harold and maude (hal ashby, usa 1971)

Veröffentlicht: Februar 5, 2011 in Film
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Mal wieder stehe ich vor dem Problem, nicht zu wissen, was ich zu diesem Film eigentlich noch schreiben soll, ohne komplett redundant zu sein. HAROLD AND MAUDE wird gern als „Kultfilm“ apostrophiert, was ich zwar eher abstoßend finde, was aber trotzdem verdeutlicht, wie viel er sehr vielen Menschen bedeutet, die ihn wahrscheinlich häufiger gesehen haben als ich. Aber „Kultfilm“, das hat ja immer so etwas Sektiererisches, Konsensmäßiges und man sieht diese sich „Fangemeinde“ schimpfende Gruppe von Menschen vor sich, wie sie im Kino die Dialoge mitsprechen, schon lachen, bevor der Witz kommt, ihre mit Paraphernalia zugestellte Wohnung vorführen und überhaupt immer ganz genau wissen, was im Film ihres Herzens besser ist als überall anders. HAROLD AND MAUDE kann nichts dafür und es gibt gewiss etliche Filme, die diesen Kultfilmstatus weniger verdient haben als er. Denn, das sei hier mal ausdrücklich gesagt, bevor Missverständnisse aufkommen: HAROLD AND MAUDE ist schon sehr großartig. In Bildsprache, Stimmung, Inszenierung, Spiel und Humor total eigenständig, dabei absolut zugänglich und ja, einfach zu jeder Sekunde vollkommen richtig.

Dabei – und hier komme ich wieder zum Einstieg zurück – hätte HAROLD AND MAUDE durchaus die Potenz gehabt, ein ganz ekliger Tigerentenfilm zu werden, ein Film für Leute, die trivialen Blödsinn wie „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum“ für eine große Weisheit halten, sich morgens „Carpe Diem“ sagen (aus ihrem zweitgrößten Lieblingsfilm DEAD POET’S SOCIETY mitgenommen), bevor sie aus ihrem Ikea-Bett steigen, ihren Industriekaffee aus der extragroßen Janoschtasse trinken, sich später im Supermarkt darüber freuen, 19 Cents bei den Miracoli-Nudeln gespart zu haben und abends pünktlich zum „Marienhof“ wieder vor dem Fernseher Platz nehmen. Für all diese Leute ist HAROLD AND MAUDE aber eigentlich ausdrücklich nichts, vielmehr dreht er ihnen allesamt die lange Nase und propagiert ein Leben, das zu leben tatsächlich Opfer und Mut kostet und nichts mit der Normindividualität zu tun hat, die einem die Konsumindustrie verspricht. Weil das so ist, stehe ich eben auch dem Kultfilm-Geschwätz skeptisch gegenüber: HAROLD AND MAUDE zeigt einem ja vor allem auf, wie feige und bequem man selbst ist, anstatt einem zu suggerieren, man sei ein wahnsinnig einzigartiger Mensch. So gut mich HAROLD AND MAUDE also einerseits fühlen lässt, einfach, weil es ein wunderschöner und sehr wahrer Film ist, so schmerzhaft ist es doch auch zu erkennen, dass ich nicht den Mut habe, so zu leben wie Maude; das hat zwar einen Grund, einen, den man leicht übersieht, weil Hal Ashby ihn ganz beiläufig offenbart, während andere Filmemacher da mindestens eine große tränenreiche Szene rausgemolken hätten, aber es ändert ja nichts an der Tatsache.

Um mit meinem Stream-of-Consciousness mal zum Ende zu kommen: HAROLD AND MAUDE ist ein ganz großer Film des großen Vergessenen des New Hollywood Hal Ashby, der in den Siebzigerjahren einen tollen Film nach dem anderen gedreht hat, bevor diese Serie in den Achtzigern plötzlich abriss. Wahrscheinlich war die Drogensucht Schuld. Sein Schicksal zeigt jedenfalls ziemlich deutlich, dass auch er nur davon träumen konnte, so zu leben wie diese Maude.

Kommentare
  1. Thomas Hemsley sagt:

    Du musst mal aufhören, immer zu schreiben, dass du nix zu einem Film zu sagen hast. Gerade zu denen, die du ggroßartig findest schreibst du eigentlich immer etwas brauchbares – muss ja nicht immer gleich die großangelegte Analyse/Interpretation sein. Sehr treffende Worte zu den „Carpe diem“-Leuten und dem „Kult“-Stempel. Und das du einen der großartigsten Charaktermomente der Filmgeschichte erwähnst aber für Leute, die den Film noch nicht gesehen haben offen lässt, finde ich sehr lobenswert, obwohl ich mit diesem „Spoiler“-Getue nichts anzufangen weiss (einer der Gründe warum ich Vern so gut finde, könnte mich jedes Mal kaputt lachen wenn er „spoil“t).
    Ich hab´s letztens auf Facebook schonmal anklingen lassen: Deine Kritiken sind immer sehr einfühlsam – tut mir leid, wenn das komisch klingt, mir fällt aber kein besseres Wort ein;-)

    • Oliver sagt:

      Das klingt überhaupt nicht komisch – im Gegenteil. Vielen Dank!

      Diese Sätze, die du da ansprichst, das Phrasenhafte, das kommt einfach daher, dass meine Texte alle sehr spontan entstehen. Oft braucht es einfach den ersten Satz, um wirklich anfangen zu können und dann entstehen solche Beteuerungen, mit denen ich mich wie bei HAROLD & MAUDE erst einmal vom selbst auferlegten „Druck“ befreie. Aber du hast natürlich Recht, das kann man auch durchaus als falsche Bescheidenheit deuten. Mal davon abgesehen, dass es natürlich ein doofer Textanfang ist.

      Zu den Spoilern: Grundsätzlich sehe ich das wie du. Wenn man mehr über einen Film sagen will, als dass man ihn gut oder schlecht fand, muss man sich von der Spoilerangst frei machen. Ich glaube, dass ich das auch oft genug tue (bei manchen Filmen gibt es ja auch nicht so viel zu spoilern), eben bei meinen längeren Sachen. Ich kann aber auch Leute verstehen, die sich ärgern, wenn ihnen entscheidende Überraschungsmomente durch Spoiler „geklaut“ werden. Und da hier über IMDb und OFDb sicher einige Leute hinkommen, die eben eine Entscheidungshilfe suchen, versuche ich das zu berücksichtigen.

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