einzunorden, hier stellt sich diese Wirkung nicht ein, weil gar keine Zeit bleibt, die Dinge sinken und wirken zu lassen. Das eine Unglück ist kaum vorbei, da bahnt sich schon das nächste an.

Wenn diese Methode sich auch als dramaturgisch kontraproduktiv erweist, so ist sie doch überaus vielsagend: Die mittleren Siebzigerjahre waren in Italien gesellschaftlich überaus turbulent, wirtschaftlich ging es bergab, die Rechte erlebte einen starken Zulauf, das Verbrechen nahm überhand, der „einfache Bürger“ musste anscheinend nicht nur um seinen finanziellen Fortbestand, sondern auch um seine körperliche Unversehrtheit oder gar sein Leben fürchten. Andere Regisseure antworteten auf diesen Notstand, in dem sie einen gutbürgerlichen Amokläufer wie Maurizio Merli in die Schlacht warfen, Castellari zeichnet eben ein Rom, in dem sich die Opfer die Klinke in die Hand geben können. Das Ergebnis ist ähnlich: Man sitzt davor, nicht mehr schockiert, nur noch betäubt von dem Orkan an Niedertracht und Gewalt.

 

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