out for justice (john flynn, usa 1991)

Veröffentlicht: Januar 16, 2012 in Film
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Gino Felino (Steven Seagal) ist ein Cop. Aufgewachsen in Brooklyn, als Sohn eines italienischen Einwanderers, der sein Geld als von Haus zu Haus wandernder Messerschleifer verdiente. Gino ist ein Kind der Straße: Er kennt sie alle, die ehrlichen Arbeiter, denen er sich verbunden fühlt, die Mafiosi, die er als Kind bewundert hat und von denen er als Detective weiß, dass man sich mit ihnen arrangieren muss, die Kleinkriminellen, die versuchen, mit Gaunereien über die Runden zu kommen. Er spricht ihre Sprache, weiß, was er sagen muss, was sie hören wollen, wie sie denken, was sie fühlen. Und auch wenn er jetzt auf der Seite des Gesetzes steht, diese Verbundenheit kann er nicht einfach abschalten.

Ginos Freund und Partner Bobby Lupo wurde auf offener Straße vor seiner Gattin und seinem Kind erschossen. Von Ginos und Bobbys gemeinsamem Jugendfreund Richie Madano (William Forsythe), der vom Crack begünstigt dem Größenwahn verfallen ist. Ginos Pflicht als Polizist ist es, Richie dingfest zu machen und ihn dem Gesetz zu übergeben. Doch der code of the streets, dem Gino sich immer noch verpflichtet fühlt, besagt, dass er Bobbys Tod als dessen Freund zu rächen hat. Sein Deal mit dem Vorgesetzten Donziger (der immer tolle Jerry Orbach in einer leider viel zu kleinen Rolle – vielleicht der einzige Schönheitsfehler in diesem Film): Gino verspricht, Richie so schnell wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen, aber Donziger lässt es Gino auf seine Weise machen. (OUT FOR JUSTICE ist wie alle guten Actionfilme natürlich auch ein Film über stillschweigende Übereinkünfte zwischen Männern.) Jetzt muss er nur noch der Mafia zuvorkommen, denen das eigenmächtige und respektlose Treiben Richies selbst ein Ärgernis ist.

Es beginnt eine Jagd durch Brooklyn, aber keine offene: Richie weiß, dass er Freiwild ist – spätestens nachdem er eine harmlose Autofahrerin dafür erschießt, dass sie ihn als „Arschloch“ beschimpft hat -, kennt die Straßen des Viertels wie seine Westentasche und kann sich darauf verlassen, dass alle, die ihn verraten könnten, viel zu große Angst vor seinem Zorn und seiner manischen Unberechenbarkeit haben. Während er also seine Spur durch Brooklyn zieht, arbeitet Gino seine Kontakte ab. Seine Methode lautet „shock and awe“: Schrecken und Ehrfurcht. Demütigung, Beleidigung, Erniedrigung, herabsetzende Schläge, verbale Hiebe, Nötigung, Belästigung, mutwillige Zerstörung, Vandalismus. Wenn er die Gemüter entsprechend erhitzt hat, Prügel, Tritte, Knochenbrüche. Alles, um dem Ziel näherzukommen, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen. Wenn er Richie schon nicht selbst gegenübertreten kann, so will er wenigstens unübersehbare Zeichen dafür hinterlassen, dass er ihm auf den Fersen ist. Psychologische Kriegsführung.

OUT FOR JUSTICE, vom unbesungenen Helden des Badass-Actionkinos John Flynn mit der Präzision eines Uhrwerks inszeniert, ist vielleicht der größte Film Seagals und neben Andrew Davis‘ Event-Blockbuster UNDER SIEGE auch der einzige, der völlig außerhalb des Seagal-Kontextes funktioniert. Ist der Film dank der Präsenz seines Hauptdarstellers und der splatterigen Effekte auch ganz klar als Vertreter des Actionkinos der späten Achtziger-/frühen Neunzigerjahre zu verorten, so verdankt er Flynn den Rückbezug auf den New Yorker Copthriller im Stil der Siebzigerjahre und damit nicht nur jene atemlos-gehetzte Atmosphäre, die einem das Ablaufen eines Countdowns vor Augen ruft, sondern auch ein Maß an Authentizität, das man nun nicht gerade mit Seagal assoziiert. Man fragt sich, warum er nicht häufiger als Non-Nonsense-Bulle eingesetzt wurde, denn gerade die Abwesenheit der sonst typischen mythologisierenden Seagal-Beigaben (CIA-Vergangenheit, Fernost-Philosophie, Aikido-Ausbildung), von denen nur die Mafia-Verbindung übrig bleibt, tut dem Film sehr gut

Die Stärken von Flynns Inszenierung treten vor allem im direkten Vergleich mit dem zuletzt gesehenen MARKED FOR DEATH deutlich hervor. Im Gegensatz zum genannten, unmittelbar vor OUT FOR JUSTICE entstandenen Film gelingt es ihm, Seagals Figur einen (sozialen) Rahmen zu geben, innerhalb dessen seine typischen Marotten und Manierismen nachvollziehbar und glaubwürdig sind. Die in meinem Text zu MARKED FOR DEATH beschriebene herablassende Art, die dort einzig durch seine tatsächliche Überlegenheit begründet war, wird hier motiviert, sie ist zweckgerichtet: Gino verhält sich gerade deshalb so, weil er eine Reaktion provozieren will, weil er weiß, dass es in dieser Situation, an diesem Ort, unter jenen Umständen eben jenes Mittel ist, dass ihm allein weiterhilft. Er benimmt sich wie ein Prolet, aber er ist sich dieser Tatsache vollauf bewusst. Und er hat die Fähigkeit, sein Verhalten zu hinterfragen und zu reflektieren.

Flynns Film ist ultrabrutal, aber er verkommt nie zur müden Gewaltschau, weil er weiß, dass Gewalt nicht bloß optischer Reiz sein, sondern vor allem Emotionen auslösen sollte: Ist Littles MARKED FOR DEATH ein bisschen wie die Achterbahn, die man sich von außen anschaut, sitzt man in OUT FOR JUSTICE im vordersten Wagen und sieht den nächsten Abhang auf sich zurasen. Das hier ist kein Spiel: Wenn Richie mit seinem Wagen den Weg einer Autofahrerin blockiert, von dieser beschimpft wird, daraufhin aussteigt und ihr auf offener Straße kurzerhand das Gehirn rauspustet, dann ist das nicht weniger als ein Angriff auf den Zuschauer, ein Verstoß gegen übliche Actionfilm-Konventionen und ein Hinweis darauf, dass die sonst gültigen Regeln hier außer Kraft gesetzt sind. Hier ist ab sofort alles möglich. Das zeigt sich auch im kongenialen Showdown. Seagal wird zwar  in fast allen seiner Filme als unüberwindbare, gnadenlose Tötungsmaschine dargestellt, es ist das, was ihn von „menschlicheren“ Actionhelden wie Stallone, Lundgren oder Van Damme unterscheidet, aber keiner hat diese Kombination aus äußerster Effizienz, brachialer Humorlosigkeit und der fast messianischen Selbstherrlichkeit, mit der die körperliche Bestrafung vollzogen wird, so pointiert ins Bild gefasst wie Flynn. Wenn immer wieder behauptet wird, Actionfilm böte ein Ventil für aufgestaute Aggressionen, dann ist die finale Auseinandersetzung zwischen Gino und Richie, bei der ersterer nicht einen Kratzer davonträgt, letzterer aber mit Genuss auseinandergepflückt wird, der Beweis für diese These. William Forsythe reduziert sich als Richie selbst auf eine Projektionsfläche für den geballten Zuschauerhass und ist großartig dabei. Der ganze Film ist eine einzige orgasmische Allmachtsfantasie.

Was OUT FOR JUSTICE über den Status des krachenden Actionfilms hinaushebt und ihn zum atemberaubenden Crime-Reißer macht, sind Flynns ausgesteller sense of place und sein immenses Gespür für Details, für die kleinen Akzente, die große Wirkung zeigen. Da gibt es diese Szene, in der Gino mit dem Wagen durch Brooklyn fährt, an einer Prostituierten vorbei, die ihn gänzlich unromantisch fragt: „Wanna fuck?“. Gino lacht darüber und fährt weiter, es ist ein durch und durch natürliches, ehrliches Lachen, man fühlt sich als sitze man neben ihm. Dann muss er wieder halten, nur ein paar Meter weiter, neben ein paar Obdachlosen, und er dreht sich zu ihnen und fragt sie „You hear what she said?“ und immer noch schmunzelnd fährt er weiter. Diese Szene hat keinerlei erzählerische Funktion, sie ist total unwichtig, aber sie konturiert den Ort „Brooklyn“ als einen, der auch außerhalb der Geschichte existiert, und Gino als einen Mann, der sich an diesem Ort wohlfühlt, dort hingehört, Bestandteil des Ganzen ist. Meisterlich auch die längere Actionsequenz, in der Gino die Gäste in der Billardkneipe von Richies Bruder aufmischt: weil sie schlicht brillant getimt ist (dieser Typ, den er immer wieder nur in die Telefonkabine schubst und dann die Tür zuzieht!) und die Action nicht bloß zur nackten Triebabfuhr dient, sondern dazu, Seagals Gino zu charakterisieren. Trotz ihrer Ruhe ungemein enervierend ist jene Dialogszene, in der Gino Richies Eltern zu Hause aufsucht, ein altes Rentnerpaar, um Hinweise über den Verbleib Richies zu erhalten, dem Vater langsam dämmert, dass Gino Richie für das, was er getan hat, umbringen wird, und Gino weiß, dass er von diesen alten Leuten, die ihm als Kind Kleingeld zusteckten, das Unmögliche verlangt.

Dann sind es wieder diese kleinen Kniffe, die Flynn einfach mal so aus dem Ärmel schüttelt, die aber riesige Wirkung entfalten: Da ist dieser kurze Moment während der Titlesequenz, Gino hat soeben einen gewalttätigen Zuhälter durch eine Autoscheibe geworfen, man sieht vom Fahrersitz des Wagens aus über die Beine des Gebeutelten hinweg durch die geborstene Frontscheibe nach draußen auf den vorbeihuschenden Seagal, der noch einmal einen kritischen Blick auf sein Werk wirft. Das Bild friert ein und gleichzeitig wird mit einem dumpfen Schlag sein Name eingeblendet, bevor eine Schwarzblende erfolgt und der Titel des Films erscheint. Dieser kurze Moment, in dem der Film noch einmal kurz innehält, um dem Zuschauer die letzte Gelegenheit zu geben, auszusteigen, hat mich mehr gekickt als die 90 Minuten von MARKED FOR DEATH.

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Kommentare
  1. ghijath naddaf sagt:

    Mein dritt liebster John Flynn Film.
    Nach „The Outfit“ und „Rolling Thunder“.
    In seiner ungeschnittenen Version,mit Sicherheit einer der heftigsten Actionfilme der 90er.
    Und William Forsyth gibt einen grandiosen Psycho.

    • Oliver sagt:

      Tue mich mit einer Rangfolge schwer. THE SERGEANT und BEST SELLER sind auch sehr gut. Und auf THE JERUSALEM FILE bin ich sehr gespannt.

  2. Chrisch sagt:

    „Wenn immer wieder behauptet wird, Actionfilm böte ein Ventil für aufgestaute Aggressionen, dann ist die finale Auseinandersetzung zwischen Gino und Richie, bei der ersterer nicht einen Kratzer davonträgt, letzterer aber mit Genuss auseinandergepflückt wird, der Beweis für diese These.“

    Wiewohl ich der restlichen Kritik zustimme, muss ich in diesem Punkt widersprechen. Out for Justice ist gerade jener Seagal Film, der als kleines Schmankerl einen angeschlagenen Seagal im Finale auf den Oberschurken hetzt. Gino wurde nämlich in der vorangegangen Schießerei angeschossen (Bauchgegend). Sie schränkt ihn bei der Schießerei zuweilen sogar ein, nur um dann kurz der Vergessenheit anheim zufallen, als es darum geht Forsythe mit Backenfutter einzudecken. Als er dann nach verrichtetem Werk seinen mafiösen Kumpel trifft, lässt er sich von ihm sogar stützen und betont abermals, dass es ihn hart erwischt hat.

    Aber wunderbar, dass Dir auch die Namenseinblendung Seagals am Anfang des Films so gut gefallen hat. Dachte schon, nur mir wäre aufgefallen, wie außerordentlich cool das gemacht wurde!

    Grüße

    • Oliver sagt:

      Ich weiß nicht, ob ich das damals übersehen und dann gleich wieder vergessen habe, auch jetzt kann ich mich an diese Verletzung gar nicht erinnern. Was ich jetzt mal als stützend für meine Beschreibung von Seagals grundsätzlicher Überlegenheit werte. Seine „schlimme Verletzung“ spielt einfach keine wesentliche Rolle, wenn überhaupt verstärkt sie noch seine Entschossenheit (was natürlich ein Actionklischee ist, siehe etwa BLOODSPORT). Kann mich gerade nicht daran erinnern, ob es in einem anderen Seagal-Film einen derart gehandicappten Helden gibt, Versuche, ihn zu „vermenschlichen“ – durch Trauer, Alkoholismus etc. – gab es einige, doch keiner von ihnen zieht so, wie das bei anderen Actionhelden der Fall wäre. Und der „Showdown“ von OUT FOR JUSTICE dürfte wohl den unausgewogendsten, unspannendsten Finalkampf der Filmgeschichte bieten. Was natürlich gar keine Kritik sein soll: Der ist absolut grandios und genau richtig, so wie er ist.

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