the longest day (ken annakin, andrew marton, bernhard wicki, usa 1962)

Veröffentlicht: April 26, 2013 in Film
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Der Trend, dem später BATTLE OF BRITAIN und TORA! TORA! TORA!, aber auch etwa Richard Attenboroughs A BRIDGE TOO FAR folgen sollten, wurde von dieser Mammutproduktion der 20th Century Fox unter der Ägide von Darryl F. Zanuck gestartet: Film als episodisches Abbild von Geschichte. Nicht Interpretation, Überhöhung, Verdichtung und Fiktionalisierung, sondern tatsächlich möglichst akribische, originalgetreue Wiederholung realer Ereignisse. Der materielle Aufwand, der für THE LONGEST DAY zu diesem Zweck betrieben wurde, war enorm: Darryl F. Zanuck „befehligte“ mehr Männer als jeder General, der am D-Day beteiligt war. Mit einem Budget von 10 Millionen Dollar war THE LONGEST DAY bis zum Erscheinen von Spielbergs SCHINDLER’S LIST der teuerste (und auch erfolgreichste) Schwarzweißfilm. Drei Regisseure – ein Amerikaner, ein Brite und ein Deutscher – wurden engagiert, um ein möglichst objektives Bild der Ereignisse zu liefern. Deutsche, Engländer, Amerikaner und Franzosen wurden von deutschen, englischen, amerikanischen und französischen Schauspielern verkörpert, die in ihrer jeweiligen Landessprache sprachen. Das Staraufgebot macht einen bei Betrachtung ganz schwindlig, zumal etliche der auftretenden Superstars kaum mehr als ausgedehnte Cameos absolvieren. Den dramaturgischen Rahmen des Films liefern jene 24 Stunden des 6. Juni 1944, an dem sich die Invasion der Alliierten in der Normandie ereignete, und diese 24 Stunden versucht der Film durch eine Vielzahl kleiner Episoden mit unterschiedlichsten „Hauptfiguren“ abzudecken, um ein möglichst umfassendes Bild zu liefern: Lieutenant Colonel John Vandervoort (John Wayne) bricht sich bei der Landung mit dem Fallschirm den Fuß und wird von seinen Männern fortan mit einem Karren herumgefahren. Private John Steele (Red Buttons) bleibt mit dem Fallschirm an einem Kirchturm hängen und muss mitansehen, wie seine Kameraden unter ihm erschossen werden. Brigadier General Norman Cota (Robert Mitchum) und Colonel Thompson (Eddie Albert) versuchen fieberhaft, dem Beschuss am Omaha Beach zu entkommen und die Invasion ins Landesinnere zu tragen. Brigadier General Theodore Roosevelt jr. (Henry Fonda) besteht trotz seines berühmten Namens darauf, seine Männer seinem militärischen Rang angemessen in die Schlacht zu führen. Private Martini (Sal Mineo) bezahlt einen dummen Irrtum mit seinem Leben. Flying Officer David Campbell (Richard Burton) genießt schwer verwundet eine Zigarette. Günther Blumentritt (Curd Jürgens) blickt der Niederlage resigniert ins Auge, weil der Führer sich nicht aus dem Mittagsschlaf wecken lassen will. Major Werner Pluskat (Hans Christian Blech) sieht, wie sich die gigantische Armada der Alliierten aus dem Morgennebel schält, hat aber einen ungläubigen Oberstleutnant Ocker (Peter van Eyck) am Apparat. Oberst Josef Priller (Heinz Reincke) ist einer von zwei in der Normandie verbliebenen Piloten, der nun mit seinem Kollegen einen einzigen verzweifelten Angriff auf die Invasionsstreitkräfte fliegen muss. Eine Gruppe von Nonnen marschiert unbeirrt mitten durch ein tobendes Gefecht, um sich um ein paar Verletzte zu kümmern. Und ein altes französisches Ehepaar feiert fähnchenschwenkend die Ankunft der Befreier, obwohl unter deren Geschützfeuer auch das eigene kleine Häuschen dem Erdboden gleichgemacht wird.

THE LONGEST DAY liefert so einerseits einen recht  detaillierten Einblick in die Geschehnisse jenes Tages: Anders als in BATTLE OF BRITAIN wird die menschliche Seite des Konflikts nicht ausgespart. Bei aller Kürze, in der die einzelnen Figuren abgehandelt werden, sind ihre Episoden prägnant genug, um sie lebendig werden zu lassen. Jeder einzelne ist mehr als eine Nummer, mehr als ein Körper, der bloß als Material in die Schlacht geworfen wird. THE LONGEST DAY ist menschlicher als Guy Hamiltons Film. Dann sind da der immense technische Aufwand, der betrieben wurde, um eine Ahnung von der Dimension zu vermitteln (aber wohl auch, um die eigene finanzielle Potenz zu feiern) und die fantastische Fotografie: Vor allem die zahlreichen Totalen und Plansequenzen sind überwältigend. Man erhält einen Eindruck davon, wie sich die Gefechte abgespielt haben könnten, oder allgemeiner, wie Krieg generell wohl aussehen mag. Andererseits kann man den Grad der Authentizität des Films aus der zeitlichen und räumlichen Distanz kaum angemessen beurteilen. Es kursiert die Geschichte, dass Präsident Dwight D. Eisenhower die Vorführung des Films vorzeitig verlassen habe, verärgert über die historische Ungenauigkeit des Gezeigten. Nun ist diese Genauigkeit eigentlich kein zwingendes Kriterium zur Bewertung eines Films, aber wenn der unter der Vorgabe inszeniert wurde, ein möglichst genaues Abbild der realen Vorgänge zu liefern, sieht das natürlich anders aus. Aber wie gesagt, ich kann das nicht beurteilen und es interessiert mich auch nicht besonders, ob die richtigen Waffen zum Einsatz kamen, dieser oder jener Akteur den falschen Helm aufhat, die Invasion eigentlich 500 Meter weiter rechts hätte stattfinden müssen. Das ist nicht das, worum es mir bei Film geht. Was mir, der sich für Militärgeschichte also rein gar nicht interessiert, aber wirklich etwas sauer aufgestoßen ist, ist eben dieses erwähnte Streben des Films nach Neutralität. So lobenswert es auch ist, dass die Vertreter des nationalsozialistischen Deutschlands nicht als augenrollende Dämonen gezeichnet werden, wie es in vielen anderen Kriegsfilmen der Fall ist (das berühmte „Heil Hitler!“ fällt tatsächlich kein einziges Mal, man sieht es lediglich einmal an eine Häuserwand gekritzelt), mutet der ökumenische Ansatz des Filmes doch kaum weniger merkwürdig an. Der Zweite Weltkrieg, wie er in THE LONGEST DAY dargestellt wird, war eine fast sportliche Angelegenheit von Menschen, die doch alle nichts Böses wollten. Und um diesem großen Sandkastenspiel ein Denkmal zu setzen, vereinen sich die Gegner von einst nun noch einmal und spielen alles für ein neugieriges Publikum vor einer Kamera nach. Man muss niemandem der Beteiligten unbedingt den ideologischen Knüppel zwischen die Beine werfen, aber irgendwie ist es schon befremdlich, dass man nur 15 Jahre nach dem Ende des Kriegs das Bedürfnis hatte, einen Film zu drehen, der den Horror jenes Tages mit der Abgeklärtheit und Distanz eines Mannes ins Bild setzt, der im Keller seine Modelleisenbahnen zusammenprallen lässt. In der ganzen Akribie und Megalomanie, mit der Zanuck die Landung in der Normandie nachzeichnet, kommt eine sachliche Bewunderung zum Ausdruck, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt, je länger ich darüber nachdenke. Und ich glaube, es ist falsch, Krieg so dazustellen, völlig befreit von Emotionen und, ja, natürlich auch: Hass. Auch wenn die Feststellung, dass unter den Nationalsozialisten nicht jeder ein hitlerverehrendes Monster war, sicherlich richtig ist, und mancher Soldat der Alliierten den Einsatz ganz professionell gesehen haben mag, so glaube ich nicht, dass die Neutralität des Films repräsentativ für das ist, was Tausende der Beteiligten gedacht und gefühlt haben mögen. Inmitten des um sie herum tobenden Irrsinns rastet keiner aus, bricht keine schreiend zusammen, rennt keiner einfach weg. So kann das nicht gewesen sein.

Kommentare
  1. david sagt:

    Das sind einige höchst interessante Einschätzungen: Dieses Streben nach Authentizität, nach Objektivität, nach Neutralität ist etwas, was sowohl beim Filmemachen wie auch bei Geschichtsschreibung (noch mehr aber, wenn beide aufeinander treffen) sich als höchst problematisch erweist. Denn diese Elemente können in Film (und in der Geschichtsschreibung) nicht existieren, sondern nur vorgetäuscht werden. Objektivität vorzutäuschen, ist eben auch eine Art, eine Position einzunehmen, wenngleich im schlimmsten Fall eine sehr arrogante und hinterlistige – da implizit den bewusst subjektiven Meinungsmachern Minderwertigkeit attestiert wird. Ich will nicht unbedingt eine geradlinige direkte Linie ziehen von THE LONGEST DAY zu heutigen deutschen Zweiter-Weltkrieg-TV-Schmonzetten („Historienstadl mit Massenmördern“), aber gerade letztere scheinen immer wieder in ihrer ganzen „apolitischen“ „Objektivität“ und „Authentizität“ bewusst (als Programm) oder unbewusst (vielleicht aus Unfähigkeit oder Unbedarftheit) geschichtspolitische Aussagen zu treffen. Siehe etwa den Streit um die Darstellung der polnischen Heimatarmee in UNSERE MÜTTER UNSERE VÄTER.
    Insofern bietet dein Text eine schöne Anregung, THE LONGEST DAY, wenn er nächstes Mal im Fernsehen kommt (also wahrscheinlich am 6. Juni) unter gerade diesen Aspekten neu zu sehen. Vielleicht gerade in der ruhigen und fast meditativen Szene mit Richard Burton wird der sonst abwesende Irrsinn des Krieges deutlich: so unfassbar seelenruhig erzählt er rauchend, wie er mit Sicherheitsnadeln die aufgeschlitztes Bein wieder geschlossen hat und darauf hofft, dass der Sanitäter nicht zu spät mit dem neuen Schuss Sedativum wiederkehrt. Einer der Highlights des Films!
    Andrew Marton, der US-Regisseur, drehte interessanterweise nicht einmal zwei Jahre später mit THE THIN RED LINE einen Kriegsfilm, in dem alle Emotionen und all der Irrsinn, der in THE LONGEST DAY fehlt, um so verdichteter dargestellt werden: kreischende Soldaten, Panikattacken, Tobsuchtsanfälle, Mobbing, wild feiernde Soldaten (inklusive entsprechendem Alkoholgenuss und Transvestismus), Halluzinationen, suizidale Umnachtungen, sexuelle Erregung im Angesicht der Kriegsgewalt und hysterische Nervenzusammenbrüche – hier sind sie zu finden.

    • Oliver sagt:

      Man muss THE LONGEST DAY zugutehalten, dass ihm in seiner Sammlung kleiner Eindrücke zumindest partiell das gelingt, wogegen er sich in seinem Gesamtentwurf sträubt. Ich denke da neben der von dir umrissenen Szene an den am Kirchturm hängenden Red Buttons, der mitansehen muss, wie seine Kamerade zu seinen Füßen abgeschlachtet werden, während er in seiner eigentlich misslichen Lage der Glückliche ist. Oder auch jenen kurzen Moment, in dem John Wayne nach der Eroberung von Saint-Mère-Église befiehlt, dass man die Leichen von den Laternenmasten abnehmen möge. Das Problem ist, dass der Film insgesamt zu ausgewogen scheint. Er ist zu rund, um ihn als Porträt des Krieges akzeptieren zu können. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass Antikriegsfilme – „Kriegsfilme“ gibt es ja eigentlich gar nicht mehr – heute einem bestimmten Schema folgen und manche Aussage zum Thema tabu ist. Will sagen: Wir sind in den letzten 30 bis 40 Jahren von einer gänzlich anderen Darstellung von Krieg geprägt. Und THE LONGEST DAY passt da nur noch bedingt rein.

  2. Der Gegenentwurf zur distanzierten Erzählweise, die Du hier kritisierst, dürfte BEACH RED von Cornel Wilde sein. Den kenne ich zwar nicht, aber er wird hier recht eindrucksvoll beschrieben.

    Andrew Marton war übrigens (wie Cornel Wilde) geborener Ungar, und er arbeitete in Deutschland und Österreich, bevor er sich in den USA niederließ. Und Gerd Oswald, der auch irgendwas bei THE LONGEST DAY inszenierte (ohne Credits), kam aus Deutschland. Wir haben also eigentlich vier europäische Regisseure, mit dem Amerikaner Zanuck als Chef.

    • Oliver sagt:

      Auch ohne das Wissen um die wirkliche Herkunft Martons lässt sich die Masche, „Objektivität“ quasi durch Quote zu erzielen, die sich Zanuck zu eigen machte, ja recht leicht durchschauen. Bei allen Regisseuren handelt es sich um „Sockenpuppen“, wie wenig von Wicki im Film steckt, bemerkt man ja im Vergleich zu seinem wunderbaren DIE BRÜCKE. Er hat sich hier wirklich auf das reine Abfilmen beschränkt. Englische und amerikanische Szenen lassen sich ebenfalls kaum unterschieden, zumal sie sich schon in ihrer Tendenz nicht voneinander abheben. Eine französische Perspektive wäre interessant gewesen, ist aber entfallen. Jede Individualität des Blicks wird durch das Konzept des Films schon unterwandert. Ich fand THE LONGEST DAY für sich genommen und als Monumentalfilm betrachtet durchaus gelungen, aber TORA! TORA TORA! vollzieht die Collage verschiedener Perspektiven mit größerem Erfolg: Die japanischen Sequenzen unterscheiden sich in Stimmung, Form und Haltung tatsächlich massiv von den amerikanischen.

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