pistol whipped (roel reiné, usa 2008)

Veröffentlicht: März 21, 2011 in Film
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Matt Conner (Steven Seagal) wurde einst aus dem Polizeidienst entlassen, weil er in einen Unterschlagungsfall verwickelt war und man ihn außerdem verdächtigte, seinen Partner ermordet zu haben. Die Entlassung trieb ihn in die Arme des Alkohols und des Glücksspiels, entfremdete ihn außerdem von seiner Frau, die sich von ihm scheiden ließ und sich seinem Kollegen Steve (Mark Elliott Wilson) zuwendete, und stürzte ihn tief in die Schulden. Als ihm der dubiose „Old Man“ (Lance Henriksen) verspricht, alle Schulden zu tilgen, wenn Matt für ihn eine Reihe von Auftragsmorden ausführt, schlägt der widerwillig ein. Doch sein drittes Opfer ist niemand geringeres als Steve und die Konfrontation mit diesem lässt Matts Vergangenheit in einem anderen Licht erscheinen …

Es verwundert schon ein wenig, dass Seagal, der wie kein anderer Actiondarsteller daran gearbeitet hat, von seinen Filmfiguren nicht getrennt werden zu können, erst so spät sein eigenes Altern thematisiert hat. Als er 2007 mit dem großen URBAN JUSTICE zum ersten Mal den über die im Staatsdienst jahrelang verübten Gräueltaten müde gewordenen Profi gab, nahm er eine (dringend nötige) Kurskorrektur vor, die schon zehn Jahre zuvor angebracht gewesen wäre, als nur noch der glühendste Fan dem beträchtlich angeschwollenen Schauspieler den mit allen Wassern gewaschenen Martial-Arts-Spezialisten abnehmen konnte (und Regisseure daher gezwungen waren, auf die Kampfszenen, mit denen Seagal einst berühmt geworden war, ganz zu verzichten, sie in sekundenkurzen Einstellungen aufzulösen, in denen man eh nichts mehr erkennen konnte, oder aber den Star doubeln zu lassen). Andererseits ist diese Weigerung, sich das eigene Altern einzugestehen, dann auch irgendwie symptomatisch für einen Schauspieler, dem man stets anmerkte, wie geil er sich selbst fand (das belegt auch das absurde DVD-Cover, auf dem man Seagal auch jene Falten via Photosshop-Zauberei entfernt hat, die einem Gesicht überhaupt erst Kontur verleihen) und der schon in seinem Debüt ABOVE THE LAW mit einer schier unerträglichen Altvorderen-Weisheit agierte, als sei er bereits 100 Jahre alt und nicht erst 37. Seagal hat sich immer als zwar noch agilen, aber doch auch irgendwie müde gewordenen, souverän und enthoben über den Dingen stehenden Elite-Soldaten inszeniert, den kein Übel der Welt mehr wirklich schocken konnte, der zudem gänzlich unverdächtig war, dem Leichtsinn, den man gemeinhin als Privileg der Jugend beschreibt, zu verfallen oder gar seinen niederen Instinkten nachzugehen: Wenn ein Jean-Claude Van Damme sein Sonnyboy-Lächeln auf- und zum Spagat ansetzte, die Frauen mit dem sich deutlich in seinen Stretchhosen abzeichnenenden Gemächt verzückte und nach vollendeter Arbeit mit der Nase im Koksberg einschlief, da zog sich Seagal immer lieber ins Dojo zurück und probte die Triebabfuhr via ausgiebiger Meditation.

Zurück zu PISTOL WHIPPED: Hier setzt Seagal also die mit URBAN JUSTICE eingeschlagene Richtung fort, gibt den auf dem Boden der Tatsachen angekommenen Cop, der – ein badass, der er als echter Kerl nunmal ist – in seinem Leben die ein oder andere falsche Entscheidung getroffen hat. (Wie im echten Leben: Ich kenne ein Zitat, nach dem er einmal über sich gesagt haben soll, dass er viele Dinge in seinem Leben getan habe, für die er „very, very sorry“ sei, Auftragsmorde und Schlimmeres suggerierend.) Über die Erpressung durch den „Old Man“ und dessen henchman Blue (Paul Calderon als wichtiger Schlüssel zum Erfolg des Films) wird er zunächst noch tiefer in die Scheiße geritten, weil er sich den Schandtaten, die er bitter bereut, nun nicht mehr länger entziehen kann und stattdessen sogar gezwungen ist, dieses „Werk“ fortzusetzen. Ein Drama shakesspeare’schen Ausßmaßes spielt sich ab: Seagal säuft, verprellt seine Tochter, verliert sein Haus, seine Würde … und sieht dabei so gut gelaunt aus wie eh und je. Das Problem des Films liegt auf der Hand: Weil Seagal Schicksalsschläge dieses Ausmaßes gänzlich fremd sind, tut er schwer damit, sie zu spielen (vielleicht gaukelt er dieses Unvermögen auch nur vor, um nahezulegen, er kenne sie nicht, wer weiß). Aber auch wenn Seagal als ausgebrannter Cop immer noch aussieht wie aus dem Ei gepellt, seine Probleme deutlich weniger drastisch erscheinen, als es das Drehbuch eigentlich erfordert, ist PISTOL WHIPPED wie schon der Vorgänger endlich auch für Normalsterbliche nachvollziehbar, stößt nicht vor den Kopf und verwirrt, wie seine zahlreichen Agententhriller der Jahre 2001 bis 2006, bietet hingegen tatsächlich Möglichkeiten der emotionalen Anknüpfung. Die Szene etwa, in der Matt mit seiner Tochter ein Aquarium besucht, die beiden vor einem Haifischbecken ein kurzes Vater-Tochter-Gespräch führen, ist eine der stärksten Szenen in Seagals ganzem Schaffen, weil er endlich einmal als Mensch erscheint und nicht als amerikanische Reinkarnation eines ostasiatischen Religionsstifters. Ja, der Mann wirkt zum allerersten Mal richtig sympathisch.

Auf dem Weg zum zweiten wirklich großen Seagal-Film der Nullerjahre (BELLY OF THE BEAST wäre vielleicht eine Nummer drei) ist allerdings der Niederländer Roel Reiné die treibende Kraft. Obwohl auch er die formalen Mittel nutzt, mit denen der gemeine DTV-Regisseur seine Billigproduktionen am Avid aufzupeppen hofft, spürt man bei ihm, dass er stets die Kontrolle über die Technik behält, der sich andere einfach nur ausliefern. Der Wechsel von Zeitlupen und Zeitraffern, der Einsatz von Reißschwenks und Farbfiltern, das Ineinandergreifen von extremen Totalen und Nahaufnahmen sind nicht bloß optische Spielerei, sondern formen einen eigenen visuellen Stil, der PISTOL WHIPPED ordentlich Dampf unterm Arsch macht. (Am schönsten ist sicher die Einstellung durch die sich kräuselnde Wasseroberfläche eines Weihwasserbeckens auf den sich darüber bekreuzigenden Conner.) Die innere Spannung des Films entlädt sich zum Schluss in einem tollen Shoot-out auf einem Friedhof, bei dem die Grabsteine ebenso dekorativ zerplatzen wie die Brustkörbe der Bösewichter.  Ein Happy End gibt es für Matt Conner in diesem Film hingegen nicht: Der Weg zurück ins Bürgertum ist endgültig versperrt. Das macht Hoffnung für weitere böse, desillusionierte Actionthriller Seagals. Wer hätte das gedacht?

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