15. hofbauer-kongress: voglia di guardare (joe d’amato, italien 1986)

Veröffentlicht: Januar 10, 2016 in Film
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voglia_di_guardare_1985Nach der Spritzigkeit von DIE SPANISCHE FLIEGE die D’Amato’sche Elegie, nach dem verlogenen Puritanismus die äußerste erotische Dekadenz, nach krustigem, schwarzweißem Nachriegsdeutschland samtiger Eighties-Pomp italienische Provenienz: Der Hofbauer-Kongress ist ja auch immer so eine Art filmisches Wechselduschen, bei dem vielseitige Attraktionen sich die Klinke in die Hand geben und man als Zuschauer zur Steigerung der sensorischen Empfindungen mal sanft gekitzelt, dann wieder liebevoll massiert oder gar brutal getreten wird.

Bei D’Amato geht das alles irgendwie Hand in Hand. Die Bilder, die seine Kamera einfängt, der melancholische Score von Guido Anelli und Stefano Mainetti, das langsame Erzähltempo und die mondäne Ausstattung, die die Handlung in einem historischen Limbo verortet, das die Zwanziger- und die Achtzigerjahre miteinander kreuzt, hüllen den Zuschauer warm und anschmiegsam ein, doch kaum, dass man bereit ist wegzudösen, gibt es immer mal wieder einen Eimer Wasser ins Gesicht oder eine schallende Backpfeife, die einen unsanft zurück ins Hier und Jetzt befördert. In SKANDALÖSE EMANUELLE, so der deutsche Titel, befindet man sich in der Gesellschaft eines wohlhabenden, aber gelangweilten Ehepaars: Diego (Marino Masé) ist erfolgreicher Chirurg und in dieser Tätigkeit so beschäftigt, dass er in nahezu jeder Szene per Telefon in den Dienst abberufen wird. Die sexuellen Gelüste seiner Gattin Christina (Jenny Tamburi) werden kaum noch befriedigt, bis Diego ihr den schön schmierigen Modedesigner Andrea (Sebastiano Somma) vorstellt, mit dem sie eine Affäre anfängt. Der feine Kerl hat aber andere Pläne mit ihr und bildet sie in seinem „Atelier“ zur Luxusprostituierten aus. Was sie nicht weiß: All das geschieht auf Initiative ihres Mannes, der ein Voyeur ist und Christina bei all ihren Eskapaden beobachtet.

VOGLIA DI GUARDARE ist reine Atmosphäre, aufgepeppt mit ein bisschen Softerotik. Alles ist edel, kostbar und geschmackvoll, aber letztlich auch nur Ausweis einer gähnenden inneren Leere. Die Figuren tun kultiviert, geben sich aufgeklärt und fortschrittlich, führen aber unbewusste Ameisenexistenzen. Ich habe oben schon diese seltsame, zeitlose Kunstwelt angesprochen, in der der Film spielt: Sie ist wahrscheinlich maßgeblich für die unwirklich-traumgleiche Stimmung und das Gefühl, dass sich hier einfach nicht weiterbewegt, alles im Stillstand verharrt. Nur selten blitzt die Möglichkeit auf, emotional am Geschehen teilzunehmen, etwa wenn Diego seiner Gattin bei ihrem ersten, widerwillig ausgeführten Blowjob zusieht und ihr aus seinem Versteck gönnerhaft mit dem Sektglas zuprostet, während sie sich angewidert das Sperma aus dem Gesicht wischt. Da weht es dann plötzlich eiskalt durch die sonst warm anmutenden Bilder und man zuckt, ob der Empathielosigkeit, derer sich die Protagonisten in ihrer egoistischen Suche nach Erfüllung schuldig machen. Ein Film, der trotz seiner Reize nicht zum Verbleiben einlädt, sondern eher zur zügigen Durchreise. Denn hinter all der Schönheit und Pracht müffelt es nach Fäulnis.

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