the informer (john ford, usa 1935)

Veröffentlicht: Juli 13, 2016 in Film
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the_informer-596297532-largeMit THE INFORMER nähere ich mich nach 27 gesehenen Filmen Fords langsam, aber sicher seiner großen Phase an. Bei der schieren Menge großer, epochemachender Werke ist es eigentlich ziemlich sinnlos, noch die Allergrößten unter den eh schon Großen hervorzuheben. JUDGE PRIEST, THE LOST PATROL, DOCTOR BULL, PILGRIMAGE, AIR MAIL, ARROWSMITH, UP THE RIVER: Das waren alles für sich genommen Masterpieces, von den früheren FOUR SONS, UPSTREAM, 3 BAD MEN oder THE IRON HORSE mal ganz abgesehen. Aber ich meine trotzdem, dass Ford mit THE INFORMER noch einmal einen Sprung gemacht hat. Nach THE IRON HORSE handelt es sich dabei vielleicht um den ersten Film von ihm, der über den Kreis von Spezialisten und Ford-Enthusiasten hinaus als wirklich filmhistorisch bedeutsam angesehen wird, dem der Status eines großen, wegweisenden amerikanischen Klassikers zukommt. Wie der bedeutende Filmhistoriker Theodore Huff in den Fünfzigerjahren schrieb: “ Nearly every list of ten best pictures of all time contains it. Many consider it the greatest American talking picture ever made. It is as much a landmark in the history of sound film as THE BIRTH OF A NATION is in the silent era.“

Laut Wikipedia gilt THE INFORMER als einer von Fords „most widely referenced films“ und er sahnte bei den Academy Awards mächtig ab. Er war in sechs Kategorien nominiert und gewann immerhin vier der begehrten Trophäen: Best Director, Best Actor (Victor McLaglen), Best Writing/Screenplay (Dudley Nichols) und Best Score (Max Steiner). Ford selbst schätzte den Film interessanterweise gar nicht so hoch ein, für ihn war er zu eintönig in seiner Stimmung und zu wenig humorvoll, wie er gegenüber Bogdanovich behauptete. Möglicherweise war dieser visuell stark von Murnau und Lang inspirierte also nicht so sehr Anfang und Aufbruch, wie sein Status suggeriert, sondern eher das Ende einer Entwicklungsphase. Auch Ford-Forscher Tag Gallagher kommt zu diesem Schluss: „And today the very qualities that won THE INFORMER its place as an official film classic seem even antithetical to Ford’s virtues. Its single sustained mood, its heavy shadows and muffled sounds, its pedantic, heavy, slow tempo in acting and cutting […] all these qualities delighted thirties critics, most of whom failed to recall the waves of murky expressionism of the twenties and thirties.“ Wenn man, wie ich, Gallaghers Absatz zu THE INFORMER nach der euphorischen Erstbetrachtung liest, ist man fast ein wenig ernüchtert oder fühlt sich etwas dumm, dass man ausgerechnet von diesem angeblich so un-Ford’schen Film so begeistert ist.

Aber ganz egal, wie man selbst die Frage nach dem künstlerischen Stellenwert von THE INFORMER im Werk des Meisters beantworten mag, es bleibt ein großer, beeindruckender, vor allem bewegender Film. Victor McLaglen, ein Kerl wie ein Baum, den man bei seinen vorangegangenen Auftritten bei Ford eher als Typen denn als Schauspieler wahrgenommen hat, trägt die Rolle des jämmerlichen Verräters Gypo Nolan – und eigentlich den ganzen Film – auf seinen breiten Schultern und liefert ein frühes, beeindruckendes Vorbild für all die großen Verliererporträts, nach denen sich Schauspieler für gewöhnlich die Finger lecken. Die Erblinie von Gypo Nolan führt direkt zu De Niros Travis Bickle. McLaglens Verräter ist eine traurige Figur, ein Opfer der Umstände, der eigenen Schwäche und dann auch seiner Ehrlichkeit. Im von Bürgerkrieg, Hungersnot und Armut geplagten Dublin lockt ein Plakat mit der Überfahrt ins goldene Amerika – für eigentlich unerreichbare 20 Pfund. Doch 20 Pfund sind auch auf die Ergreifung von Gypos altem Freund und IRA-Kamerad Frankie McPhillip (Wallace Ford) ausgesetzt und das Angebot macht Gypo schwach. Er verrät den Freund, der von der Polizei gestellt und erschossen wird, und taumelt im Folgenden zunehmend betrunkener durch die Straßen, das Geld, das ihm und seiner Freundin Mary (Heather Angel) eigentlich eine bessere Zukunft erkaufen sollte, wild verprassend, förmlich um Bestrafung und Sühne für den Frevel bettelnd.

McLaglens Darbietung ist nichts weniger als herzzerreißend: Wie er in einem Moment des Egoismus – den er vor sich als männliche Tatkraft rechtfertigt – den Freund verrät, es sofort bereut und von Gewissensbissen geplagt wird (in Form eines Blinden und des Wanted-Posters mit dem Antlitz des nun toten Freundes), ganz „Mann“, der er gar nicht ist, versucht, über seine Unsicherheit hinwegzutäuschen, aber eigentlich jede Gelegenheit ergreift, sich selbst als Schuldigen zu entblößen, das ist bitter und schmerzhaft anzuschauen. Man leidet mit diesem armen Tropf, der einfach etwas zu einfältig ist, um die Situation und die Umstände zu durchschauen, ein guter Kerl, der genau eine Entscheidung in seinem Leben getroffen hat – und zwar die falsche. Frankie erinnert ihn bei ihrem Treffen noch daran, dass er immer der Kopf für Gypo war, ihm immer aus der Patsche helfen musste, in die der sich mit seinem Übereifer und seiner Impulsivität hineinmamövriert hatte, aber Gypo versteht es nicht, er hört ihn nicht. Und als er Frankie dann verrät, ihn für 20 Pfund verkauft, da ist es eben, als schlüge er sich eben genau diesen Kopf selbst ab. Sein Schicksal ist vorgezeichnet ab diesem Moment, es kann keine Rettung mehr für ihn geben. Nur noch die Vergebung von Frankies Mutter.

Neben dem beeindruckenden Charakterporträt und der düsteren Moritat – THE INFORMER spielt in einer einzigen nebelverhangenen Nacht – handelt Fords Film natürlich auch davon, was der Bürgerkrieg aus den Menschen macht. Wie er Brüder zu Verrätern werden lässt, die Not der Schwachen ausnutzt, um sie zu willigen Vollstreckern zu formen. Der herablassende, Abscheu zeigende Blick des Beamten, der Gypo die Belohnung für den Hinweis zur Ergreifung Frankies auszahlt, spricht Bände: Gypo hat nicht etwa die Seiten gewechselt. Er hat sich ganz aus der menschlichen Gemeinschaft verabschiedet. Er ist nur noch ein Geist.

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