Mit ‘Michael Douglas’ getaggte Beiträge

Für THE STAR CHAMBER verquickt Peter Hyams den zu Beginn der Achtzigerjahre und angesichts steigender Kriminalitätsraten immer noch nicht aus der Mode gekommenen Selbstjustizfilm mit dem Polit- und Verschwörungsthriller der Siebzigerjahre. Wie das bei Hyams meistens so ist, hat man am Ende zwar das Gefühl, dass man aus dem Stoff inhaltlich noch eine ganze Menge mehr hätte herausziehen können, dafür bekommt man aber ein Werk, das absolut fantastisch aussieht und so rund läuft wie eine gut geölte, schnurrende Maschine.

Der Richter Steven Hardin (Michael Douglas) ist verzweifelt: Wegen Formfehlern muss er zunächst einen mehrfachen Raubmörder, dann schließlich zwei Päderasten und Kindermörder ziehen lassen. Wo ist nur die Unfehlbarkeit des Rechts, in die er sich während seines Studiums so verliebt hatte? Sein Mentor Benjamin Caulfield (Hal Holbrook) kennt die Lösung: Er ist Angehöriger einer Gruppe von Richtern, die all die Fälle nicht verurteilter Krimineller neu verhandelt, zum Schuldspruch kommt und die Strafe auf dem Fuße nachreicht – in Form eines Killers. Auch Hardin wird in den Kreis eingeführt und darf die beiden Kindermörder nachträglich zum Tode verurteilen. Doch dann stellt sich heraus, dass die beiden die Tat nicht begangen haben können …

Hyams hat in THE STAR CHAMBER viel zu erzählen: Er führt seinen Protagonisten geduldig auf den Moment hin, in dem Caulfield ihn für die Aufnahme in seinen Vigilantenbund geeignet hält. In der ersten Hälfte geht es also um die Fehlbarkeit der Rechtssprechung, die Formfehler, die die Polizei bei der Beweiserhebung macht und die Hardin keine andere Wahl lassen, als die Verbrecher – teilweise trotz vorliegender Geständnisse – auf freien Fuß zu setzen. Ironischerweise eine Situation, mit der außer den überraschen Freigesprochenen keiner glücklich ist, nicht einmal deren Verteidiger, die ja auch nicht blind sind. Aber das Gesetz fordert absolute Regeltreue. Die zunehmende Frustration Hardins, der öffentlich als verantwortlich dafür gesehen wird, gewissenlose Killer auf freien Fuß zu setzen, kulminiert, als der Vater des ermordeten Jungens im Gerichtssaal zur Waffe greift, um die Mörder selbst zu richten. Wo eigentlich Ordnung und Gerechtigkeit herrschen sollten, ist das absolute Chaos ausgebrochen.

Die „Star Chamber“ (im Film fällt dieser Begriff kein einziges Mal) verspricht Abhilfe, aber der Zuschauer weiß natürlich sofort, was er von dem geheimniskrämerischen Treiben zu halten hat – genauso wie Hardin übrigens, dessen Teilnahme eigentlich von Anfang an ein Eingeständnis seiner Hilflosigkeit ist. Die echte Überzeugung will sich bei ihm nicht einstellen. Zu Recht: Wenn sich da die Richter – allesamt dem gehobenen Mittelstand angehörige, distinguierte ältere Damen und Herren – in einem mondän eingerichteten Kaminzimmer versammeln, um Todesurteile zu verhängen, hat das nicht nur etwas Geheimbündlerisch-Verschwörerisches: Hier wird Rechtstaatlichkeit nicht gerettet, sondern aus dem Weg geräumt. Es ist schon bezeichnend, dass die Rache der Richter ausschließlich Menschen aus den unteren Schichten trifft. Der Umschwung lässt dann auch nicht allzu lang auf sich warten und stellt keinen echten Sinneswandel dar: Natürlich kommt Hardin mit seinem Appell an die Menschlichkeit bei den Überzeugungstätern nicht weiter. Der Stein, der einmal ins Rollen gebracht wurde, lässt sich nicht aufhalten und wo gehobelt wird, fallen bekanntlich Späne. Besser einen Unschuldigen über die Klinge springen lassen, als zehn Schuldigen aufgrund von Formfehlern die Freiheit zu gewähren. Für die Dramaturgie von THE STAR CHAMBER ist Hardins Humanismus und der Glaube an eine Rechtstaatlichkeit, die diesen Begriff wirklich verdient, ein Problem: Die Freude an der einfachen Lösung, die andere Vigilanten antreibt, kennt er nicht. Der Richter sieht nicht rot, wie es der deutsche Titel suggeriert, sein Blick ist nur kurzzeitig etwas eingetrübt.

Hyams selbst löst das Problem, indem er den Film in einen Showdown münden lässt, der die Ambivalenz des Selbstjustizfilms bewahrt, welche ihm sein Protagonist verweigert. Die beiden „Unschuldigen“, die Hardin vor dem Killer bewahren will, sind beileibe keine Unschuldslämmer. Man kann nicht behaupten, dass die Rache der „Star Chamber“ wirklich die Falschen getroffen hätte. Aber bei der Rechtsprechung, die Hardin vertritt, geht es eben nicht um eine alttestamentarische Strafe, mit der Amoral sanktioniert werden soll. Es geht um die Frage nach Täterschaft in ganz konkreten Fällen. Auch das größte Dreckschwein muss den Freispruch bekommen, wenn es einer Tat bezichtigt wird, die es nicht begangen hat. Am Ende führt Hardin den Cop Lowes (Yaphet Kotto) zum Gerichtssaal der Star Chamber: Er wird wohl die richtige Entscheidung treffen.

cool-ant-man-posterMit meinem guten Freund Frank, einem großen Comic-Fan und -Kenner, diskutiere ich regelmäßig über die Filme des sogenannten MCU, des „Marvel Cinematic Universe“. Während bei mir mittlerweile doch die Ernüchterung überwiegt angesichts von Filmen, die meines Erachtens eher die Funktion von Werbung und Teasern für weitere Filme oder Merchandising übernehmen, anstatt für sich selbst zu stehen, die mir zu sehr auf Nummer sicher gehen und Individualität vermissen lassen, überwiegt bei ihm immer noch die Freude darüber, dass ein seit der Kindheit gehegter Traum endlich Wahrheit geworden ist: die aus den bunten Heftchen bekannten Figuren in fett produzierten Blockbustern zu sehen, die das in Dutzenden parallel laufender Storys aufgebaute Universum in bewegten Bildern auf der Leinwand entstehen lassen. Nachdem wir unsere Sichtweisen lang und breit dargelegt haben, kommen wir meist an den Punkt, an dem wir feststellen müssen, dass es keine echte Einigung zwischen uns geben kann. Nur eines ist gewiss: Beim nächsten Film sind wir beide wieder dabei. (Ich hoffe, ich habe Franks Haltung an dieser Stelle einigermaßen treffend dargelegt.)

Dabei könnte zumindest aus meiner Sicht alles so einfach sein, nämlich wenn die Marvel-Schmiede weniger konfuse Klötze der Marke AVENGERS: AGE OF ULTRON produzierte, die vor lauter Kraft und dem Bemühen, alles für jeden zu sein, kaum laufen können, und stattdessen mehr vom Schlage des ANT-MAN, der den Trivialcharakter seiner Vorbilder wunderbar einfängt, sich nicht so bierernst nimmt und ermüdenden Bombast durch visuellen Einfallsreichtum ersetzt. Vielleicht hatte Peyton Reed, der zuvor lediglich mit einigen RomComs in Erscheinung getreten war, das Glück, das Leinwanddebüt eines Helden vor der Brust zu haben, der mit weitaus weniger kulturhistorischem Ballast beladen ist als Spider-Man, Captain America, Hulk, Thor oder Iron Man. Zwar debütierte die Figur auch schon in den frühen Sechzigerjahren und wurde wenig später Mitglied der Avengers, doch Ant-Man hatte weder eine eigene Heftreihe noch kam er jemals an die Popularität anderer Marvel-Ikonen heran. Die Erwartungshaltung des Publikums war mithin eine ganz andere als bei den vorangegangenen Filmen und wahrscheinlich konnte auch das Studio etwas entspannter an ANT-MAN herantreten: Ein Flop wäre angesichts des 130-Millionen-Dollar-Budgets immer noch schmerzhaft gewesen, hätte aber immerhin nicht das Fundament, den Kern des MCU angegriffen. Das merkt man dem Film in jeder Sekunde an: Er ist witziger, lebendiger, aber auch wärmer und, soweit man sowas über einen solchen Eventfilm sagen kann, experimentierfreudiger als andere Marvel-Verfilmungen, hat einen eigenen Stil (ohne gänzlich aus der Rolle zu fallen) und ist außerdem sehr viel runder als die letzten Großereignisse.

Was zunächst eine reichlich bescheuerte Idee zu sein schien – Ein Film über einen Mann, dessen Superkraft es ist, sich auf Ameisengröße zu schrumpfen? Really? -, entpuppt sich als Grundlage für eine effektreiche Achterbahnfahrt mit erstaunlich kreativen Einfällen, sei es die Konfrontation mit plötzlich riesenhaften Alltagsgegenständen, das explosionsartige Hin-und-Her des Helden Scott (Paul Rudd) zwischen seiner normalen Größe und seinem Schrumpfstadium oder natürlich die Kooperation mit dem intelligenten Ameisensstaat, der ihm zur Seite steht. Paul Rudd ist als Held wider Willen eine deutlich bodenständigere Identifikationsfigur als die anderen Marvel-Superdudes und teilt den Sense of Wonder des Zuschauers, erdet den Film gewissermaßen in der Realität von uns Normalsterblichen, macht ihn menschlicher, weniger technokratisch und martialisch. Trotzdem gelingt ANT-MAN als erstem Marvel-Film endlich etwas, was in den Vorzeigeproduktionen entgegen aller Bemühungen nicht funktionieren wollte, auch wenn das stets angestrebt worden war: Im kurzen Kampf Ant-Mans gegen den Avenger Falcon (Anthony Mackie) zeigt sich zum allerersten Mal auch auf der Leinwand diese Crossover-Charakteristik der Comics, in denen in schöner Regelmäßigkeit Figuren aus benachbarten Serien für drei eher unerhebliche Panels vorbeischauten, um den Leser daran zu erinnern, welche Heftreihe er auch noch kaufen könnte. Natürlich soll hier auch die Aufnahme Scotts in die Riege der Avengers vorbereitet werden, aber zunächst mal ist da nur dieser kurze, hingeworfene, höchst selbstzweckhafte Fight, der mehr als die Überkreuzung epischer, überkandidelter Handlungsstränge das Gefühl einer offenen, lebendigen Welt erzeugt. Da vergisst man dann auch, dass ANT-MAN eine Geschichte erzählt, die man mittlerweile schon  in- und auswendig kennt. Es spielt keine Rolle, denn wichtiger als das Was ist tatsächlich das Wie. Schön, dass diese Erkenntnis auch im Hause Marvel Einzug gehalten hat.

Oliver Stone war früher, während meiner Teenagerzeit und auch noch später, während meines Studiums, einer meiner absoluten Lieblingsregisseure, NATURAL BORN KILLERS ein Film, der die Art und Weise, wie ich Film wahrgenommen habe, komplett veränderte. In den letzten zehn, fünfzehn Jahren fand dann aber eine zunehmende Entfremdung statt: Stones aufklärerischer, pädagogisch-didaktischer Impetus stößt mir heute eher sauer auf. Oder vielmehr: Er langweilt mich ein bisschen. Ich finde, dass zahlreiche der schöpferischen Möglichkeiten, die Film bietet, ungenutzt bleiben, wenn man ihn lediglich als Vehikel zum Transport einer wie auch immer gearteten Botschaft begreift. Es gibt nicht viel Bewegungsmöglichkeit in Stones Filmen, keine Zwischenräume und kein Zwielicht, nur Ja und Nein, Zustimmung oder totalen Widerspruch. WALL STREET ist demzufolge der erste Film von Stone, den ich nach SAVAGES gesehen habe, dem ebenfalls schon eine langjährige Abstinenz vorausging, die bis ins Jahr 2009 zurückreicht, als mal wieder NIXON dran gewesen war. Und was soll ich sagen: Es war schön.

WALL STREET stammt aus einer Zeit, als Stone ja noch den „jungen Wilden“ zugerechnet werden konnte. Mit PLATOON hatte er eben erst seinen großen Durchbruch gefeiert und das Bild, das man von ihm und seinen Filmen hatte, war längst noch nicht so scharf konturiert, wie es dann wenige Jahre später der Fall sein sollte. Auch WALL STREET hat natürlich ein Thema, lässt keinen Zweifel daran, wo Stones Sympathien liegen, dennoch geht der Regisseur meines Erachtens deutlich spielerischer und entspannter mit seinem Sujet um, als man es einem Mann mit Mission gemeinhin zubilligt. Der Film ist spannend, witzig und schlagfertig und für jemanden mit einem derart ausgeprägten Achtzigerjahre-Fetisch, wie ich ihn habe, eine Offenbarung. Das Tempo, das Stone anschlägt, um eine erzählerische Entsprechung zur Hektik der Börsenwelt mit ihren im Sekundenrhythmus reinrauschenden Gewinn- und Verlustmeldungen, enthemmt durcheinander schreienden Brokern und klappernden Tastaturen zu finden, erinnert fast schon an Billy Wilder oder Howard Hawks. In deren Gesellschaft ist WALL STREET eh gut aufgehoben, wenngleich Stone sich von den beiden Genannten durch seinen ungebrochenen Idealismus abhebt: Bei ihm bekommt der böse Spekulant Gordon Gekko (Michael Douglas) am Ende sein Fett weg und der reuige Held Bud Fox (Charlie Sheen) muss immerhin Buße tun, um für seine Taten zu bezahlen.

Auch der Auftakt erinnert etwas an die überdrehten Screwball-Komödien der Dreißigerjahre: Sinatra trällert „Fly me to the Moon“ (OK, ol‘ blue eyes sang seine Lieber erst etwas später), während Impressionen des erwachenden Manhattans über die Leinwand flimmern. Doch statt des sentimental aufgeladenen Sepiatons alter Fotografien ist es ein Eighties-typischer Farbfilter, der alles in ein bronze glänzendes Braun taucht. Auch die Bilder der im Anzug auf die Straßen und in die Bürotürme eilenden Menschen sind nicht mehr von jener enthusiastischen Lebendigkeit geprägt, keine ermutigende Vision des Realität gewordenen amerikanischen Traums, sondern erinnern fatal an die Visionen Romeros, der in DAWN OF THE DEAD amerikanische Bürger zeigte, die als Zombies in einer ewig währdenden Simulation ihres vergangenen Alltags gefangen sind. Das „geschäftige Treiben“ hat in WALL STREET kannibalistische Züge angenommen und darum geht es ja dann auch: um das survival of the fittest an der Börse, das als „Überleben der Stärksten“ nur unzureichend übersetzt ist. Denn nicht  der stärkste gewinnt, sondern der gierigste, abgebrühteste, skrupelloseste, der, der Moral und abendländische Werte verwirft und nur noch dem Paradigma des Kapitals folgt, nach dem eben der im Recht ist, der am meisten hat.

Der Film ist auch ein Duell seiner beiden Hauptdarsteller. Michael Douglas legte hier den Grundstein für seine Karriere als Arschloch vom Dienst und spricht die grandiosen, geschliffenen Mono- und Dialoge von Oliver Stone mit gespaltener, aber rasender Zunge. Es macht Freude ihm zuzusehen, weil er sich vom Tempo des Films mitreißen lässt und es in seinen Szenen selbst noch forciert. Charlie Sheen hat den uninteressanteren Part als staunender Grünschnabel und die Freude an seiner Darbietung resultiert nicht zuletzt an der Kluft zwischen diesem „unschuldigen“ Jungerwachsenen von einst, der erst durch die Versuchung durch einen mephistophelischen Bösewicht abfällt, und dem Wissen um sein heutiges drogenfressendes, nuttenverschleißendes Ich. Diese klare Figurenkonstellation ist aber auch die Crux des Films: Stone sieht die Probleme nicht so sehr im Kapitalismus an sich, sondern erst im Missbrauch durch schurkische Brutalkapitalisten vom Schlage Gekkos. Während ein Lou Mannheim (Hal Holbrook) als Generator altersweiser, humanistischer Aphorismen den traditionsbewussten Kaufmann alter Schule verkörpert, zitiert Gekko die kriegsstrategischen Leitsätze Sun Tzus. Es schwingt schon auch ein bisschen Bewunderung für die Abgewichstheit der Gekkos dieser Welt mit. Aber das trägt ja eigentlich nur dazu bei, WALL STREET zu einem der quintessenziellen Filme der Achtzigerjahre zu machen.

Auch wenn ich es erst nach einiger Zeit gerafft habe: GHOSTS OF GIRLFRIENDS PAST macht natürlich schon im Titel keinen Hehl daraus, lediglich eine Paraphrase von Dickens‘ berühmter Weihnachtsgeschichte zu sein, die hier statt eines geizigen Misanthropen einen sexistischen Womanizer durch Geisterheimsuchung zur Läuterung treibt. Matthew McConaughey ist Connor Mead, erfolgreicher Celebrity- und Mode-Fotograf und notorisch polygam, seitdem er von seinem Onkel Wayne (Michael Douglas), einem hoffnungslosen Lebemann, in die Geheimnisse der Verführung eingeführt wurde und gelernt hatte, dass Liebe nur etwas für Schwächlinge und Träumer ist. Auf der Hochzeit seines Bruders Paul (Breckin Meyer) lässt Connor keinen Zweifel an seiner Verachtung für die Institution Ehe und die, die darauf hereinfallen, trifft aber auch Jenny Perrotti (Jennifer Garner) wieder, seine alte Sandkasten- und Jugendliebe, seine erste große Liebesenttäuschung und die einzige Frau, mit der er jemals eine feste Beziehung erwogen hatte. Nachdem er bei der künftigen Schwiegermutter (Anne Archer) seines Bruders abgeblitzt ist und eine der Brautjungfern klargemacht hat, erscheint ihm der Geist seines toten Onkels und offenbart ihm, dass ihm in der kommenden Nacht drei Geister erscheinen werden.

Der Weg ist von da an natürlich klar: Connor erkennt durch das Werk der Geister, die ihm einen Blick in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ermöglichen, dass es allein die Angst vor dem Verlassenwerden war, die ihn zum Womanizer machte, er in Wahrheit nie über die schöne Jenny hinweggekommen ist, und nur durch die Betten pflügte, um die Leere zu übertönen, die die Trennung von ihr hinterlassen hatte. Der Blick in die Zukunft, zeigt seinen Bruder als unverheirateten Mann – Connor hatte die Braut Sandra (Lacey Chabert) kurz zuvor durch die Offenbarung, dass sein Bruder vor Jahren mal etwas mit einer ihrer Brautjungfern gehabt hatte, in die Flucht getrieben – und als einzigen Gast auf Connors Beerdigung. Das ist der Moment, in dem er umdenkt, die Ehe seines Bruders durch vollen Körpereinsatz und eine flammende Rede rettet, einen zu Herzen gehenden Toast auf den Triumph der Liebe spricht und Jenny die ewige Treue schwört.

Ein Kommentar erübrigt sich anhand dieser Zusammenfassung eigentlich schon: GHOSTS OF GIRLFRIENDS PAST ist abwechselnd zahme Komödie mit klarer Sympathieverteilung, tränentreibender Schmachtfetzen und spießiges Erbauungskino vom Fließband, das durch seine Darsteller hier und da den dringend benötigten Qualitätsschub erhält. McConaughey ist als selbstzufriedenes Arschloch die Idealbesetzung und dabei so gut, dass die Freilegung eines weichen Kerns von Grund auf unglaubwürdig bleibt, Jennifer Garner hebt sich wohltuend von den sonst üblichen stromlinienförmigen oder bloß niedlichen Love Interests dieser Filme ab. Aber es sind vor allem die Szenen mit Michael Douglas als Womanizer alter Schule, komplett mit Siebzigerjahre-Hornbrille, die aus dem RomCom-Einerlei herausstechen. Da kann mit Robert Forster erwartungsgemäß lediglich ein anderer Veteran in der Rolle des Vaters der Braut (oder, wie ich aus THE WEDDING PLANNER gelernt habe, des „FOB“) mithalten: Die Hochzeitsrede des Koreaveterans, der das Zurückstopfen der Eingeweide in den Leib seines angeschosenen Kameraden als Gleichnis für das Wesen der Liebe verwendet, markiert einen späten Höhepunkt in dem zunehmend anästhesierend wirkenden Film, dem es noch nicht einmal gelingt, das mit der Reise in die Vergangenheit verbundene Nostalgiepotenzial zu heben. Wirklich ärgerlich ist indessen wieder einmal, wie jemand, der einem anderen Lebensentwurf als dem traditionellen Eheideal folgt, mit allen Mitteln zum Arschloch verzerrt wird, dem zum großen Glück nur die eigene Schwäche im Weg steht. Dabei sieht doch jeder Blinde, dass die Ehe der beiden Langweiler Paul und Sandra genau das Albtraumbündnis ist, dass Connor so markig zu beschreiben weiß. Der an Fanatismus grenzende Perfektionismus, mit dem da die Hochzeitszeremonie tagelang minutiös geprobt wird, lässt an die Organisation von Gefangenenlagern denken, und einer Frau, die über der Zerstörung einer Torte einen Nervenzusammenbruch erleidet, wünsche ich instinktiv Henry Silvas Handrücken als Therapie ins Zickengesicht. Aber wahrscheinlich muss das in diesem Filmgenre so sein, dass es keinerlei Zwischentöne gibt, ein Womanizer eben ein Traumapatient im Gewand eines Sexisten ist, und die Magie der wahren Liebe ein porentief reines Herz erfordert, das sich dann meist in kompletter blandness entäußert.

Steven Soderbergh hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht gerade als Actionspezialist einen Namen gemacht, umso erstaunlicher ist dieser Agententhriller, der sich mit einer sehr individuellen Inszenierung von Körperlichkeit, gewohnt edlen Bildkompositionen und einer bis auf die Knochen reduzierten Handlung hervortut. Und natürlich mit seiner Hauptdarstellerin Gina Carano: Die ausgesprochen attraktive Muay-Thai- und MMA-Kämpferin, die laut ihrer leicht obsessiven IMDb-Biografie „was born under a tornado warning“, nimmt ihre männlichen Gegner mit beeindruckender Effizienz und mitleidloser Härte auseinander, bewegt sich außerdem mit eleganten, fließenden Bewegungen, die wunderbar mit Soderberghs eigener, fast erotisch zu nennender Kameraführung harmonieren. Mal wird sie von ihr liebevoll umschmeichelt, befindet sich mit ihr im eng umschlungenen Tanz, dann distanziert sie sich wieder von ihr, setzt ihrem sanften Tasten und Streicheln kontrapunktische Brutalität entgegen. 

Soderbergh findet damit die ideale visuelle Form – und die perfekte Darstellerin – für den per se erotischen Agentenfilm. Ich habe hier schon häufiger gesagt, dass das Spiel mit falschen Identitäten, vorgeschobenen und verschleierten Motivationen, mit Verrat, Täuschung und Verführung, das den Agentenfilm kennzeichnet, viel mit dem Spiel gemeinsam hat, das Liebende miteinander spielen. Man beachte nur das Miteinander von Mallory (Gina Carano) und ihrem Partner, dem MI-6-Agenten Paul (Michael Fassbender), als die beiden vortäuschen, ein Ehepaar zu sein, wie sie sich gegenseitig durch ebenso vielsagende wie vieles verbergende Blicke herausfordern, beständig auf der Suche nach dem Loch in der Deckung des anderen sind. Oder man bemerke, dass die Agentin mit gleich vier Männern eine emotionale Beziehung unterhält: Mit ihrem Ex Kenneth (Ewan McGregor), der auch ihr Auftraggeber ist, mit ihrem Kollegen Aaron (Channing Tatum), der vorgeschickt wird, um sie „zurückzuholen“, mit dem erwähnten Paul und mit Scott (Michael Angarano), der das Pech hat, in Mallorys Flucht involviert zu werden. Da treffen Profis der Verführung aufeinander, die oft genug auf das „Handwerk“ des anderen hereinfallen, quasi in die Naivität des Zivilisten zurückfallen (erstaunlicherweise versteht nur der Zivilist es, Distanz zu halten). Man mag es ihnen nicht verdenken: Dieses Leben in ständiger Skepsis, unter dem ständigen Verdacht, der Freund könnte sich als Feind entpuppen, und dem daraus folgenden Zwang, ihm im Ernstfall zuvorkommen zu müssen, muss auf Dauer ziemlich anstrengend sein. So ist es ziemlich konsequent, dass HAYWIRE die Form einer 90-minütigen Verfolgungsjagd annimmt, bei der Mallory in jeder Szene das eigentliche Opfer ist, ohne es zu wissen. Sowieso ist der Film ein einziges Erstaunen und Überraschtwerden. Der Tod kommt nie dann, wenn man ihn erwartet.

Leider hat HAYWIRE bislang keine Nachahmer nach sich gezogen: Dieser sinnliche Ansatz, den Soderbergh da gefunden hat, wäre sicherlich noch weiter ausbaufähig, eine spannende Alternative zu sonst eher konfrontativ inszenierten Actionern, eine, die das Bild erweitern und dem Genre auch eine gewisse Respektabilität einbringen könnte. Überhaupt: Warum versuchen sich nicht mehr „genrefremde“ Filmemacher an diesem Genre, das doch allein aus kinetischer Sicht genug Herausforderungen für sie bereithalten sollte? HAYWIRE gibt nur einen Vorgeschmack auf das, was dabei herauskommen könnte. Toller Film.

Zwei New Yorker Cops, zwei Partner. Der eine, Nick Conklin (Michael Douglas) ungezügelt, ungebändigt, möglicherweise korrupt. Der andere, jüngere, Charlie Vincent (Andy Garcia), attraktiv, humorvoll, schlagfertig, sauber. Einer wird im Verlauf des Films, der die beiden amerikanischen Bullen nach Japan führt, sterben, der andere ihn rächen. Dabei zur Seite steht ihm ein japanischer Polizeibeamter, der von seinem Kollegen aus Übersee lernt, die Dinge etwas lockerer zu sehen, diesem im Gegenzug beibringt, was Pflicht und Ehre bedeuten. BLACK RAIN teilt mit Scotts epochemachendem BLADE RUNNER nicht nur eine lautliche Gemeinsamkeit des Titels. Der Wanderer zwischen den Welten, entlang der Demarkationslinie zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz, ist hier zum Wanderer zwischen den Kulturen geworden, auf der Suche nach der amerikanischen Identität. Das nächtliche Tokio funkelt im Neonlicht der Reklametafeln, vom Soundtrack pluckert es synthetisch, das drohende Unheil ist seltsam schön in all seiner Fremdheit – und einlullend.

Das ist es dann aber auch schon mit den Parallelen. In den knapp sieben Jahren, die bis hierhin seit BLADE RUNNER vergangen sind, ist Scott vom Regiewunderkind auf normalsterbliches Maß geschrumpft. BLACK RAIN zeigt ihn schon mitten im MIttelmaß angekommen, im hohlen Kintopp, der mit geleckten Bildern Substanz vorgaukelt, die gar nicht mehr da ist. Bei aller formalästhetischen Gefallsucht ist sein Polizeifilm schmerzhafter Beweis dafür, dass Ridley Scott kaum mehr als ein Einfaltspinsel ist, ein Chauvie im Körper eines Pseudointellektuellen. Wenn die Auseinandersetzung des Polizeifilms mit als typisch männlich apostrophierten Rollenklischees und Handlungen diese oft genug als eigentliches Übel enttarnt, geht Scott bei der Zeichnung seiner Protagonisten als schwanzgesteuerter Prolos sichtlich einer ab. Nur bei ihm ist es möglich, dass der „sympathische“ Sidekick den vermeintlich gemütlichen Teil seines Tokio-Aufenthalts mit den Worten „I’m gonna be in and out of geishas like a Times Square pickpocket“ begeht, ohne dass die sich beim Zuschauer einstellende Fremdscham beabsichtigt wäre. Das hier ist der Film, in dem der verbissen-unangenehme Held – Michael Douglas in einer seiner typischen Arschloch-Rollen eben – der amerikanischen Edelbordellbesitzerin (Kate Capshaw, die die Emanzipation ja schon mit ihrer Rolle in INDIANA JONES AND THE TEMPLE OF DOOM um Jahre zurückgeworfen hatte) am Schluss noch einen schmierigen Zungenkuss aufdrücken muss, einfach, weil das im Film bisher noch fehlte. Und auch wenn der Film, dessen Titel auf den schwarzen Regen verweist, der nach dem Abwurf der Atombombe auf Japan niederging, vielleicht als Kritik an eben jener amerikanischen Großmannssucht gedacht war, die Douglas und Garcia verkörpern: Scott planiert jeden Ansatz dieser Kritik restlos. Am Schluss überreicht der nach Hause in eine ungewisse Zukunft abreisende Conklin seinem japanischen Kollegen die Beute, um die während des Films ein mörderischer Bandenkrieg entbrannt war: Was wohl Ausdruck seiner rebellischen, antiautoritären Ader sein soll, ist nach den vorangegangenen Gesprächen über Ehrlichkeit und Gesetzestreue, in die ihn der Japaner verstrickt hatte, ein Zeichen absoluter Respektlosigkeit gegenüber dessen Wertvorstellungen und Überzeugungen. Es ist der Moment, in dem Scott die ganze Fadenscheinigkeit seines Filmchens bloßlegt. Es geht ihm nicht um interkulturelle Verständigung und Versöhnung, nicht darum, im Kontakt mit anderen Wertvorstellungen Demut zu lernen, sondern doch wieder nur um Kulturimperialismus. Am amerikanischen Wesen soll die Welt genesen. Eklig.

Dass ich trotzdem einigermaßen mit BLACK RAIN klar gekommen bin, liegt einzig und allein an der Achtzigernostalgie, mit der er den Betrachter infiziert. Wenn zu Beginn eine männliche Reibeisenstimme zu überproduziertem AOR erklingt, dazu der Dampf aus den New Yorker Gullideckeln steigt, als würde in der Kanalisation ein Freudenfeuer abgebrannt, dann finde ich das ganz einfach schön. Eine Empfindung, die sich über 120 Minuten Scott’scher Chauviekacke allerdings deutlich relativiert.