django unchained (quentin tarantino, usa 2012)

Veröffentlicht: November 24, 2014 in Film
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„Django“: noch mehr als für Franco Neros einen Sarg hinter sich herziehenden Revolverhelden, der vielleicht ganz einfach deshalb nicht tot zu bekommen ist, weil er längst nur noch als Geist auf der Erde wandelt, steht der Name für das Genre des Italowesterns. Sergio Corbuccis Film war nicht der erste und er ist vermutlich auch nicht der bekannteste, aber sein Einfluss ist kaum zu unterschätzen. Sergio Leone hatte mit den ersten beiden Teilen seiner Dollar-Trilogie wichtige Vorarbeit geleistet und den Grundstein gelegt, Corbucci warf noch die letzten an den US-Ursprung erinnernden Atavismen über Bord, und imaginierte die neue Westernwelt als eine versiffte Vorhölle voller Dreck und verkommener Subjekte. Sein Django war ein klassischer Underdog, ein Mann nicht ohne Namen wie bei Leone, aber doch ohne durchschaubare Vergangenheit, getrieben von einem tief im Inneren schlummernden Zorn. Der Krieg, in dem er gekämpft hat, hat ihn nicht etwa zum Helden gemacht, sondern ihn schwer gezeichnet: Was er dort genau erlebt hat, wird nie thematisiert, aber man erkennt den traumatisierten Veteran hinter dem maskenhaften Gesicht. Hier knüpft Tarantino mit DJANGO UNCHAINED an, der die Italowestern-Motivik von den gegen die Mächtigen ankämpfenden Underdogs  zu einer Auseinandersetzung mit der US-amerikanischen Geschichte der Sklaverei nutzt und damit fast noch mehr Blaxploitation- als Italowestern-Hommage ist.

Django (Jamie Foxx) wird von dem deutschen Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) befreit, weil der jemanden braucht, der drei Zielpersonen identifiziert. Bald arbeiten die beiden Hand in Hand und haben es dabei vor allem auf miese Rassisten, Sklavenhändler und -besitzer wie Big Daddy (Don Johnson) abgesehen. Der gemeinsame Weg führt sie auch auf das Anwesen von Calvin Candie (Leonardo DiCaprio), der sich Djangos Ehefrau Broomhilda (Kerry Washington) als Prostituierte hält. Die beiden erschleichen sich das Vertrauen des Großgrundbesitzers, indem sie sich als interessiert an einem „Mandingo“, einen schwarzen Kämpfer, zeigen. Djangos Braut soll nach ihrem Plan in einem unauffälligen Nebenhandel erworben werden. Doch die Tarnung fliegt auf …

Nachdem ich sowohl mit meinen Ersteindrücken zu sowohl DEATH PROOF als auch zu INGLOURIOUS BASTERDS massiv danebengelegen habe, bin ich vorsichtig geworden. Aber DJANGO UNCHAINED hat mich auch nicht entfremdet, wie es die beiden genannten Titel zunächst geschafft hatten: Wem die letzten Filme Tarantinos zu dialoglastig und akademisch waren, der wird mit seinem letzten rundum zufrieden sein. Ich bin geneigt, DJANGO UNCHAINED als Tarantinos kommerziellsten und zugänglichsten Film zu bezeichnen. Er ist rasant, wo der Vorgänger auffallend statisch war, plot- und handlungslastig, wo Plot und Handlung zuvor eher zweitrangig waren, aktionsgetrieben, wo früher meist gesprochen wurde. Als actionlastiger Western ist DJANGO UNCHAINED ein Erfolg und ich würde lügen, wenn ich behauptete, an den saftigen Blutfontänen, zerplatzenden Körperteilen und pointierten Episoden keinen Spaß gehabt zu haben. Auch dass Tarantino hier erneut einer sich nach vier Filmen zur handfesten Obsession ausgewachsenen Rachefantasie frönt, kann ich dem Film verzeihen – weil es dem Geist der Inspirationsquellen gerecht wird, weil ich den Akt der „poetic justice“, die hier vollzogen wird, begrüße, ich es als befreiend empfinde, wenn Drecksäcke wie Nazis, Rassisten, Sklavenhändler und anderes Pack auf der Leinwand ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Das Problem, dass ich habe, ist ein anderes: Ich finde, dass sich dieser Stoff nicht für diese Art Entertainment eignet. Auch INGLOURIOUS BASTERDS war in gewisser Weise kalkuliert, aber Tarantino fand dafür eine Form, die verhinderte, dass die Ermordung von Juden und Nazis einfach nur so reinlief. Der Film hatte Brüche, die die Immersion verhinderten, bei DJANGO UNCHAINED hingegen verdichtet sich der Eindruck, Tarantino sei seiner eigenen Verführungskunst oder zumindest dem Glauben an ihre unfehlbare Wirkung aufgesessen. Verglichen mit einem Film wie Fleischers MANDINGO, der seine Verstrickung in die Ausbeutungsmaschine, die die reale Sklaverei in Form von mit weißem Geld produzierten Blaxploitation-Filmen in der Gegenwart fortschreibt, gleich mitreflektiert, immunisiert sich Tarantino, indem er sich hinter seinem messianischem Helden und dessen clowneskem Begleiter (Christoph Waltz legt seine Rolle für meinen Geschmack etwas zu selbstverliebt und komisch an) versteckt und seine Schurken zu grotesken Arschlöchern und degeneriertem Gesindel verzeichnet. Eine Sequenz zeigt eine Versammlung des Ku-Klux Klans, dessen Mitglieder sich darüber beschweren, durch die Masken nicht richtig sehen zu können. Das ist durchaus lustig, aber allzu oft offenbart sich Tarantinos Bild jener Zeit als eindimensional und naiv, scheint ihm die Tragweite des Systems hinter der Sklaverei gar nicht bewusst. Bei ihm wird alles auf die einfache Gleichung „böse weiße Großgrundbesitzer knechten arme Schwarze“ reduziert. Ein kleines Detail, auf das mich meine liebe Gattin aufmerksam gemacht hat, deutet indes an, dass Tarantino seine problematische Haltung als weißer Filmemacher zu diesem Stoff sehr wohl reflektierte: So fahrlässig und inflationär das Wort „nigger“ hier gebraucht wird, gewissermaßen aus historischer Akkuratesse, Tarantino selbst verbietet es sich in seiner Rolle als australischer Sklaventreiber. Für ihn sind Schwarze „blackies“. Vielleicht ist die Begriffswahl auch nur Tarantinos enzyklopädischem Trieb geschuldet, aber wenn man bedenkt, dass er sich das berüchtigte „N-Wort“ in seiner Rolle in PULP FICTION noch erlaubte (etwas, was heute wahrscheinlich gar nicht mehr ginge), darf man dahinter sehr wohl einen Reifeprozess, gesteigerte Sensibilität und eine bewusste Entscheidung vermuten.

Solche „Haken“, die zur Auseinandersetzung, zur Reibung auffordern, und an denen es in Tarantinos Werk sonst nicht mangelt, habe ich in DJANGO UNCHAINED weitestgehend vermisst. Zum ersten Mal scheint es so, als habe der Tarantino sich damit begnügt, einen „Tarantino-Film“ zu drehen. Der Soundtrack verknüpft sehr vorhersehbar Soulklassiker, Italowestern-Scores und Hip-Hop, Franco Nero darf seinen Gastauftritt absolvieren und Jamie Foxx fragen, ob er wisse, wie man „Django“ schreibe. Alte Weggefährten und nicht genug gewertschätzte Nebendarsteller füllen die Besetzungsliste. Es hagelt Gewalt und Sadismen im Minutentakt. Das konnte man alles erwarten und bekommt es in zuverlässiger Qualität geliefert. Bislang zeichnete sich Tarantinos Werk aber nicht zuletzt dadurch aus, dass nie so wirklich klar war, was man bekam, und man sich vom fertigen Film mehr als einmal auf dem falschen Fuß erwischt sah. In diese Hinsicht ist DJANGO UNCHAINED schon eine Enttäuschung, wenn auch auf hohem Niveau.

 

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Das Problem mit Tarantinos Rache Fantasien ist, das sie meiner Meinung nach nicht funktionieren.
    Schon in IB waren die Nazis und/oder Wehrmachtsoldaten symphatischer als die Amis.
    Mir ist schon klar, was Tarantino damit bezweckte, aber er ist wie so oft über das Ziel hinaus
    geschossen. Während man beim Finale von The Dirty Dozen zwar ein beklemmendes Gefühl hatte
    (Das Verbrennen von Frauen und Hauspersonal) ist man in der Sache doch stets bei Reissman,
    und Jim Browns Tod nimmt einen mit.
    Tarantinos Basterds sind ein Haufen Abschaum, und wer meint man könne die Szene in der der
    psychophatische „Bärenjude“, den immerhin tapferen Offizier, mit dem Baseballschläger erschlägt
    mit Rassissmus des Deutschen entschuldigen, der ist wahrscheinlich in der identischen Szene
    in True Romance (zwischen Walken und Hopper) auf der Seite von Walken.
    Nee hier bin ich aussnahmsweie mal mit Armond White einverstanden.
    Einer der infamsten Filme der 2000er.

    • Oliver sagt:

      Die Einschätzung kann ich nicht teilen, weil ich das ganz anders empfinde. Ich finde nicht, dass die Nazis sympathischer sind als die Basterds, auch nicht, dass die Sklavenhändler sympathischer sind als Django. Oder die Kontrahenten der „Bride“ sympathischer als sie. Dass man mit den Figuren weniger oder anders mitfiebert als etwa beim von dir hernagezogenen DIRTY DOZEN liegt m. E. daran, dass QT kein klassisches Erzählkino mit psychologisch ausgefeilten CHarakteren macht, sondern eher mit „Persönlichkeits- und Sprachflächen“ arbeitet.

      Dass man dem dreckigen Dutzend den feigen Massenmord verzeiht, liegt nicht daran, dass ihre Tat gerechter ist, sondern daran, dass sie keine Wahl haben. Das System, das diesen Männern die nur vorgetäuschte Wahl zwischen Exekution/lebenslanger Haft oder eines Selbstmordkommandos lässt, wird von Aldrich als eigentlicher Schurke gezeichnet. (Man denke an die grausame Hinrichtung des kaum erwachsenen Soldaten zu Beginn.)

  2. Mr. Majestyk sagt:

    Zu den Basterds: Keine Ahnung ob es an meiner „deutschen“ Perspektive lag, aber die Szene mit dem deutschen Offizier empfand ich widerwärtig. Das Gejohle im Publikum hat mich diesbezüglich noch bestätigt. Waltz Charakter sehe ich schon als teilweise sympathisch dargestellt. Dies ist für für mich aber kein grundsätzliches Problem, auch Nazis muss man meiner Meinung nach nicht schwarz-weiß darstellen. In einem dermaßen überzeichneten Film wirkt es aber etwas deplaziert.

    Dennoch war ich voller Vorfreude auf DJANGO UNCHAINED. Obwohl ich nur noch gelegentlich ins Kino gehe bin ich extra nach Aachen gefahren um den Film OmU sehen zu können. Einwände von Spike Lee hatte ich zwar registriert aber abgetan.
    Ungefähr bis zur anachronistischen Ku-Klux-Klan Szene fühlte ich mich auch ganz gut unterhalten.
    In einem Mel Brooks Streifen hätte so eine Szene vielleicht reingepaßt, DJANGO nimmt sich dafür aber dann doch zu ernst. Spätestens nach der Ankunft auf Candyland wird der Film aber dann zur reinsten Farce. Den Like-A-Virgin-Talk wiederholt Tarantino meiner Meinung nach eben doch ständig, wenn auch in Variationen. Jackson als Hausclown will auch nicht passen. Das Ableben von Waltz ist schon arg konstruiert.
    Und nachdem gefühlt 1.000 Mal das Wort Nigger gefallen ist die Erkenntnis:Spike Lee hatte doch recht, hier wird das Sklaverei-Thema tatsächlich zum Klamauk.

    Als ob all das nicht schon ärgerlich genug wäre, zumindest nominell will DJANGO ein Western sein oder zumindest die Interpretation eines Italowestern. Das Gefühl stellt sich bei mir zu keinem Zeitpunkt ein. Das Hiphop Finale ist dann nur noch der letzte Tropfen im Faß. Dafür mag ich dann einfach zu alt sein. Wenn ich bedenke wie gut es JACKIE BROWN gelingt Blaxploitation und Heist-Movie zu verknüpfen, hier wirkt alles nur noch fade.
    Ich möchte ein Genre das ich liebe nicht so verwurstet sehen.

    Mögen alle Tarantino Anhänger Beifall klatschen, meiner Meinung nach sind seine Filme längst zum Mainstream ( gegen den ich nichts habe) geworden und sein Stil zur selbstverliebten Masche verkommen.

    Den Vorbildern DJANGO und MANDINGO kann DJANGO UNCHAINED in keinem Moment das Wasser reichen.

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