sandokan, la tigre di mompracem (umberto lenzi, italien/deutschland/frankreich/spanien 1963)

Veröffentlicht: Mai 28, 2017 in Film
Schlagwörter:, , , ,

1963/64 weilte Umberto Lenzi auf Sri Lanka, wo er neben I TRE SERGENTI DEL BENGALA auch noch diesen hier sowie die gleichfalls farbenfrohen SANDOK, IL MACISTE DELLA GIUNGLA und das SANDOKAN-Sequel I PIRATI DELLA MALESIA inszenierte. Diverses Bildmaterial verwendete er dann auch mehrfach. SANDOKAN, LA TIGRE DI MOMPRACEM nimmt sich der Robin-Hood-Geschichte um den gleichnamigen fiktionalen malaysischen Piraten an, den sich der italienische Schriftsteller Emilio Salgari im späten 19. Jahrhundert ausgedacht hatte und in seinen Romanen gegen die britischen Kolonialherren in den Freiheitskampf ziehen ließ. Die Figur war bereits in den Vierzigerjahren (mindestens) zweimal im italienischen Kino verewigt worden, Lenzis Adaption stellt, glaubt man Wikipedia, die dritte Verfilmung des Stoffes dar. Große Bekanntheit erlangte der Pirat allerdings erst gute zehn Jahre später, als er der Held einer aufwändig produzierten, von Sergio Sollima inszenierten Mini-Fernsehserie war.

Von dieser unterscheidet sich Lenzis Film inhaltlich nicht allzu sehr: Sandokan ist der tapfere, feurige Rebell, der durch die Anwesenheit der fiesen Briten in die Piraterie getrieben wurde und nun mit seinen Männern einen aussichtslosen Widerstandskampf schlägt. An seiner Seite steht der Belgier Yanez (Andrea Bosic), der der Leidenschaft der Piraten europäischen Intellekt und strategisches Talent zufügt. Auch eine Frau darf an der Seite des mit Steve Reeves markig besetzten Helden nicht fehlen: Es handelt sich pikanterweise um Mary Ann (Geneviéve Grad), die Tochter von Lord Guillonk (Leo Anchoriz), der nichts unversucht lässt, um Sandokan zur Strecke zu bringen. Nach unzähligen Abenteuern mit Verrätern, wilden Tieren, Kopfjägern und heimtückischen Hinterhalten kommt es zur ausufernden Schlacht in Fort Victoria, wo Sandokan und Yanez auf ihre Hinrichtung warten …

Großes, prächtiges Abenteuerkino der naiven Art: Wie schon zuvor bei den SERGENTI gibt es auch hier keine erzählerischen Überraschungen. Die einzelnen Episoden gehören zu den Standards des Abenteuerkinos und die Freude an der Betrachtung resultiert weniger aus dem Was als vielmehr aus dem Wie. Lenzis Film dürfte zwar deutlich preisgünstiger gewesen sein als die durchschnittliche US-Produktion, aber er kann mit diesen gut mithalten. SANDOKAN geizt nicht mit Schauwerten, allen voran natürlich HERCULES-Darsteller Steve Reeves, der seine prachtvolle Physis in die Waagschale werfen kann und nebenbei einen makellos rasierten Bart trägt. In einer Sequenz, in der Sandokan mit seinen Männern von primitiven Kopfjägern überfallen wird, muss man mit den mageren Statisten regelrecht Mitleid haben, wie sie da von dem Hünen arglos durch die Lüft geschleudert werden und nach mehreren Überschlägen zu Boden krachen wie morsches Holz (wer genau hinschaut, entdeckt den ein oder anderen Kaukasier im Ganzkörper-Blackface). Die Kämpfe sind eh eine Schau: Kein Vergleich mit den perfekt durchchoreografierten Actionballetten von heute, aber man muss den Enthusiasmus der Mitwirkenden bewundern. Wie sich da Hunderte von Statisten blind den Helden enntgegenwerfen, mit hochgeworfenen Armen ins Gras beißen, wie die kopflosen Hühner in der Gegend herumrennen und -ballern, das hat schon was. Der Body Count ist immens und die Gewaltdebatten aus den Achtzigern, in denen einem genau vorgerechnet wurde, wie viele Menschen in ROBOCOP oder RAMBO III angeblich ihr Leben aushauchten, wirken geradezu ahistorisch: In den Abenteuerfilmen vorvergangener Jahrzehnte war ein Menschenleben definitiv noch weniger wert, da wurden die Statisten in ganzen Heerscharen als dekoratives Kanonenfutter ins Bild gejagt, nur um nach ihrem Leinwandtod gleich noch einmal verheizt zu werden.

Ich finde das sehr rührend – erstaunlich, wie sich die Verhältnisse innerhalb nur weniger Jahrzehnte so verändert haben. Undenkbar, dass ein Film wie SANDOKAN heute entstünde. Der #Aufschrei wäre vorprogrammiert und das ja auch nicht ganz zu Unrecht. Trotzdem haben diese bunten Epen von einst etwas, was sie vor einer Politisierung immunisiert: Schon rein bildlich erweisen sie sich nicht einer wie auch immer gearteten historischen Realität verpflichtet, sondern entspringen der Fiktion von Groschenromanen und abgegriffenen Schmökern, einer Welt, die eigentlich nur noch aus halbverstandenen Zitaten besteht. Der Vorwurf des Rassismus gegen einen Film wie SANDOKAN zielt ins Leere, weil man eh nie den Eindruck hat, er wolle etwas über unsere Welt sagen. Hier wird der Exotismus eines Publikums bedient, das zum Großteil eben nicht die Möglichkeit hatte, in der Welt herumzureisen und dem Piraten aus Malaysia kaum weniger fern gewesen sein dürften als Marsmenschen. Mir hat SANDOKAN gut gefallen: Ideale Nachmittagsunterhaltung, die einen intellektuell überhaupt nicht fordert, aber dafür viele Attraktionen bietet. Mit 110 Minuten Laufzeit ist das gute Stück vielleicht etwas zu geduldig ausgefallen, aber das fällt nicht wirklich negativ ins Gewicht. Macht man halt zwischendurch mal ein Nickerchen und träumt von Abenteuern in Malaysia.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s