deliverance (john boorman, usa 1972)

Veröffentlicht: Mai 10, 2010 in Film
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Wie verteufelt gut dieser Films ist, lässt sich nicht nur daran ablesen, dass er ganz allein den Backwood-Film initiierte und damit ein Subgenre des Horrorfilms, das auch nach vier Jahrzehnten noch sehr gut damit auskommt, die Motive und Situationen, die Boorman einst etablierte, zu imitieren oder nur geringfügig zu variieren. Man erkennt es auch daran, dass diese Sichtung – schätzungweise die dritte oder vierte – die erste war, in der ich nicht auf die Autosuggestion seiner Protagonisten hereingefallen bin, sondern mich von dieser befreien konnte und auf meine eigene Wahrnehmung vertraut habe. Verblüffend, denn Boorman zeigt doch ziemlich eindeutig, dass Drew (Ronny Cox) sich in selbstmörderischer Absicht aus seinem Kanu in die reißenden Fluten des Cahulawassee stürzt und nicht etwa, weil er von einer Kugel getroffen wurde, wie es Lewis (Burt Reynolds) im Brustton der Überzeugung behauptet. Dass man trotzdem zunächst geneigt ist, ihm zu glauben (auch meine liebe Gattin ist bei ihrer Erstsichtung darauf hereingefallen, hat jedenfalls ihre eigentlich richtige Wahrnehmung der Situation sofort hinterfragt), liegt daran, dass das Netz der Paranoia, das die Protagonisten gefangen nimmt, sich dank Boormans raffinierter Inszenierung auch über die Zuschauer legt.

DELIVERANCE ist ein immens dichter Film, bei dem es deshalb ungemein schwierig ist, einen Anfang zu finden, von dem aus man ihn interpretatorisch aufdröseln könnte. Stadt vs. Land, Zivilisation vs. Wildnis, Ratio vs. Natur, Mann vs. Memme: Das sind die Gegensatzpaare, aus deren Gegenüberstellung DELIVERANCE seine Dynamik entwickelt, die dann aber im sprichwörtlichen Strudel der Ereignisse bald gar nicht mehr so klar voneinander zu trennen sind, sich vielmehr immer wieder im anderen spiegeln und brechen, sich kommentieren und substituieren. Alles ist eins, aber niemals dasselbe. Wie im berühmten Aphorismus von dem Fluss, den man nie zweimal an derselben Stelle durchqueren kann, verwandelt sich DELIVERANCE stetig, ohne dabei jedoch seine Identität zu wechseln: Er beginnt als (ich sage das in Ermangelung eines besseren Ausdrucks:) Ökothriller, der den Eingriff des Menschen in die Natur thematisiert, mündet in den Frontier-Horror, der den zivilisierten und arroganten Städter mit dem ins Hinterland verdrängten Redneck konfrontiert, bei dem andere Gesetze herrschen, verwandelt sich schließlich in einen Paranoia-Thriller, der die vermeintlich überlegene Perspektive der Protagonisten schonungslos in Frage stellt, bevor er dann zu einer ins Surreale übersteigerten Reflexion über Schuld und Sühne des Zivilisationsmenschen mutiert. Aus einem Film mit einem ganz konkreten zeitlichen wie geografischen Rahmen wird so ein Film, dessen Erkenntnisse universelle Gültigkeit haben.  

Boorman koppelt diesen Wandel an den Verlauf des Flusses: Die ruhigen Passagen zu Beginn wiegen sowohl die Charaktere wie auch den Zuschauer in Sicherheit, ermöglichen einen guten Überblick, bevor die immer rasantere Abfolge von Stromschnellen und Hindernissen, die mit den emotionalen Verwerfungen einhergeht, diesen völlig zerstört. Das Ganze gipfelt in einer amerikanischen Nacht, die in ihren farblichen Verzerrungen eine fast Fiebertraum-artige Qualität annimmt und andeutet, wohin die Reise der vier Männer eigentlich von Anfang an ging: in den Wahnsinn (damit natürlich an das Flussmotiv aus Joseph Conrads Novelle „Heart of Darkness“ anknüpfend).

Mehr will ich eigentlich gar nicht sagen: Erstens, weil man DELIVERANCE sowieso am besten versteht, wenn man ihn sieht, also sich sinnlich ganz bewusst auf ihn einlässt, ihn auf sich wirken lässt, zweitens, weil es dem Diskurs über ihn kaum noch etwas hinzuzufügen gibt. Für den Horrorfilm im allerweitesten Sinne ist seine Bedeutung kaum zu überschätzen und ich würde frech vermuten, dass Tobe Hooper sich ganz genau angeschaut hat, wie Boorman jede Sekunde von DELIVERANCE mit düsteren Prophezeiungen über den weiteren Hergang aufgeladen hat: In dieser Hinsicht ist ihm THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE jedenfalls sehr ähnlich.

Weil das Wedersehen mit DELIVERANCE so „schön“ war und der Backwood-Film sowieso zu meinen Leib- und Magenthemen zählt, mache ich ab sofort eine kleine Backwood-Reihe, deren Sichtungen hier natürlich akribisch protokolliert werden. Ich schätze, DELIVERANCE wird in diesen Texten noch das ein oder andere Mal Erwähnung finden.

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Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Mann, das freut mich ja, dass Du den so schön für Dich wiederentdeckt hast. Bei einer Sichtung war mir auch der Ehering aufgefallen, den der von Ed Gentry Getötete am Finger hat. Der entkommene Vergewaltiger trug keinen. Die Übertragung der Paranoia auf den Zuschauer ist wirklich phänomenal.

    Mit POINT BLANK, DIE HÖLLE SIND WIR, ZARDOZ, EXCALIBUR und diesem hier hat Boorman hervorragende Werke des modernen angelsächsischen Kinos inszeniert. Schade, dass er sich von seinem Karriereknick nie richtig erholt hat.

  2. Marcos sagt:

    P.S.: Was für Backwoodfilme schweben Dir denn so vor?

  3. Oliver sagt:

    Der Ehering hat ja noch eine andere Funktion: Er vermenschlicht stellvertretend die „Waldbevölkerung“, die von den vier Abenteuerern bis dahin ja nur noch als entpersonalisierte, tierhafte und daher tötungswerte Schar wahrgenommen wurde. Plötzlich wird wieder klar: Das sind Menschen mit Familien, Individuen.

    Welche Backwoodfilme ich mir anschaue, habe ich noch nicht so abschließend festgelegt. Den Anfang machen der schon verarbeitete BACKWOODS, dann Andrew Davis‘ FINAL TERROR und der mir noch unbekannte THE FOREST, weil ich die gerade neu habe. Mal sehen, welche Titel ich noch nachschiebe. Sehr wahrscheinlich ist mein Liebling JUST BEFORE DAWN wieder dabei, aber auch ein Wiedersehen mit dem TEXAS CHAIN SAW MASSACRE ist eigentlich mal wieder fällig. Der würde ja durchaus auch reinpassen.

  4. Wunderbar, ich bin ebenso großer Backwood-Fan. FINAL TERROR liebe ich für seine wirklich umwerfende Atmosphäre, die sich aus den vielen vor allem am Tage spielenden Waldszenen ergibt, während JUST BEFORE DAWN alle erdenklichen Spielarten innerhalb eines solchen Settings (aus)nutzt. Beides wunderbare Filme und zweifellos Highlights des „hinterwäldlerischen“ Kinos.

    DELIVERANCE sehe ich weniger euphorisch als du (wenn auch immer noch sehr gut), denn ich habe – wie du dir vielleicht denken kannst – mit dem Film einige Probleme, besonders hinsichtlich der Vergewaltigungsszene. Ich mochte den durchaus artverwandten, weniger „archaischen“ SOUTHERN COMFORT lieber.

  5. Oliver sagt:

    @ Mr. VV

    Ach ja, SOUTHERN COMFORT, danke für die Anregung, den hatte ich völlig vergessen.

  6. […] Backwood-Reihe eher in loser Beziehung zum Subgenre standen, steht TRAPPED eindeutig in der von DELIVERANCE begründeten Tradition. Schon zu Beginn wird das den Backwood-Film bestimmende Thema angelegt: die […]

  7. […] außerweltlichen Atmosphäre, die den Film dann durchaus in die Nähe des großen Vorbilds DELIVERANCE rückt und in seinen beinahe psychedelischen Anwandlungen sogar Assoziationen zu Weirs PICNIC AT […]

  8. […] noch halb so harmlos erscheint wie er wohl ursprünglich gedacht war. Wie ich in meinem Text zu DELIVERANCE schon schrieb, werden im Backwood-Film eigentlich immer wieder dieselben Situationen und Motive […]

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