Mit ‘WiP’ getaggte Beiträge

karate_kuesse_blonde_katzen_2Eine Gruppe junger weißer europäischer Schönheiten wird von chinesischen Piraten gekidnappt und an den Hof des Verbrecherbosses Chao (Wang Hsieh) gebracht. Dort sollen die Mädchen zu Prostituierten ausgebildet und anschließend verkauft werden. Unerwartete Hilfe erhalten sie von Ko Mei Mei (Liu Hui-ling), einer Dienerin Chaos, deren Bruder Ko Pao (Yueh Hua) seit zwei Jahren an seiner Schwertkampftechnik gefeilt hat, um es mit dem Schurken und seinen Männern aufzunehmen und seine Schwester zu befreien …

Der Eastern-Hype. der in den Siebzigerjahren bundesdeutsche bzw. europäische Bahnhofskinos ebenso erfasste wie die Grindhouses in der New Yorker 42nd Street, ist ein Kulturphänomen, das für mich, der diese Zeit nicht selbst miterlebt hat, kaum real erscheint. Dass die Menschen sich damals obskure Martial-Arts-Filme gleich dutzendweise im Kino anschauen konnten und dies dann auch begeistert taten, dass Schauspieler wie Jimmy Wang-yu oder Chen Kuan-tai zu kleinen Stars avancieren konnten, klingt heute, wo die Dominanz Hollywoods – trotz der klicknahen Verfügbarkeit oskurer Filme aus aller Welt – so stark ist wie vielleicht nie zuvor, wie eine schöne Utopie. Die Befriedigung des Zuschauerbedürfnisses nach krachenden Handkantenschlägen und gezielt eingesprungenen Flugtritten wollten Filmemacher verständlicherweise nicht den asiatischen Erfindern von Karate, Kung-Fu, Taekwondo usw. überlassen. Aber offensichtlich war ihnen auch bewusst, dass sie die Vorlagen nicht selbstständig kopieren konnten, ohne massiv an credibility einzubüßen. Gern übte man also den Schulterschluss mit den Shaw Brothers, ihres Zeichens Marktführer ais Hongkong, um den eigenen Kung-Fu-Film ohne Gesichtsverlust über die Rampe zu wuchten. In den USA produzierte man so ENTER THE DRAGON und landete damit einen Riesenerfolg, ausgerechnet die altehrwürdigen englischen Hammer-Studios, bekannt für angenehm staubig-theatralisches Gruselkino, versuchten mit LEGEND OF THE SEVEN GOLDEN VAMPIRES verzweifelt, relevant zu bleiben, und in Deutschland schickte die Constantin Tausendsassa Ernst Hofbauer mit der Mission nach Fernost, eine publikumswirksame Melange aus Action, Abenteuer, Sex und Klamauk zusammenzurühren. Das Ergebnis heißt KARATE, KÜSSE, BLONDE KATZEN und beweist vor allem, dass deutscher und chinesischer Humor sehr gut miteinander kompatibel sind, Martial-Arts-Action mit hüftsteifen Miezen aber nur dann funktioniert, wenn der Betrachter von nackten Tatsachen abgelenkt wird.

Inhaltlich erinnert der Film stark an die etwa zur selben Zeit reüssierenden Women-in-Prison-Filme, wobei er weitaus weniger sadistisch zu Werke geht und in der Darstellung sexueller Devianz  weitestgehend im jugendfreien Bereich bleibt: Weiße Mädchen werden gefangen genommen und zu Sexsklaven-Arbeit verdonnert, können sich letztlich aber gegen ihren Unterdrücker erheben und ihre weibliche Überlegenheit unter Beweis stellen. Auch wenn Hofbauer dafür einige aus dem umfangreichen Shaw-Oeuvre bekannte Settings und Schauspieler für sich nutzen darf, die Kämpfe von seinem chinesischen Kollegen kompetent inszeniert und abgelichtet werden, so erkennt man doch jederzeit den Crossover-Charakter seines Films. So straight wie hier wird in den Filmen der Shaw Brothers nur selten erzählt, und es ist vor allem dieses Kleben am Plot, das KARATE, KÜSSE, BLONDE KATZEN zu einem letztlich etwas drögen Unterfangen macht. Die Story gibt nur wenig her, echtes Mitfiebern ist angesichts der Dusseligkeit der ganzen Prämisse von vornherein ausgeschlossen und es fehlt schlicht die Detailfreude und Verspieltheit, die viele Shaw-Eastern so auszeichnet. Der Film kommt über die Formel, den Sales Pitch gewissermaßen, nicht hinaus. Die Fights, die die um sich greifende Lethargie etwas auflockern könnten, sind gezwungenermaßen gebremst und unspektakulär: Am Anspruch, einen Martial-Arts-Film zu machen, ist Hofbauer am deutlichsten gescheitert. Gewiss, KARATE, KÜSSE, BLONDE KATZEN ist ganz putzig und keineswegs das unbeholfene Trash-Vehikel, das man vielleicht erwartet, aber man merkt, dass sich keiner der Beteiligten wirklich zu Hause fühlen durfte. Am besten funktioniert der Film als Komödie, weil tumber deutscher Klamauk und der ähnlich infantile chinesische Humor, wie oben bereits einmal erwähnt, wirklich hervorragend harmonieren, so gut, dass da keinerlei Nahtstelle erkennbar ist. Eigentlicher Höhepunkt ist dann auch nicht der Finalkampf gegen den bösen Chao, sondern die Episode, in der die Heldinnen an allesamt hässliche und zudem ziemlich dusselige Geldsäcke verhökert werden und diese dann ihre gerechte Strafe erhalten. Freunde deutscher Blödelsynchro freuen sich zudem über Sätze wie „Schmeckt wie Opa unterm linken Ei.“ oder Dialoge wie diesen: „Wo is‘ der Chef?“ – „Im Keller, macht’s Sportabzeichen.“

 

 

 

 

Der Frauenknast auf der sinnig benannten Isla del Muerte wird mit eiserner Hand geführt: Die psychotisch-nervöse Wärterin Thelma Diaz (Mercedes McCambridge) bestraft das kleinste Vergehen mit Kerkerhaft, ihr Vorgesetzter, der Gouverneur Santos (Herbert Lom), gibt sich nicht allzu viel Mühe, sie in Zaum zu halten. Die neu angekommene Insassin (Maria Rohm), nach ihrer Häftlingsnummer nur Nr. 99 genannt, muss gleich am eigenen Leib erfahren, was auf sie zukommt: Als sie um Hilfe für eine unter Entzugsschmerzen leidende Zellengenossin ruft, handelt sie sich eine schöne Strafe ein. Die Häufung von mysteriösen Todesfällen ruft allerdings die Regierung auf den Plan, die die Beamtin Leonie Carroll (Maria Schell) zur Untersuchung der vorherrschenden Zustände schickt. Ihre Versuche, bessere Bedingungen für die Häftlinge zu schaffen, werden aber schließlich von der Flucht dreier Damen, darunter auch Nr. 99, unterwandert …

DER HEISSE TOD gilt als Startschuss für die neue Welle von Frauenknastfilmen, die vor allem in den Siebzigerjahren über die Bahnhofskinos schwappte und dem so entstandenen Subgenre sogar ein eigenes Kürzel bescherte: WiP – Women in Prison. Etwas zu Unrecht werden die WiP-Filme meist mit schlimmstem Schmuddelkram assoziiert, dabei sind die frühen Vertreter jener Welle, wie etwa dieser hier, CAGED HEAT, THE BIG DOLL HOUSE oder auch THE BIG BIRD CAGE, durchaus respektabel; exploitativ zwar, sicherlich, aber deutlich weniger niederträchtig, billig und schäbig als das, was da etwas später, etwa unter der Regie von Mattei und Konsorten, das Licht der Welt erblicken und den Frauenknastfilm als eine besonders ekelhafte Form von Gewaltpornografie abstempeln sollte. Auch DER HEISSE TOD ist, wie eigentlich alle in jener Zeit vom Briten Harry Alan Towers produzierten Filme des Spaniers, gediegen inszeniert, gut besetzt und geschmackvoll ausgestattet, deutlich näher dran am großen, bunten und gutgelaunten Abenteuerkino der Sechzigerjahre als an der dreckigen, wütenden und hässlichen Exploitation des Folgejahrzehnts. Natürlich sind alle Zutaten, die den Frauenknastfilm auch später noch definieren sollten, schon drin: schöne Frauen (neben den bereits genannten noch Luciana Paluzzi und die tolle Rosalba Neri, die hier die ganze Zeit ganz fasziniert von ihren eigenen bestrumpften Beinen ist), Lesbensex, eine sadistische Wärterin, ein nazihafter Politiker in Militäruniform und eine Portion Sadismus. Auch die Handlungsstruktur – auf den harten Knastalltag folgt irgendwann die Flucht, die meist jedoch scheitert – wurde in späteren Filmen nur noch milde variiert. In DER HEISSE TOD ist also alles noch eine ganze Spur zahmer und gesitteter – der Sex (sehr psychedelisch meist in disorientierenden Close-ups gefilmt, die mehr andeuten als zeigen), die Gewalt (eigentlich immer offscreen) – und mit dem Einsatz von Maria Schell als stets besorgt dreinblickender Pädagogin gelingt es Franco manchmal fast, einen davon zu überzeugen, hier eines ernsthaften Human-Interest-Dramas um unmenschliche Haftbedingungen ansichtig zu werden (zumindest scheint er Maria Schell davon überzeugt zu haben, in einem solchen mitzuspielen).

Wer mit Jess Franco bislang nichts anfangen konnte, wem seine Filme immer zu billig, zu krude, zu dusselig oder zu schlampig waren, der hat mit den in Kollaboration mit Towers entstandenen Filmen – z. B. THE BLOOD OF FU MANCHU, MARQUIS DE SADE: JUSTINE, IL TRONO DI FUOCO oder EUGENIE – vielleicht eine Chance, doch noch mit dem Werk des umtriebigen Spaniers warm zu werden. Ich bin da hin- und hergerissen: EUGENIE halte ich bislang für den stärksten Film Francos, DER HEISSE TOD jedoch ist mir eine Spur zu langweilig geraten. Da würde ich dann den weniger aufwändigen, dafür aber völlig wahnsinnigen SADOMANIA jederzeit vorziehen. Kommt wohl drauf an, was man will: Die Towers-Francos sind handwerklich besser, haben bessere Production Values und sind insgesamt etwas „gebügelter“ als die anderen Francos. Ich bin mittlerweile soweit, dass ich seine Filme gerade wegen ihrer Idiosynkrasien zu schätzen weiß.

Der Amerikanerin Alex Morrison (Kimberly Kates) wird bei ihrem Aufenthalt in Prag ein Päckchen Heroin ins Gepäck geschmuggelt, woraufhin sie zu zehn Jahren Haft verurteilt wird. Sie landet in Razik, einem Gefängnis, über das die sadomasochistisch veranlagte Magda Kassar (Brigitte Nielsen) mit eiserner Hand regiert – und nebenbei ein florierendes Geschäft mit Pornos, Prostitution und Drogen leitet. Während Alex versucht, sich zu behaupten, begibt sich ihre Schwester Suzanne (Kari Whitman) auf die Suche nach ihr …

Die Anwesenheit von Brigitte Nielsen und Paul Koslo sowie die Tatsache, dass der Film in Deutschland nur gekürzt auf Video veröffentlicht worden war, ließ mich einen gepflegten Frauenknast-Hobel erhoffen, stattdessen habe ich mich 98 Minuten gelangweilt. Triebabfuhr sieht definitiv anders aus. In geleckter Videoclip-Optik, die entweder an die rammdösigen Erotikthriller erinnert, die in den späten Neunzigerjahren das Nachtprogramm der großen Privatsender dominierten, oder aber bereits den grauenvollen Digi-Video-Amateursumpf der Jahrtausendwende (inklusive Ostblock-Connection) antizipiert, bemüht sich Regisseur Simandl um Ernsthaftigkeit und Dramatik, ist aber nur darin erfolgreich, jeden Funken Spaß, jeden Hauch von Anarchie und Wahnsinn, der das WiP-Genre eigentlich auszeichnet, aus diesem Film herauszusaugen. An den kalkulierten Anstößigkeiten, die letztlich immer brav im Rahmen des Erwartbaren bleiben, nimmt man keinen Anstoß, weil der Film sowieso wie ein Softporno aussieht, und der dramatische Plot geht einem am Allerwertesten vorbei, weil die Schauspieler einen nicht für zwei Sekunden von ihren Rollen überzeugen können. Die handvoll lustiger Ideen, aus denen Regisseure wie Jack Hill, Jonathan Demme, Jess Franco oder Paul Nicholas was zu machen gewusst hätten, fallen hier dem Zusammenprall uninspirierter Regie und peinlichem Chargieren zum Opfer: ein Beispiel dafür ist etwa der Transvestit namens Bobo, der durch ein Missverständnis (!) im Frauenknast landete und nun die Garderobe für Magda und ihre Schergen entwerfen darf (!). Ich möchte es eigentlich nicht sagen, aber Brigitte Nielsen (die ich mag) passt mit ihrer unnahbar-androgynen Art irgendwie gut rein in diesen somnambulen Film, überragt ihre weiblichen Kolleginnen zudem um mehrere Kopflängen, was ihre sowieso schon beeindruckende und furchteinflößende Physis noch unterstreicht, Paul Koslo hingegen tat mir einfach nur Leid. Nicht nur, dass er in diesem Film überhaupt mitmachen muss, er hat auch noch ein denkbar uninteressante Rolle abbekommen, die durch den einzig denkbaren Plottwist des Films dann auch nicht wirklich aufgewertet wird. Die letzten zehn Minuten mit dem obligatorischen Aufstand, bei dem dann Dutzende von weiblichen Häftlingen mit Maschinenpistolen herumballern und sich die Wachmänner als grauenvoll inkompetent erweisen dürfen, entschädigt ein wenig für die vorige Langeweile, aber retten tut das diesen Rohrkrepierer auch nicht mehr. Schade drum, ich hatte mich auf den Film erhlich gefreut.

Eine Gruppe von Models – unter ihnen auch der Produzent Larry (Marjoe Gortner) und die Fotografin Joanna (Nina Van Pallandt) – wird auf dem Weg zu einem Fotoshooting über dem Amazonas von der Armee des Drogenbarons Cesar Santiago (Paul L. Smith) abgeschossen und schließlich in dessen Kerker geworfen. Als sich der Gangsterboss Vito Mastranga (John Vernon), der mit Santiago ins Geschäft kommen will, mit seinem Gefolge einfindet, gelingt den Frauen die Flucht. Ein wilder Kampf entbrennt …

Filme wie dieser treiben mir regelmäßig die Tränen in die Augen: Was waren das für goldene Zeiten, als so etwas noch produziert wurd? In Deutschland! Und dann auch noch im Kino lief! Aufwändiges, buntes, bescheuertes, aber eben auch durchweg knalliges Exploitationkino mit einer Besetzung, die jedem Filmfreund das Klappmesser in der Hose aufgehen lässt. Feiste Action, ohne Anspruch auf Relevanz, aber mit der heiligen Motivation gedreht, den Zuschauern 90 Minuten lang Feuer unter dem Arsch zu machen. Filme, in denen wirklich ein Flugzeug über den Amazonas fliegt, wenn ein Flugzeug über den Amazonas fliegen soll. Filme, in denen wirlich ein Haus in die Luft gejagt wird, wenn ein Haus in die Luft fliegen soll. Filme, in denen einem Mann Holzpflöcke am Körper festgeklebt werden, wenn er von solchen durchbohrt worden sein soll. Filme, in denen ein Pappkopf durchs Bild rollt, wenn jemand enthauptet wurde. Filme, in denen alles das, was man sieht, tatsächlich vor der Kamera umgesetzt und nicht nachträglich per Rechner reingemogelt wurde. Filme, die ihr Herz gewissermaßen am Revers tragen, bei denen man zu jeder Zeit weiß, woran man ist, was man erwarten kann und das dann auch bekommt. Filme, in denen Models Models sind, Drogendealer Drogendealer, und Söldner eben Söldner. Filme, die damit enden, dass die Guten überleben und die Bösen für ihre Untaten ins Gras beißen, und denen das genug ist.

EUER WEG FÜHRT DURCH DIE HÖLLE passt nur bedingt ins WiP-Subgenre, die Kerkereinlagen sind nur kurz, aber im Geiste schließt er an CHAINED HEAT und RED HEAT: UNSCHULDIG HINTER GITTERN perfekt an. Alle drei Filme aus einer Zeit, die ich schmerzhaft vermisse, als Exploitation und Pulp wie dieser sich nicht nur eine genau abgesteckte „Zielgruppe“ von Nerds, sondern an alle Kinogänger richteten und von diesen genauso wenig in eine voretikettierte Schublade gesteckt wurden. Als Filmemacher noch keinen Hehl daraus machten, dass es ihnen nicht um diesen oder jenen moralisch hehren Zweck ging, sondern darum, Geld zu verdienen, aber dann trotzdem kompromisslosere Filme ablieferten als diese rückgratlosen Windeier heute. EUER WEG FÜHRT DURCH DIE HÖLLE ist die volle Breitseite und lebendige Nostalgie für Menschen, die sich noch an jene Tage erinnern, als Filmplakate von GEHEIMCODE WILDGÄNSE die Litfasssäulen zierten. Hier stimmt alles. Sogar der scheußliche Titelsong, dessen kehlkopfkrebskranke Sängerin die Fistelstimme vom damaligen Popsternchen Stefanie von Monaco wie das Organ von Anna Netrebko klingen lässt. Und jetzt: Lasset uns beten.

Christine Carlson (Linda Blair) besucht ihren Freund Mike (William Ostrander), einen in Deutschland stationierten US-Soldaten, um ihn zu heiraten. Nach einem Streit mit ihm verlässt sie nachts das gemeinsame Hotelzimmer, wird unfreiwillig Zeugin, wie die Wissenschaftlerin und Überläuferin Hedda Kleemann (Sue Kiel) von zwei DDR-Agenten überwältigt wird und mit ihr zusammen hinter den Eisernen Vorhang verschleppt. Nach quälenden Verhören gesteht sie ihre angebliche Schuld und wird wegen Spionage zu drei Jahren Haft verurteilt. Im Knast führt die sadistische, lesbische Gefängnisdirektorin Einbeck (Elisabeth Volkmann) mithilfe ihrer Gespielin, der Gefangenen Sofia (Sylvia Kristel), ein hartes Regime, unter dem die als Staatsfeindin gebrandmarkte Christine zu zerbrechen droht. Und Mike kämpft in der Zwischenzeit gegen die Mühlen der Bürokratie, um seine zukünftige Ehefrau ausfindig zu machen …

Es wird immer besser. RED HEAT: UNSCHULD HINTER GITTERN ist nicht nur eine runterziehende Sleaze-Granate mit einer furchteinflößenden Elisabeth Volkmann, er gewinnt durch sein Kalter-Krieg-Szenario auch noch zusätzliche Sprengkraft, geht über den Rahmen des Exploitationkinos weit hinaus und gewinnt Bedeutung als einzigartiges Zeitzeugnis. Wer wissen will, was die Achtzigerjahre neben lustigen Frisuren, komischen Accessoires und plastikhafter Wave-Musik auszeichnete, wird hier a) fündig, b) sein blaues Wunder erleben und c) sein bisheriges Bild dieser Zeit überdenken müssen. RED HEAT ist Paranoia- und Propaganda-Kino vom Feinsten, öffnet das Fenster in eine Zeit, als das Böse ganz reale Gestalt hatte und geografisch genau zu verorten war; als man zwar lustige Sonnenbrillen trug (wieChristine in ihrer ersten Szene), aber sich damit vielleicht nur von der drohenden Gefahr des atomaren Krieges ablenken wollte; als man in Westdeutschland quasi noch die Hitze des hinter der Mauer züngelnden Höllenfeuers spüren konnte. RED HEAT ist ein perfider Titel, weil er auf der einen Seite das Lodern der sexuellen Leidenschaften und des schwelenden politischen Konflikts adressiert, aber dann viel eher eine eisige Kälte abbildet, in der jede Menschlichkeit erst taub wird und dann abstirbt. Der ganze Film ist in Schwarz-, Blau- und Grautönen gehalten und das rosige Babyspeck-Gesicht von Christine verwandelt sich im Laufe der 95 Minuten in eine aschfahle Totenmaske. Schlimmer als der Tod ist nur ein Gefängnis im Ostblock, in dem man im wahrsten Sinne des Wortes lebendig begraben wird. Tangerine Dream spielen dazu den Totentanz auf ihren Maschinen.

Wie so viele andere westliche Filme, die sich mit dem Feind im Osten auseinandersetzen, bemüht sich auch RED HEAT, den Gegner als unmenschlich, irrational und grausam zu zeichnen, und so durchsichtig die Mittel, die er wählt, auch sind, es ändert nichts daran, dass er immens effektiv ist: Die Beamten, die Christine verhören, sieht man kein einziges Mal, man hört nur ihre Stimmen; der Gerichtssaal ist vollkommen abgedunkelt, wird nur von einem gleißend weißen Licht erhellt, das durch ein Fenster fällt, vor dem sich die unerbittlichen Richter als gesichtslose Schemen abzeichnen. Die „Liebesspiele“, die Einbeck und Sofia mit ihren Opfern spielen, werden nur in kurzen, wenig enthüllenden Einstellungen eingefangen, die die Angst und Verzweiflung, die sich auf deren Gesichtern danach abzeichnet, noch schwerer wirken lässt. Der ganze Film versinkt mehr und mehr in einer Dunkelheit, die auch die finale Rettung Christines nicht mehr wirklich aufzulösen vermag. Der Film endet mit einem Freeze Frame, just in dem Moment, in dem sich die Schranke am Grenzübergang in die Freiheit öffnet. Christine wird die DDR nie ganz verlassen. Und selbst wenn: In der Heimat, wo man sich für ihren Verbleib nicht interessiert hat, ist es kaum besser.

Eine Szene möchte ich noch kurz exemplarisch beschreiben: Christine schreibt einen Brief an ihren Mike, ihre Stimme rezitiert das Geschriebene als Voice over. Sie sagt, wie sehr sie ihn vermisst, wie sehr ihr der Gedanke an ihn Trost bietet, wie sehr sie sich wünscht, er nehme sie in den Arm und sage ihr, das alles gut werde. Sie wisse nicht, ob dieser Brief ihn je erreichen werde. Die Kamera fährt durch ihr Zimmer, filmt sie schreibend auf ihrem Bett liegend, blendet schließlich mit dem letzten Satz kaum merklich über zu dem Beamten, der die Briefe kontrolliert, sie auf verräterische Inhalte prüft. Seine Hand – man sieht wieder kein Gesicht – zerknüllt den Brief, unterbricht damit jäh Christines Stimme und wirft den Brief auf einen großen Haufen weiterer Briefe, die ihre Adressaten niemals erreichen werden. Schweigen.

Carol Henderson (Linda Blair) wird zu 18 Monaten Haft verurteilt, weil sie einen Mann überfahren hat. Doch in dem Gefängnis, in dem sie ihre Strafe absitzen soll, tobt ein Machtkampf zwischen dem Gefängnisdirektor Bacman (John Vernon), der einen regen Drogenhandel betreibt und seine Sexspielchen mit den Häftlingen auf Video festhält, und der Wärterin Taylor (Stella Stevens), die das Drogengeschäft im Knast gemeinsam mit ihrem Partner Lester (Henry Silva) unter ihre Kontrolle bringen will. Derweil muss sich Carol gegen das Alphatier Ericka (Sybil Danning) behaupten, die als Bacmans langer Arm und Drogendealer fungiert. Zum Glück schlägt sich Duchess (Tamara Dobson), die Anführerin der schwarzen Häftlinge, auf ihre Seite. Die Situation spitzt sich zu …

Das Women-in-Prison-Subgenre mag man vor allem mit europäischem Schmuddelkino und den Siebzigerjahren in Verbindung bringen, dennoch stimme ich nach meinem ausgedehnten Ausflug hinter schwedische Rüschengardinen den Stimmen zu, die CHAINED HEAT als die Gottwerdung des Genres bezeichnen. Das hat natürlich unmittelbar etwas mit meinen filmischen Vorlieben zu tun: So fein der so genannte Eurotrash auch ist, seine produktionstechnischen Unzulänglichkeiten stehen einer vollen Durchschlagskraft oft etwas im Wege. Anders verhält sich das für mich mit dem kleinen, aber feinen Korpus US-amerikanischer Exploitationreißer der Achtzigerjahre, die ihren europäischen Pendants in Sachen Rotzigkeit, Härte und Düsternis meist in nichts nachstanden, aber dafür mit ordentlichen Production Values und natürlich dem unvergleichlichen Großstadt-Neonlook ausgestattet waren. CHAINED HEAT steht für mich auf einer Stufe mit solchen Masterpieces wie VICE SQUAD, WALKING THE EDGE, SAVAGE STREETS oder DEATH WISH 2 und 3, beinhaltet alles, was man von einem WiP-Film erwarten darf und durchbricht dann die Schallmauer, weil einem die Überdosis Sleaze hier in Hochglanzverpackung verabreicht wird.

Linda Blair ist eine ideale Besetzung für das brave Mittelklasse-Weibchen, dessen Welt plötzlich heftig ins Wanken gerät, und sie bindet die Sympathien des Zuschauers mühelos an sich. Werden WiP-Filme sonst meist von toughen Bitches angeführt, denen keine Demütigung etwas anhaben kann, brechen bei ihr schon beim Eintritt in den Knast alle Dämme. Das verankert den Film in der Realität und schafft emotionale Resonanz, die ein solides Fundament für die folgenden Exzesse bildet, ihrem Triumph am Ende eine durchaus auch tragische Note verleiht: Sie kommt mit dem Leben davon, aber um welchen Preis? Sybil Danning und Tamara Dobson sind natürlich die Ahninnen von Pam Grier und Konsorten und wenn die beiden aufeinanderprallen, möchte man auch als Mann das Weite suchen. Mit solchen Besetzungscoups geht es weiter: Die zarte Stella Stevens gewinnt schon dadurch an ungeahnter Autorität, dass sie Betonfresse Henry Silva – in einer unerwartet gesprächigen Rolle – befehligt, und der seit NATIONAL LAMPOON’S ANIMAL HOUSE stets auf humorlose und cholerische Schreibtischtäter abonnierte John Vernon liefert die Definition für den Begriff „slumming“: Seine Rolle lässt keinen anderen Schluss zu, als dass ihm damals bereits alles scheißegal war. In einem Büro, dass einem Edelpuff alle Ehre machen würde, verführt er die weiblichen Häftlinge zu Schäferstündchen in seinem Jacuzzi, markiert ihnen gegenüber den verständnisvollen Großonkel mit dem Raubtiergebiss und verliert dabei nie die stählerne Autorität, die man an ihm zu schätzen gelernt hat.

Aber das sind ja nur die Zutaten, die Paul Nicholas dann zu einem würzigen Eintopf verrührt, den er mit saftigen Gewalt- und Fleischeinlagen abschmeckt. Der Score peitsch mit seinen Synthies schön nach vorn, die Story spitzt sich immer mehr zu, bis am Schluss jeder sein Fett wegbekommen hat und Pausbäckchen Carol sich vom Mauerblümchen in die Phalanx der Amazonen vorgekämpft hat, die Männern erst das Rückgrat brechen und sie dann mit Haut und Haaren verspeisen. Es erübrigt sich für mich zumindest nach dieser ersten Sichtung, lange Exegese zu betreiben, CHAINED HEAT zu intellektualisieren: Er ist ein rohes, aber gut abgehangenes Stück Fleisch, ein heftiger Tritt in den Arsch, ein gewonnener Faustkampf, eine Motorradfahrt mit runtergelassenem Visier, ein einziger Adrenalinrausch, animalisch, primitiv, dreckig, geil. Hat mich einfach nur gekickt, das Teil.

Den Mord ihres Bruders an einem Drogendealer nimmt die junge Angela Duvall (Suzane Carvalho) auf sich und wandert für 18 Jahre in den Bau. Dort kommt der Arzt Dr. Cuña (Henri Pagnoncelli) hinter das Geheimnis der Frau und versucht, ihre Unschuld zu beweisen. Doch just in dem Moment, in dem ihm das gelingt und er eine Freilassung erwirkt, bricht im Gefängnis eine Revolte aus, in deren Folge Angela mit einigen anderen Frauen die Flucht in den Urwald gelingt. Und der fanatische Captain Bonifacio (Leonardo José) denkt gar nicht daran, Rücksicht auf die Unschuldige zu nehmen …

Michele Massimo Tarantini erzählt seine Geschichte in einer Rückblende und versucht so die exploitative Schlagseite seines Films hinter einer seriösen Human-Interest-Fassade zu verbergen. Eine Texttafel zu Beginn gaukelt hehre Ansprüche vor, doch kann auch der in der ersten Hälfte vergleichsweise sparsame Einsatz von Sex & Gewalt nicht darüber hinwegtäuschen, worum es hier geht. Und es ist ja nicht zuletzt genau diese Vortäuschung falscher Tatsachen, die den Exploitation-Heuler kennzeichnet. Echte Stimmung kommt vor allem ab der Revolte auf, wenn der Film sich vom Knast weg- und in den Urwald Brasiliens bewegt, aber natürlich hat auch das groschenromanhafte Pendeln zwischen „ernstem“ Drama und selbstzweckhaftem Sex was. Die Knastszenen sind schön siffig, die brasilianischen Schönheiten immer dekorativ verschwitzt und nett anzuschauen. Besonders gut hat mir aber eine fette Negermama (man verzeihe mir die political incorrectness, aber der Begriff passt einfach) gefallen, die sich der Heldin annimmt und während der Revolte einer Verräterin kurzentschlossen den Kopf absäbelt. Sobald es in den Urwald geht, fühlt man sich in alte Söldnerfilme versetzt, wird rumgeballert, dass es nur so eine Art ist und auch mal mit einer Anaconda gerungen. Die Schlusspointe schließt den Kreis zum Anfang und gibt der attraktiven Suzana Carvalho nochmal die Gelegenheit, ihre schönen Brüste im nassen Kleid zu präsentieren, bevor eine weitere Texttafel den Zuschauer mit seinen selbstverständlich porentief reinen Gedanken allein lässt.

Der Film ist deutlich besser, als sich das jetzt möglicherweise anhört, deutlich weniger niederträchtig und schmuddelig, als die WiP-Trasher, die sonst so aus Italien kamen, sauber inszeniert und gut gespielt. Vielleicht ist das in der Zeit begründet, denn 1985 war wohl nicht mehr ganz so viel möglich, wie noch ein paar Jahre zuvor. Es kann aber auch an Regisseur Tarantini liegen, der ein Freund der schönen Dinge war, wie man unschwer seiner Filmografie entnehmen kann, in der sich solche wohlklingenden Titel tummeln wie FLOTTE TEENS UND HEISSE JEANS, POLITESS IM SITTENSTRESS, FLOTTE BIENEN AUF HEISSEN MASCHINEN, HELM AUF – HOSE RUNTER oder auch DIE LETZTEN HEULER IN DER MARINE. Wo bleibt die Box?