the stone killer (michael winner, usa/italien 1973)

Veröffentlicht: Oktober 25, 2011 in Film
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Der für seine zweifelhaften Methoden berüchtigte New Yorker Polizist Lou Torrey (Charles Bronson) wird wegen der Erschießung eines minderjährigen Kriminellen nach L. A. versetzt. Dort geht ihm gleich ein alter Bekannter ins Netz, der mit Mafiaverbindungen ausgestattete Armitage, für den ein Haftbefehl in New York vorliegt. Doch noch während seiner Überführung wird der auf offener Straße erschossen. Kurze Zeit später gibt es in L. A. eine weitere, ganz ähnliche Hinrichtung, sodass Torrey nicht mehr an einen Zufall glauben mag. Seine Ermittlungen führen ihn in das Ausbildungscamp einer paramilitärischen Organisation, die offensichtlich von der Familie des New Yorker Mafiosi Al Vescari (Martin Balsam) bezahlt wird …

Michael Winners dritte Zusammenarbeit mit Charles Bronson (nach CHATO’S LAND und THE MECHANIC) kann man schon als eine Art Vorstudie für den im folgenden Jahr entstandenen DEATH WISH betrachten. Gleich zu Beginn muss sich Bronsons Torrey vor seinem Vorgesetzten dafür verantworten, dass er einen Teenager erschossen hat (der allerdings selbst im Begriff war, eine Waffe zu ziehen), und singt infolgedessen das bekannte Lied des zukünftigen Vigilanten über zu lasche Gesetze, zu strenge Dienstaufsicht, immer aggressiver auftretende und jünger werdende Verbrecher. Zwar beschränkt sich die geistige Verwandtschaft mit Winners  Erfolgsfilm auf solche kurzen Momente und einen mahnend apokalyptischen Epilog, führt der Film inhaltlich ziemlich weit von der in DEATH WISH verfolgten Linie weg, doch verstärkt THE STONE KILLER den dort gewonnenen Eindruck, dass es Winner nicht um Affirmation geht, sondern darum, die Diskrepanz zwischen der Welt und seinem Protagonisten aufzuzeigen, der nicht mehr versteht, was um ihn herum passiert. Ich habe Paul Kersey in DEATH WISH immer als hilflosen Menschen empfunden, als jemanden, der von den Dingen so überrollt wird, dass nur der komplette Verstoß gegen alle zuvor noch hochgehaltenen Werte ihm noch plausibel erscheint. Bei Torrey fällt vor allem die Kluft zwischen physischer Stärke und kognitiver Mittelmäßigkeit auf: Sein Körper muss immer ausbügeln, was er während der Ermittlungsarbeit verbockt hat. Und damit ist er repräsentativ für die gesamte Exekutive.

Es ist nicht ganz klar, ob THE STONE KILLER nur unfreiwillig komisch ist oder ob sich Winner tatsächlich über sein Cops lustig macht: Dass der Film streckenweise merkwürdig off erscheint, ist mit Sicherheit auch den Winner’schen Manierismen zuzuschreiben, etwa seinem hier noch sehr ausgeprägten Hang, Charaktere aus komischen Perspektiven, durch Gegenstände hindurch etc. zu filmen. Es fällt einfach schwer, einen Mann ernst zu nehmen, der sich während eines Dialogs erst hinter einem Regal versteckt und dann immer zwischen den in diesem platzierten Gegenständen hindurchschauen muss. Andere Beispiele sprechen dafür, dass Winner das Hardlinertum seines Protagonisten bewusst ins Lächerliche ziehen will: Als Torrey eine Zeugin in einem Ashram aufsucht, in dem sich eine Klientel tummelt, die genauso aussieht, wie sich der Spießer Esoteriker und Hippies vorstellt, beginnen diese irgendwann enthemmt um ihn herumzutanzen, während er sein Gespräch führt und dabei keine Miene verzieht. Er ist es, der in dieser Szene albern aussieht. Das klarste Indiz dafür, dass Winner sich hier nicht zum Fürsprecher der Law&Order- und Zero-Tolerance-Politik aufschhwingt, die sein Protagonist so gern umsetzen würde, ist die Zeichnung der Polizei als erbarmungswürdig unfähigem Haufen. Gleich mehrere Verdächtige können den Beamten entwischen, einfachste Verhaftungen gehen schief und meist liegt am Ende jemand tot auf dem Asphalt. Im Finale können die Verbrecher ein wahres Massaker anrichten, weil die Polizei mal wieder zu spät ist und ihr nichts besseres einfällt, als dieses Massaker durch die Erschießung der Täter noch zu vergrößern.

THE STONE KILLER – den ich vor Ewigkeiten zum letzten Mal gesehen habe, der mir aber gar nicht so fremd war, wie ich erwartet hatte – ist als ernster Polizeifilm nur mäßig erfolgreich, weil viele seiner Ideen zu weit draußen sind und Winner selbst nicht so ganz genau gewusst zu sein scheint, was er aus dem Drehbuch eigentlich machen wollte. Die beiden Stränge des Films – Torreys Ermittlungen und das Treiben der Mafiosi um Al Vescari – finden nie wirklich zusammen und alles mutet ungeschliffen und hingeworfen an. Als Reißer mag ich THE STONE KILLER aber sehr gern:  Ich liebe die Bronson-Filme aus jener Zeit, könnte dieses wettergegerbte Gesicht mit dem charakteristischen Schnurrbart stundenlang betrachten, ihm endlos dabei zuhören, wie er mit seiner gleichzeitig nasalen wie autoritären Stimme seinem kurz vor dem Umschlag in die Resignation stehenden Unmut Luft verschafft. THE STONE KILLER verströmt den würzigen Tabakduft alter B-Movies, ist ziemlich brutal und hat mit dem Deutschen Paul Koslo zudem einen Nebendarsteller in petto, den ich bislang noch in jeder Rolle geliebt habe. Der bisexuelle Posaunist, den er hier gibt, ist eine Zier für seine Filmografie und Ähnliches gilt für einen pausbäckigen John Ritter als Rookie Cop. Kein guter Film, aber trotzdem einer zum Liebhaben.

Kommentare
  1. Robert POYER sagt:

    Ich finde deine Kommentare absolut riesig,könntest du mir die deutschen Titel der ital.Filme bekanntgeben?U.zwar La morte risale a ieri sera (Ducio Tessare) La polizia chiede aiuto (Dallamano)
    the stone Killer (Michael Winner) ich bin ein allergrößter Fan ital.und französ.Krimis u.vielleicht habe ich einige deiner angeführten Filme,ohne es zu wissen.Und bitte wie ruft man deine Website auf – bin nur durch Zufall
    drauf gestoßen – übrigens ich bin Jahrgang 1934 und seit meiner Kindheit Filmfan ( ging schon als 12 jähr.
    mit einem (amateurhaft)gefälschten Ausweis in jugendverbotene Filme.Bitte veröffentliche meine Mailadresse
    nicht, lb.Gr.Robert.

    • Oliver sagt:

      Erst einmal: Vielen Dank! Es freut mich riesig, dass meine Texte auch außerhalb meiner Altersklasse gefallen. 🙂

      Zu den Titeln: „La morte risale a ieri sera“ heißt auf deutsch „Das Grauen kam aus dem Nebel“, „La polizia chiede aiuto“ heißt „Der Tod trägt schwarzes Leder“ und „The Stone Killer“ heißt „Ein Mann geht über Leichen“.

      Die Frage, wie man meine Website aufruft, verstehe ich nicht so ganz. Aber das macht nichts. Die Adresse lautet http://funkhund.wordpress.com. Oder du gibst unter Google „Remember it for later“ ein. Der erste Treffer sollte dich dann auf mein Blog führen.

  2. Michael Galler sagt:

    Sehr schön geschrieben!

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