resident evil: extinction (russell mulcahy, frankreich/australien/deutschland/usa/großbritannien 2007)

Veröffentlicht: Juli 23, 2012 in Film
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Der agggressiv wütende T-Virus hat sich rasend schnell ausgebreitet und die Erde in eine postapokalytische Wüste verwandelt. Die wenigen Überlebenden, die wie Nomaden in gepanzerten Konvois durchs Land ziehen, reiben sich in Scharmützeln mit den umherstreunenden Zombies auf, während die Wissenschaftler der Umbrella Corporation fieberhaft nach einem Antivirus suchen. Der Schlüssel zum Erfolg scheint das Blut von Alice (Milla Jovovich): Doch weil die sich dem Zugriff des Konzerns entziehen konnte und seitdem als Loner unterwegs ist, muss mit Klonen Vorlieb genommen werden, die sich jedoch immer wieder als fehlerhaft erweisen. Als Alice indessen auf Claire Redfield (Ali Larter) und Carlos (Oded Fehr) trifft, ihre ehemaligen Weggefährten, bahnt sich eine Auseinandersetzung zwischen ihr und der Umbrella Corpration an …

Wie ich in meinem Text zu RESIDENT EVIL: APOCALYPSE richtig spekuliert hatte, gelingt es Mulcahy mit dem dritten Teil die Reihe vom Einfluss der Videospiele zu befreien. Wurde noch der Vorgänger von diesem Einfluss sprichwörtlich am Boden gehalten, war er in Look und Inhalt stark an die Vorlage gebunden und damit nie in der Lage, den Ruch der Infantilität abzulegen, findet Mulcahy für den dritten Teil nun endlich einen eigenen Stil. In ausgewaschenen Gelb- und Erdtönen schließt Mulcahy den Zombie- und Science-Fiction-Stoff mit dem Endzeitfilm und dem Western kurz, verleiht dem zuvor – sowohl inhaltlich wie strukturell –  klaustrophobisch-engen Treiben plötzlich epische Breite und eine konzeptionelle Offenheit, die plötzlich alles möglich macht. Milla Jovovich steht noch mehr im Zentrum als zuvor und ihre Alice – ein mit telepathischen Kräften und außergewöhnlich artistischen Martial-Arts-Fähigkeiten ausgestattetes Kunstwesen – nimmt so etwas wie eine paradigmatische Funktion an. Nicht nur ist sie das Fetischobjekt, an dem sich der lüsterne Blick sowohl des Kameraobjektivs als auch des Zuschauers immer wieder orientiert; als unergründliches Enigma, das immer neue Seiten offenbart, verankert sie auch den visuellen Erfindungsreichtum Mulcahys innerhalb der Handlung, führt den Zuschauer wie ein umsichtiger, verlässlicher Tour Guide durch die rasante Abfolge aufregender Set Pieces, die liebgewonnene Genrestandards durch die Brille der Popkultur brechen. RESIDENT EVIL: EXTINCTION ist ein expressiver Bilderreigen und Milla Jovovich ist das größte dieser starken Bilder.

Zu Beginn stirbt sie. In einem roten Kleid sinkt sie mit einem Bauchschuss zu Boden und ihr Leichnam wird mitleidlos von den Umbrella-Angestellten entsorgt. Eine Kamerafahrt zeigt dann, dass nur ein weiterer Alice-Klon gestorben ist: Dutzende rotgewandeter Milla Jovovichs türmen sich in einem Massengrab. Die Kamera zieht weiter auf, bis man den Umbrella-Stützpunkt aus der Luft sieht: Er liegt mitten in der Wüste und an seinen Zäunen sammeln sich die Zombies, die wie Geister von überall her kommen. Was Romero in DAWN und DAY OF THE DEAD noch diskursiv verhandelte – die Sehnsucht der Untoten nach ihrem früheren Leben –, dafür braucht Mulcahy nur eine Einstellung, die jedes weitere Wort überflüssig macht. Später wird Alice als Endzeit-Biker zu den Überlebenden um Claire und Carlos stoßen, als die sich gerade gegen einen Schwarm von zombifizierten Krähen zur Wehr setzen: Eine Einstellung, die die sich langsam um ihre künftigen Opfer in Stellung bringenden Vögel zeigt, beschwört natürlich die Nähe zu Hitchcocks THE BIRDS, die gegen diese Biester aber harmlose Piepmätze waren. Mit ihren telekinetischen Kräften leitet Alice schließlich einen Flammenstrahl um und setzt den Himmel förmlich in Brand. Staunend betrachtet sie ihr Werk, völlig berauscht von ihren sie selbst immer wieder überraschenden Kräften. Sie ist die Apokalyspe in der Apokalypse. Die Reise führt Alice und die Überlebenden dann nach Las Vegas, das von gewaltigen Dünen halb verschüttet ist und dessen kitschigen Prunkbauten nun Relikte einer vergangenen Zivilisation sind: Die Freiheitsstaue blickt wie einst in Schaffners PLANET OF THE APES traurig ins Nichts, der Eiffelturm dient als Aussichtspunkt für einen Scharfschützen, der seinen Leuten im Kampf gegen die Zombiehorden Rückendeckung gibt. Alice‘ Weg endet, wo er begonnen hat: im Bunker der Umbrella Corporation, wo sie sich mit ihren Klonen verbündet. Spätestens hier merkt man, dass die RESIDENT EVIL-Filme eine einzige Huldigung für Milla Jovovich sind, Kunstwerke für ein Kunstwesen. Wobei nie so ganz klar ist, wo das eine endet und das andere beginnt.

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Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    Der Film bzw. die Reihe als Huldigung für „Frau Anderson“ ist schön herausgearbeitet, aber das Visuelle ließ für mich nie über die narrativen Mängel hinwegsehen – vielleicht habe ich auch nicht so das kinematografische Auge. Besonders Extinction fand ich teils schmerzlich blöde, Afterlife war da schon mit Ach und Krach (im doppelten Wortsinne) runder. Ich frage mich, ob es so schwer ist, „stylishe“ Action nicht bloß durch Auslassung von Logik (stattdessen oft Wackelkamera) zu realisieren.

    • Oliver sagt:

      Empfindest du Gedichte als Literatur unter Auslassung von Handlung?

      • HomiSite sagt:

        Öh, so streng wollte ich meine Aussage bzgl. Logik/Handlung nicht verstanden wissen und außerdem kann ich mit Gedichten nicht so viel anfangen. Trotzdem können Gedichte oder Erzählungen in Versform natürlich Handlung aufweisen, aber ich weiß nicht, ob der Vergleich hinkt. Gedichte lassen sich an ihrer Form sofort erkennen, während die Resident-Evil-Filme sicher keine abstrakten Kunstfilme o.ä. darstellen. Besonders heutzutage, wo man alles auf die Leinwand bringen kann, ist für mich eine innere Logik schon wichtig.

      • Oliver sagt:

        War natürlich eine etwas provokant gemeinte Frage (und ich bin auch nicht der größte Lyrikfan unter der Sonne).

        Ich hatte mit deinen Kritikpunkten ledglich folgende Probleme:

        Bzgl. des Logikvorwurfs: Ich weiß natürlich nicht genau, was du meinst und ich bin auch nicht der Meinung, dass sich ein fantastischer Film ALLES erlauben darf – es muss ein Regelwerk geben, an das der Film sich hält –, aber ich würde trotzdem sagen, dass man an eine Videospielverfilmung, in der es um die Zombifizierung der Weltbevöljerung durch einen ausgebrochenen biologischen Kampfstoff eines bösen Wirtschaftskonzerns geht, gegen den dann dann eine amazonenhafte Kriegerin etwas andere Ansprüche hinsichtlich Plausibilität stellen sollte als an ein Biopic von Oliver Stone. Diese Art von Film würde es ohne zugedrücktes Auge gar nicht geben.

        Wichtiger ist mir ein anderer Punkt auf den ich auch mit meinem Lyrikvergleich hinauswollte: RESIDENT EVIL: EXTINCTIOn und auch AFTERLIFE bieten so unglaublich viel jenseits von dem, was du bemängelst, dass ich mich frage, warum das für dich nicht genug ist. Von einem Kammerspiel würdest du doch auch nicht fordern, dass es gefälligst mehr Verfolgungsjagden aufweisen sollte, oder?

        Letzten Endes ist das alles Geschmackssache. Dir hat etwas gefehlt, mir nicht. Für mich hätten beide Filme gern NOCH weniger Handlung haben und noch länger Milla Jovovich im Zeitlupenkampf gegen Zombies zeigen dürfen. 🙂

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