lethal weapon (richard donner, usa 1987)

Veröffentlicht: November 11, 2013 in Film
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Ich beginne diesen Text über LETHAL WEAPON (über den ich – unglaublich, aber wahr – tatsächlich noch nie geschrieben habe) mit einer Behauptung: Donners Film bedeutet bei seinem Erscheinen vor über 25 Jahren den Startschuss zu einer weitreichenden Veränderung des amerikanischen Actionfilms. Zu seiner Zeit wurde das wahrscheinlich gar nicht so bemerkt, weil man noch nicht ahnte, welche Welle ihm folgen würde. Und betrachtet man ihn gewissermaßen „ahistorisch“, so scheint er doch lediglich ein überdurchschnittlich gut gelungener, überdurchschnittlich erfolgreicher, keinesfalls aber bahnbrechender oder gar besonders innovativer Vertreter des Buddy-Cop-Films, der ja seinerzeit selbst nur existierte, weil Walter Hill wenige Jahre zuvor mit 48 HRS. ein massiver Hit gelungen war. Man könnte zu der Meinung gelangen, LETHAL WEAPON sei ein sehr typisches Produkt seiner Zeit. Diesen Glauben müsste man nur bedingt einer Wahrnehmungsstörung zuschreiben: Donner bereitet den Paradigmenwechsel höchst geschickt vor, legt sein Ei wie der Kuckuck ins gemachte Nest des Achtzigerjahre-Actionfilms und lässt seine neue Brut in der Geborgenheit des Altbekannten aufziehen. Damit sein Jungtier von den Pflegeeltern nicht verstoßen wird, hat es genug Ähnlichkeit mit diesen, dennoch zeigt es bei genauer Betrachtung unverkennbare eigene Züge, der Keim für die genetische Veränderung ist gelegt.

Wurde das Actionkino seines Jahrzehnts bis zu diesem Zeitpunkt weitestgehend von grimmigen, entschlossenen Helden beherrscht, die der bösen Welt am Rande des Dritten Weltkriegs nur wenig zum Lachen abringen konnten, so schleicht sich mit LETHAL WEAPON eine gewisse Lockerheit ein. Zwar gab es auch hier handfeste Gewalt zu bestaunen, aber ihre Wirkung wird zum einen durch einen sehr dominanten Humor und einen soapoperesken Charakter geschmälert. Der Unterschied fällt umso stärker ins Gewicht, als mit Mel Gibsons traumatisiertem, an der Schwelle zum nervlichen meltdown stehenden Ex-Special-Forces-Mann  und Vietnamveteranen Riggs – der titelgebenden „tödlichen Waffe“ – ein Protagonist zur Verfügung steht, dessen Biografie ihn durchaus zu einem Kompagnon der Rambos und Braddocks macht. Was in FIRST BLOOD oder MISSING IN ACTION jedoch noch Ausgangspunkt für menschliches Drama war, dem Zuschauer einen ernüchternden Blick auf die Verkarstungen der Seele ermöglichte, die der Krieg angerichtet hatte, das ist bei LETHAL WEAPON schon zum Klischee geronnen und kann auf der nächsten Metaebene verhandelt werden. Riggs‘ „Macke“, die durch den Unfalltod seiner Frau noch verstärkt wurde, ist hier kein Handicap, sondern befähigt ihn im Gegenteil gerade dazu, es mit Schurken verschiedener Couleur aufzunehmen. Wenn er in einer Szene nicht ohne Stolz erzählt, dass er im Krieg einen Mann auf rund 1.000 Meter bei starkem Wind erschossen habe und damit wahrscheinlich einer der 9, 10 besten Schützen der Welt sei, verleiht das der Figur einen Hauch von Coolness und Verwegenheit. Dass ihn die Ausbildung, die er für diese Befähigung durchlaufen musste, auch eines Stücks seiner Menschlichkeit beraubt hat – etwas, das in Kotcheffs FIRST BLOOD noch ganz offen thematisiert wird –, spielt in LETHAL WEAPON jedoch keine Rolle mehr. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg ist nicht mehr erforderlich, er liefert gewissermaßen nur noch eine Kulisse. Wenn Donner also auf den Vietnamkrieg rekuriert, ist nicht länger der historische Konflikt gemeint, sondern nur noch seine filmische Repräsentation.

Riggs‘ Veteranenstatus und seiner „Psychose“ kommt dennoch eine wichtige erzählerische Funktion zu: Sie werden zur entscheidenden Triebfeder in der Beziehung zu seinem neuen Partner, dem zu Beginn des Films seinen 50. Geburtstag feiernden Familienmann Murtaugh (Danny Glover). Der ist hin und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, langsam seinem Ruhestand entgegenzuschippern (die passende Yacht liegt schon in seiner Einfahrt), und der Ernüchterung, schon zum alten Eisen zu gehören. Riggs verstärkt beides mit seinem Draufgängertum und seiner Scheißegal-Haltung und bewirkt noch einmal eine Art Frischzellenkur bei Murtaugh, der seinem asozialen Kollegen seinerseits wieder zu einer gewissen Erdung und Ordnung verhilft. Es ist diese Dynamik, die LETHAL WEAPON bestimmt. Der Krimiplot wird hingegen auffallend lax erzählt, nahezu alle Ermittlungserfolge sind dem Zufall, unerklärlichen Geistesblitzen oder der Arglosigkeit der Schurken geschuldet. LETHAL WEAPON folgt der Beziehung von Riggs und Murtaugh über eine Reihe von Action-Set-Pieces, in deren Verlauf die anfänglichen Antipoden immer mehr zusammenwachsen, bis sie den Killer Mr. Joshua (Gary Busey) schließlich im Verbund, Rücken an Rücken stehend gemeinsam erschießen, der eine aus seiner modernen 15-Schuss-Kanone, der andere mit seinem Altherrenrevolver.

LETHAL WEAPON machte 1987 den Weg frei für ein familienfreundliches Actionkino, eines, dessen Charaktere „sicher“ sind, selbst wenn es sich bei ihnen, wie im Falle von Riggs, um trainierte Killer handelt; dessen Action nicht mehr in erster Linie als Ausdruck dieser Charaktere, sondern viel eher als Attraktion und Schauwert „an sich“ inszeniert wird. In dem alles auf Entertainment und Immersion ausgerichtet ist und das sich nicht mehr so sehr als expliziter Kommentar zu einer wie auch immer gearteten Realität versteht, sondern das gerade seine Künstlichkeit, sein Film-Sein in den Vordergrund stellt. Das klingt jetzt wie ein Verriss und wer meine Haltung zum Actionkino kennt, der weiß ja auch, was ich bevorzuge. Für LETHAL WEAPON mache ich gern eine Ausnahme. Sein Kuckucksei-Charakter verleiht ihm eine zynisch-bittere Note, die in Verbindung mit dem breiten Appeal des Films durchaus als subversiv zu nennen ist. Diese Zwiespältigkeit geht den folgenden Einträgen der Reihe immer mehr ab. Sie zeichnen so nicht nur die Entwicklung des Actionfilms vom brutalen Männerspaß zur familientauglichen Achterbahnfahrt nach, sondern auch die seiner Helden: Auch die „tödliche Waffe“ will irgendwann einmal im Schoß der Familie ankommen. Rambo konnte davon nur träumen.

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Kommentare
  1. HomiSite sagt:

    Ich habe deine Texte zu den Nachfolgern noch nicht gelesen, aber als ich LW1, äh, vor Jahren seit Jahren mal wieder sah, war ich doch erstaunt, wie düster er teils ist. Das mögen wie von dir beschrieben nur noch Staffage oder Rückstände sein, aber in meiner Wahrnehmung/Erinnerung war Lethal Weapon als Reihe (den 4. kenne ich kaum) ziemlich mit der Actionkomödie eines Beverly Hills Cop verschmolzen. Da haben dann wohl die LW-Nachfolger größeren Eindruck bei mir hinterlassen, auch wenn ich damals die Art von LW1 dann überraschend und auch interessanter fand. Seitdem habe ich aber keinen der Filme bewusst wieder gesehen.

    • Oliver sagt:

      Diese Düsternis als „Rückstände“ zu bezeichnen, wäre vielleicht zu negativ formuliert. Nein, du hast schon recht, man assoziiert die Filme in der Erinnerung vor allem mit lustigen Sprüchen, „I’m too old fpr this shit“ usw. Der zweite Teil ist noch einmal eine ganze Ecke härter als der erste und für mich eigentlich der Gipfelpunkt der Reihe. Erst danach schlugen sie ganz und gar ins Alberne um.

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